Europäisches Reisebuch – Josef Ponten

Wie groß ist Rußland? Alexander von Humboldt antwortet: Wie die Scheibe des Mondes. Und Rußland ist größer als das übrige Europa zusammengenommen. Man fährt von Petersburg bis Moskau eine Nacht, aber von Moskau bis Saratow an der Wolga schon 20 Stunden. Und wenn man in Tiflis eine Fahrkarte löst nach Moskau und fragt nach der Zeit der Ankunft, so erhält man zur Antwort: Am Morgen des fünften Tages. Man hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Westeuropäer das Innere Rußlands später kennengelernt, „entdeckt“ haben als Amerika. Man braucht in Rußland sehr viel Zeit, und also hat man sie. Seitschaß = sogleich bedeutet: in absehbarer Zeit, und in Finnland gibt es den Spruch: Nichts ist auf der Erde so billig wie Zeit. Das klingt fremd den Ohren von uns Menschen, für die gerade die Zeit teuer zu werden beginnt. Und andersartig ist auch, was das Auge in Rußland zu sehen bekommt. Ist bei uns in Europa die reine Ebene selten und bewegtes Gelände die Regel, so ist in Rußland bewegtes Gelände, namentlich durch tektonische Erdbewegung bewegtes Gelände, selten zu sehen und die Ebene die Regel. Nicht so zu verstehen, als ob die Fläche unbedingt platt sei und als ob nicht die Winde und das Wasser aus Quell und Wolke, besonders gegen Norden, an ihr gebildet hätten. Die Ströme sind manchmal recht tief eingeschnitten, und das setzt in diesem ebenen Lande eine Bewegung in Form einer Gesamthebung in bezug auf das Meer voraus, indem die einzelnen Teile unbewegt blieben. Die Fortsetzung Rußlands nach Westeuropa hinein ist die sogenannte norddeutsche Tiefebene. Auch sie verdankt ihre letzten Formen dem skandinavischen Eisschilde, wie große Teile der russischen, aber die An-und Ausschüttungen dieses Eises, die als Höhenzüge, Wälle, „Landrücken“ zurückblieben, sind mindestens gleich hoch wie die Höhen gleicher Entstehung in Rußland (die Waldaihöhen, der russischen Ebene höchste Erhebung, bleiben noch einige Meter unter dem Turmberg bei Danzig zurück), in Rußlands Weite scheint sich der Eisschild verflacht und ausgedünnt zu haben. Da in einem weiten Lande wie Rußland solche Höhen gleichsam ertrinken, so kommt es also, daß man in Rußland als erstes und letztes, als überwältigendes und fast als einziges Erlebnis der Landschaft das der E b e n e hat.

Ebene nach allen Weiten und Seiten, Ungehemmtheit des Schreitens nach allen Richtungen der Windrose. Wenn man in Rußland eine Nacht durch mit der Eisenbahn gefahren ist und morgens zum Wagenfenster hinausschaut (es ist doppelscheibig, und im Winter sind die Fensterränder vergipst), so sieht man fast dieselbe Landschaft wie am Abend vorher, wenn dem Kenner auch leichte und feine Veränderungen auffallen mögen, und ein Landschaftsgieriger wird es seinem Gewissen abgewinnen können, auch am Tage ein Stündchen zu schlafen. Jeder Reisende hat ja auch am Tage, auch in der untersten, der dritten (heute der „harten“, im Gegensatz zur andern, der „weichen“) Klasse einen Liegeplatz, die Wagen sind geräumiger und haben mehr Gepäckraum, werden auch weniger besetzt als bei uns – in der „weichen Klasse“ mit zwei Personen auf jeder Seite wie bei uns in der ersten, in der „harten Klasse“ mit drei wie bei uns in der zweiten, ganz zu schweigen von den vier in der dritten, so daß man also, wenn die Züge wieder schnell fahren werden, sagen muß: die russischen Eisenbahnen sind besser als die deutschen – das gehört irgendwie auch zur russischen Landschaft. Obgleich mit der Scheibe des Mondes messen mit nicht sehr großem Maße messen heißt, so heißt es doch mit einem kosmischen Maße messen, vor dem jede Blasiertheit blaß und kleinlaut wird. Und etwas Kosmisches, unmittelbare Auswirkung der Drehung der Erde empfindet man, auf einem der einseitig hohen Ufer der großen russischen Ströme stehend, im Wissen um das Baersche Gesetz, dessen Richtigkeit noch nicht bewiesen, das aber äußerst bestechend ist: wonach nämlich wegen der Rechtsablenkung aller geradlinigen Bewegungen auf dem von Westen nach Osten drehenden Erdkörper die bewegte Masse der Flüsse sich an das rechte Ufer dränge, diese bespüle und unterwasche und so in Laufe langer Zeiten ein steiles und hohes rechtes, ein flaches niedriges linkes Ufer erzeuge. Was nun auch der Grund sein mag, die Erscheinung ist meistens oder sehr oft festzustellen. Bei den südwärts fließenden Strömen wie Dnjepr, Don und Wolga ist also das hohe Ufer das westliche, das flache das östliche („Bergufer“ und „Wiesenufer“ sagt man an der Wolga), bei den nordwärts fließenden ist das östliche das steile, das westliche das flache, wie z. B. am Jenissei in Sibirien (auch an der Weichsel bei Marienwerder, an der Elbe bei Blankenese). Wenn man auf dem hohen Dnjeprufer bei Kijew steht und über den breiten Strom in die weite Ebene der kleinrussischen Wälder hinblickt, wenn man vom hohen Bergufer der Wolga, das bis zur Höhe der höchsten Erhebung der russischen Tafel in Waldai ansteigt, den Blick über das majestätische Wasser auf die Steppe des Wiesenufers richtet, über echte Steppe von wilden und künstliche von Fruchtgräsern, so dienen diese Höhen dem Erlebnis von Weite; denn von ihnen aus kann man ein großes Stück der Ebene überschauen und kann sogar – in der reinen Luft – um ein Beträchtliches über den normalen Horizontkreis und die gewöhnliche Kimmlinie hinausschauen.

Das Erlebnis der Ebene selbst aber hat man am reinsten und stärksten in der rechten echten Steppe, nördlich vom Kaukasus zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer, in der Kubansteppe, wo die Kalmücken wohnen. Das leidige schnelle Eisenbahnreisen, gegen das derjenige, der von Landschaft begeistert ist, eine rechtschaffene Abneigung hat, hier in dieser Steppe dürfte es einmal am Platze sein. Denn man braucht, um sie zu durchqueren, zwei Tage und eine Nacht, und in diesen vielen Stunden gibt es wenig Dinge zu sehen, die sich zudem oftmals wiederholen: braune, gelbe, auch grüne, meist braune Steppe, graue Wermutkräuter darin, kein Baum, kein Strauch, Ebene ohne Felder, ohne Gehege, die von niemand besessen zu sein scheint, einige Herden von Schafen, Rindern, Kamelen, oft nur drei Rinder, zwei Pferde, ein Kamel sind zu sehen; ein Mann auf einem kamelbespannten Wagen fährt einmal einer Telegraphenleitung entlang daher. Das Land ist ganz flach gebuckelt, nur ein geübtes Auge erkennt die Bewegung. Es erscheint ein Wasserlauf mit dem, im Spätsommer, der Zeit der größten Hitze und Dürre, trägen Bache und niedrigen Ufern, wo der gelbe Löß, der als Windfracht die Landschaft aufbaute, sichtbar wird – da liegt in einer Mulde ein Dorf! Es ist nicht zu leugnen: ein Dorf aus grauen Lehmhäusern, wie alle Dörfer in Rußland sich ankündigend durch ein ringsum aufgebautes Vordorf von hohen Heumieten, einige hellgrüne Pappeln stehen in der Nähe. Dann wieder Telegraphenstangen und Telegraphen stangen, von einem Übergangspunkte des Bahngeleises aus strahlen natürliche, ungepflegte, unter dem Schritt von Reitern oder Trampeltieren rauchende Wege nach drei Seiten aus; wieder ein Dorf, nach einer Stunde noch ein Dorf: die Häuser sind grau, stehen in viereckigen Inseln, haben reichen Hofraum und schmiegen sich ziemlich flach an die Erde, die Straßen sind breit und rauchen vom Staub. Und so geht es fort, tagelang, und höchstens einmal erregt und narrt einen eine Luftspiegelung, die eine Wasserfläche des Dons mit Schiffen darauf über den tiefen Horizont heraufbringt.

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