Die Skalpjäger – Thomas Mayne Reid

Entrollt die Weltkarte und blickt auf den großen nördlichen Continent von Amerika. Fern in dem wilden Westen — der untergehenden Sonne zu — fern hinaus über die Meridiane der vereinigten Staaten laßt Eure Augen wandern, werft sie dorthin, wo goldene Flüsse zwischen den Berggipfeln, welche mit ewigem Schnee bedeckt sind, entspringen, laßt sie dort verweilen. Ihr erblickt ein Land, dessen Oberfläche noch nicht von menschlichen Händen gefurcht ist, — welches noch die Zeichen der Formung durch den Allmächtigen ebenso deutlich zeigt, wie am Morgen der Schöpfung, ein Land, in dem jeder Gegenstand das Gepräge Gottes trägt. Sein allmächtiger Geist lebt in der stummen Größe der Berge und spricht aus dem Brausen seiner mächtigen Flüsse. Es ist eine Gegend voller Romantik — reich an Abenteuern. Folgt mir mit Eurem innern Auge durch Scenen wilder Schönheit und Erhabenheit. Ich stehe auf einer weiten Ebene; ich wende meine Augen nach Norden, nach Süden, nach Osten und Westen, und sehe dieselbe auf allen Seiten von dem Blau des Himmels umgürtet. Weder Felsen, noch Baum unterbricht den Ring des Horizonts. Was unterbricht die weite Fläche zwischen mir und ihm? Holz? Wasser? Gras? — nein — Blumen! So weit mein Auge trägt, ruht es nur auf Blumen — auf schönen Blumen! Ich blicke, wie auf eine colorirte Karte — ein, von allen Farben des Prismas, glänzendes Emailgemälde. Dort, wo die Sonnenrose ihr zifferblattartiges Gesicht der Sonne zuwendet, ist Alles golden-gelb dort, wo die Malve ihr rothes Panier schwingt, ist es scharlach; hier ist ein Beet von der purpurnen Monarda — dort zeigt die Euphorbia ihr Silberblatt, — in jener Richtung herrscht das Orange in den Blumen der Asclepia vor, und jenseits derselben schweift das Auge über die rosenfarbig blühende Cleome. Der Wind bewegt sie; Millionen von Blumenkronen lassen ihre bunten Standarten flattern; die hohen Stengel der Sonnenrosen beugen und erheben sich in langen Wellenlinien, wie die Wogen eines goldenen Meeres. Sie sind wieder in Ruhe. Die Luft ist mit Düsten angefüllt, die süß sind, wie die von Arabien und Indien. Myriaden von Insecten flattern mit ihren bunten Schwingen, wie fliegende Blumen. Die Colibris schwirren, wie Sonnenstrahlen, blitzend umher, oder trinken, auf ihren rauschenden Schwingen ruhend, aus den Nektarbechern, und die wilde Biene hält sich mit schwer beladenen Füßen an den Honigpistillen fest, oder verläßt sie, um ihren fernen Bau mit einem Freudengesange aufzusuchen.

Wer hat diese Blumen gepflanzt? wer hat sie zu diesen bunten Beeten verwoben? Die Natur! Es ist ihr reichster Mantel, herrlicher in seinen Farben, als die Shawls von Cashemir. Dies ist „die Unkrautprairie“; sie führt ihren Namen mit Unrecht: es ist der Garten Gottes. * Der Schauplatz hat sich verändert. Ich bin in einer Ebene, wie vorher und der Schauplatz liegt in einem ununterbrochenen Kreise um mich auf der Erde. Was erblicke ich? Blumen? Nein, es ist keine einzige Blume zu sehen, sondern eine ungeheure Fläche lebendes Grün. Von Norden nach Süden, von Osten nach Westen, breitet sich die Prairiewiese, grün, wie ein Smaragd, und glatt, wie die Oberfläche eines schlummernden Sees aus! Der Wind zieht über sie hin und bewegt die Seidenhalme. Sie schwanken und das Grün erhält hellere und dunklere Färbung, wie die Schatten von Sommerwolken, welche an der Sonne vorüberziehen. Das Auge schweift ohne Hemmniß darüber. Vielleicht begegnet es den dunklen, zottigen Gestalten des Büffels, oder erkennt die zarten Umrisse der Antilope; vielleicht folgt es in angenehmer Verwunderung dem wilden Galopp eines schneeweißen Rosses. Dies ist die „Grasprairie“, die unbegrenzte Weide der Bison.

* Der Schauplatz verändert sich. Die Erde ist nicht mehr eben, aber noch eben so baumlos und grün, wie vorher. Die Oberfläche zeigt eine Reihenfolge von parallelen Wellenlinien, die hier und da zu glattrunden Hügeln anschwellen. Sie ist mit einem weichen Rasen von glänzendem Grün bedeckt. Diele Wellenlinien erinnern an den Ocean nach einem mächtigen Sturme, wo der weiße Schaum auf den Wellen verschwunden ist, und die langen Wogen, sich überstürzend, herankommen. Sie sehen aus, als wären sie einst solche Wogen gewesen, die ein allmächtiges Gebot in Erde verwandelt und plötzlich zum Stehen gezwungen hätte. Dies ist die „rollende Prairie“. * Von Neuem verändert sich der Schauplatz. Ich bin von hellen, glänzenden Blumen umgeben, aber die Aussicht wird durch Haine und Gruppen von Bäumen unterbrochen. Das Laub ist verschiedenartig, seine Farben sind lebhaft und seine Umrisse weich und graziös.

Indem ich vorwärts schweife, eröffnen sich mir beständig neue Landschaften — parkartige, malerische Ansichten. Banden von Büffeln, Rudel von Antilopen und Heerden wilder Pferde zeigen sich in der Ferne, Truthühner laufen in das Gebüsch und Fasanen schwirren von meinem Pfade auf. Wo sind die Eigenthümer dieser Ländereien, dieser Heerden und Vögel? Wo sind die Häuser — die Paläste, welche zu diesen fürstlichen Parks gehören sollten? Ich blicke um mich, und erwarte die Zinnen hoher Burgen hinter den Hainen aufragen zu sehen. Aber nein. Auf hunderte von Meilen in die Runde entsendet kein Schornstein seinen Rauch. Trotz ihres bebauten Aussehens wird diese Gegend doch nur von dem mit Mocassin bekleideten Fuße des Jägers und seines Feindes, des rothen Indianers, betreten. Dies sind die „Mottes“ — die Inseln des Prairiemeeres. * Ich bin im tiefen Walde; es ist Nacht und das Holzfeuer wirst seinen zinnoberrothen Glanz malerisch auf die Gegenstände, welche unsern Bivouac umgeben. Mächtige Stämme stehen rund um uns her, und massive, graue, riesenhafte Aeste strecken sich über uns aus. Ich betrachte die Rinde.

Sie ist zersprungen und hängt in breiten, nach außen gekraus’ten Schuppen, fast langen, schlangenartigen Parasiten gleichend, von Baum zu Baum und umschlingt die Stämme, als ob sie sie erdrücken wollte. Zu meinem Haupte sind keine Blätter sichtbar, sie sind reif geworden und abgefallen, aber das weiße spanische Moos, welches guirlandenartig die Aeste schmückt, hängt weinend herab, wie die Draperie eines Sterbebettes. Umgestürzte, halb vermoderte Stämme von mehreren Ellen im Durchmesser liegen auf dem Boden. Ihre Enden zeigen große Höhlungen, wo das Stachelschwein und Opassine gegen die Kälte Schutz gesucht haben. Meine Kameraden liegen, in ihre Decken gewickelt, auf dem abgestorbenen Laub ausgestreckt — und schlafen. Sie haben die Füße dem Feuer zugewendet und ihre Köpfe ruhen in der Höhlung ihrer Sättel. Die Pferde stehen um einen Baum, um dessen untere Aeste sie gebunden sind, und schienen ebenfalls zu schlafen. Ich bin wach und lausche. Der Wind hat sich erhoben; er pfeift in den Bäumen und macht die langen, weißen, wimpelartigen Moosguirlanden erzittern. Er verursacht eine wilde, wehmüthige Musik.

Sonst vernehme ich nur wenig Töne, und der Laubfrosch und die Cicade schweigen. Ich höre das Prasseln der Fichtenknoten im Feuer — das Rascheln des trockenen Laubes, welches von einem Wirbelstoße aufgetrieben wird — das Uhu der weißen Eule — das Bellen des Waschbärs und von Zeit zu Zeit das jammernde Geheul der Wölfe. Dies sind die nächtlichen Stimmen des Winterwaldes. Es sind wilde Klänge, und doch giebt es in meinem Herzen eine Saite, welche unter ihrem Einflusse vibrirt, und mein Geist färbt sich mit Romantik, während ich daliege und ihnen lausche. * Der Wald im Herbst — noch im Besitz seines vollen Laubes. — Die Blätter sind so bunt gefärbt, daß sie Blumen gleichen. Sie sind roth und gelb und goldig und braun. Der Wald ist jetzt warm und köstlich und die Vögel flatterten zwischen den beladenen Zweigen umher. Das Auge schweift entzückt in langen Durchsichten hinab und über sonnenhelle Lichtungen. Es wird von dem blitzenden, bunten Gefieder, dem goldenen Grün des Papagey’s, dem Blau der Elster und den orangenen Schwingen des Oriol angezogen.

Der Scharlachvogel flattert tiefer unten in dem Dickicht von grünen Papapflanzungen, oder unter den bernsteinfarbigen Blättern der Buchen. Hunderte von winzigen Schwingen flattern durch die Oeffnungen und glitzern in der Sonne, wie Edelsteine. Die Luft ist von Musik, von süßen Tönen der Liebe erfüllt. Das Bellen des Eichhorns, das Girren gepaarter Tauben, das Ra-ta-ta des Hähers und das beständige, tactmäßige Zirpen der Cicade erklingen alle zusammen. Hoch oben auf einem Zweige des Wipfels läßt der Spottvogel seine nachahmenden Töne erschallen, als ob er alle übrigen Sänger zum Schweigen bringen wolle. * Ich bin in einer Region von brauner, nackter Erde und gebrochnen Umrissen. Es sind Felsen und Klüste und Flecken unfruchtbaren Bodens. Seltsame vegetabilische Gestalten wachsen in den Klüsten und hängen in den Felsen. Andere sind von kugelförmigen Gestalten und ruhen auf der Oberfläche der dürren Erde; noch andere erheben sich scheitelrecht zu einer großen Höhe, wie geschnitzte, canellirte Säulen; einige treiben Aeste — gekrümmte zottige Aeste, mit haarigen, ovalen Blättern, und doch haben alle diese vegetabilischen Formen in ihrer Farbe, ihren Früchten und Blüthen eine Gleichartigkeit, welche verkünden, daß sie zu einer Familie gehören: es sind Cactusarten. Ich befinde mich in einem mexicanischen Nopalwalde.

Mein Auge erblickt noch eine andere eigenthümliche Pflanze. Sie treibt lange, dornige, abwärts gekrümmte Blätter. Es ist die Agave, die weit berühmte Mezcalpflanze von Mexico. Hier und da mischen sich Acacien- und Mezquitabäume, die Bewohner der Wüste, unter die Cacteen. Kein heiterer Gegenstand gewährt dem Auge Abwechselung, kein Vogel ergießt seine Melodien in das Ohr, die einsame Eule flattert hinweg in das undurchdringliche Dickicht — die Klapperschlange gleitet in seinem Schatten dahin, und der Coyote schleicht durch seine stillen Räume. * Ich habe einen Berg nach dem andern erstiegen und immer noch sehe ich, hoch über mir, von nie schmelzendem Schnee gekrönt, Gipfel aufragen. Ich stehe auf überhängenden Klippen und schaue in unter mir gähnende Schlünde hinab, die im Schweigen der Verödung schlafen. Große Felsentrümmer sind in sie gefallen, und liegen übereinandergeschichtet da; andere hängen drohend über, als warteten sie auf eine Erschütterung der Atmosphäre, die sie aus ihrem Gleichgewicht schleudern solle. Düstere Abgründe flößen mir Furcht ein und vor meinen Augen verschwimmen die Gegenstände in schwindelnder Ohnmacht. Ich halte mich an einen Fichtenstamm, oder an eine Ecke eines festen Felsens.

Ueber mir, unter mir, um mich her sind in chaotischer Verwirrung Berge gehäuft. Die einen sind nackt und kahl, die andern zeigen Spuren von Vegetation in den dunkeln Nadeln der Fichte und Ceder, deren verkrüppelte Gestalten halb auf den Klippen wachsen, halb von ihnen herabhängen. Hier ragt ein kegelförmiger Gipfel herauf, bis er in Schnee und Wolken verschwindet. Dort erhebt ein Bergrücken seine scharfen Umrisse gegen den Himmel, während auf seinen Abhängen mächtige Granitgerölle liegen, die, wie von Titanenhänden hinabgeschleudert, aussehen. Ein furchtbares Ungeheuer — der graue Bär — schleppt seinen Körper über die hohen Bergrücken dahin; der Carcajou kauert auf den überhängenden Felsen und erwartet das Elenn, welches auf seinem Wege nach dem Wasser unter ihm vorüberkommen muß, und das wilde Schaf springt von Klippe zu Klippe, um sein scheues Weibchen zu suchen. Auf dem Fichtenaste wetzt der Aasgeier seinen schmutzigen Schnabel, und der über Allen schwebende Kriegsadler zeichnet sich scharf gegen das blaue Himmelsfeld ab! Dies sind die Felsengebirge — die amerikanischen Anden, — die colossale Wirbelsäule des Continents! * So sieht es im wilden Wellen aus — dies sind die Decorationen unseres Drama’s. Wir wollen den Vorhang aufziehen und die Personen auf die Bühne bringen.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

PDF • Kostenlose eBooks © 2020