Freikugel – Gustave Aimard

Amerika ist das Land der Wunder! Alles gelangt dort zu einer so gewaltigen Entwicklung, daß die Phantasie davor erschrickt und der Verstand stillsteht. Die Berge, Flüsse, Seen und Ströme sind nach einem erhabenen Muster gebildet. Hier erblicken wir einen Strom des nördlichen Amerika, der nicht mit der Rhône, der Donau oder dem Rhein zu vergleichen ist, deren Ufer mit Städten, Anpflanzungen oder alten, durch die Länge der Zeit verwitterten Schlössern bedeckt, deren Nebenflüsse unbedeutende Gewässer sind und deren in ein zu enges Bett gezwängte Strömung hastig dem weiten Weltmeer entgegenbraust. Sein Wasser ist tief und geräuschlos, seine Breite gleicht einem Meeresarm, sein Anblick ist stolz und streng wie die wahre Größe, und seine Fluten, die unzählige Nebenflüsse geschwellt haben, gleiten majestätisch dahin und benetzen sanft den Rand der tausend Inseln, die sich aus seinem Schlamm gebildet haben. Jene Inseln, die mit hohen Bäumen bedeckt sind, strömen einen würzigen und herrlichen Duft aus, den die Luft weiterträgt. Ihre Einsamkeit wird durch keinen anderen Laut als den sanften und klagenden Ruf der Taube oder das heisere und durchdringende Geheul des Jaguars unterbrochen, der sich unter den Schatten des Waldes lagert. Hier und da sammeln sich die Bäume, die entweder durch die Zeit verwittert oder vom Sturm entwurzelt worden sind, auf dem Wasser; dort verbinden sie sich teils durch die Gewinde der Schlingpflanzen, teils durch den Schlamm, der sich dazwischen festsetzt, und bilden schwimmende Inseln; junge Bäumchen fassen auf ihnen Wurzel, der Peitia und die Wasserlilie öffnen ihre gelben Blüten dort, Schlangen, Vögel und Alligatoren wählen jene grünen Fähren zu ihrem Tummelplatz oder Ruhepunkt und werden mit ihm vom Weltmeer verschlungen. Jener Strom hat keinen Namen! Andere, die unter derselben Breite liegen, heißen Nebraska, Platte, Missouri. Jener Strom trägt einfach den Namen Mécha-Chébé, der alte »Vater der Wässer«, der Strom der Ströme, mit einem Wort: der Mississippi! Sein Lauf ist so ausgedehnt und unbegreiflich wie die Unendlichkeit; seinen Ruf umgibt wie den Ganges und den Irawadi ein geheimnisvolles, unheimliches Dunkel, doch ist er für die zahlreichen indianischen Volksstämme, die seine Ufer bewohnen, das Urbild von Fruchtbarkeit, Unendlichkeit, Ewigkeit! Am 10. Juni des Jahres 1834 saßen zwischen zehn und elf Uhr morgens drei Männer am Ufer des Stromes, ein wenig unterhalb der Stelle, wo er sich mit dem Missouri vereinigt, und verzehrten ihr Frühstück, das aus einem Stück gebratenen Hirschfleisches bestand. Die Stelle, an der sie sich niedergelassen hatten, war eine der malerischsten, die man sich vorstellen kann. Der Strom bildete dort eine anmutig geschwungene Biegung, die von Hügeln eingefaßt war, die im reichsten Blumenschmuck prangten. Die Unbekannten hatten die Spitze des höchsten Hügels zum Ruhepunkt gewählt, von wo aus der Blick ein prachtvolles Panorama umfaßte. Zunächst breiteten sich dichtbewaldete Haine vor ihnen aus, die beim Hauch des Windes auf und ab zu wogen schienen; während sich auf den Inseln des Stromes unzählige Herden rotgeschwingter Flamingos auf ihren langen Beinen wiegten, Regenvögel und Kardinäle von Zweig zu Zweig hüpften und sich ungeheure Alligatoren träge im Schlamm wälzten. Zwischen den Inseln spiegelten sich die Sonnenstrahlen in den silbernen Fluten.

Inmitten jenes blendenden Lichtscheins tummelten sich allerhand Fische auf der Oberfläche des Wassers und zogen schimmernde Furchen. Endlich zeigten sich, soweit der Blick reichen konnte, die Gipfel der Bäume, die die Prärie einfaßten und die ihre dunkelgrünen Spitzen nur wenig am fernen Horizont zeigten. Die drei Männer aber, die wir schon erwähnten, waren viel zu sehr damit beschäftigt, ihren heißhungrigen Jägermagen zu befriedigen, um sich im geringsten der Naturschönheiten zu erfreuen, die sie umgaben. Ihre Mahlzeit war übrigens nach wenigen Minuten beendet, und als die letzten Bissen verschlungen waren, zündete der eine seine indianische Pfeife an, während der andere eine Zigarre aus der Tasche zog. Hierauf streckten sie sich auf den Rasen und überließen sich mit jener Behaglichkeit, die den Rauchern eigen ist, dem Genuß einer guten Verdauung, indem sie mit träumerischen Blicken dem bläulichen Rauch folgten, der bei jedem Zug, den sie taten, in langen Säulen emporwirbelte. Der dritte hingegen lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm, kreuzte die Arme über die Brust und schlief höchst prosaisch ein. Wir wollen die kurze Frist benutzen, die uns die Jäger lassen, um sie dem Leser vorzustellen und ihn näher mit ihnen bekannt zu machen. Der erste war ein Kanadier von gemischter Abkunft, der etwa fünfzig Jahre alt sein mochte; er nannte sich Freikugel. Er hatte sein ganzes Leben in der Prärie und unter den Indianern zugebracht und war mit allen ihren Schlichen genau vertraut. Freikugel war wie die Mehrzahl seiner Landsleute von hoher Gestalt, denn er maß über sechs englische Fuß; seine Glieder waren hager und dürr, seine Arme großknochig, aber mit stahlharten Muskeln versehen.

Sein knochiges gelbes, dreieckiges Gesicht trug den Charakter ungewöhnlicher Offenheit und Munterkeit, und seine kleinen grauen, blitzenden Augen leuchteten voll Verstand. Seine vorspringenden Backenknochen, seine Nase, die über den breiten Mund herabhing, aus dem lange und weiße Zähne schimmerten, und sein spitzes Kinn bildeten zugleich das seltsamste und ansprechendste Ganze, das sich denken läßt. In seiner Kleidung wich er in nichts von der Tracht der übrigen Waldläufer ab, d. h. sein Anzug bildete ein seltsames Gemisch indianischer und europäischer Mode, die sämtliche Jäger und weißen Trapper der Prärie angenommen haben. Seine Waffen bestanden aus einem Messer, einem Paar Pistolen und einer amerikanischen Büchse, die gegenwärtig neben ihm im Gras, aber doch im Bereich seiner Hand lag. Sein Gefährte war ein Mann von dreißig, höchstens zweiunddreißig Jahren, der jedoch kaum fünfundzwanzig zu zählen schien und hochgewachsen und Wohlgestalt war. Seine blauen Augen, deren sanfter, träumerischer Blick etwas Weibisches hatte, sowie die dicken Locken blonder Haare, die sich unter den breiten Rändern seines Panamahutes hervorstahlen und nachlässig auf seine Schultern wallten, und die weiße Farbe seiner Haut, die gegen die olivenfarbene, sonnengebräunte Färbung des Jägers grell abstach, deuteten an, daß er nicht unter dem warmen Himmel Amerikas geboren war. Jener junge Mann war ein Franzose, hieß Charles Eduard de Beaulieu und stammte von einem der ältesten Geschlechter der Bretagne ab. Die Grafen de Beaulieu haben zwei Kreuzzügen beigewohnt.

Charles de Beaulieu verbarg aber unter der etwas weibischen Außenseite den Mut eines Löwen, der sich durch nichts abschrecken oder einschüchtern ließ. Er war nicht nur in allen Leibesübungen bewandert, sondern besaß überdies eine überraschende Kraft, und unter der feinen Haut seiner weißen, aristokratischen Hände schwellten sich eiserne Muskeln. In einem von jeder Zivilisation so abgeschnittenen Land hätte jedermann, der sich die Zeit genommen hätte, darüber nachzudenken, die Kleidung des Grafen sehr auffallend finden müssen. Er trug einen mit Tressen besetzten grünen Jagdrock nach französischem Schnitt, der über der Brust zugeknöpft war; safrangelbe, hirschlederne Hosen, die mittels eines Gürtels aus Glanzleder um die Hüften befestigt waren, in dem ein Paar prachtvolle Kuchenreutersche Pistolen, eine Patronentasche und ein Jagdmesser in einem Futteral von gebräuntem Stahl mit kunstvoll gearbeitetem Heft steckten; seine Reiterstiefeln reichten ihm bis über die Knie herauf. Seine Büchse mit gezogenem Lauf lag gleich der seines Gefährten auf Armeslänge neben ihm im Gras; jene reichverzierte Waffe war mit dem Namen »Lepage’s« bezeichnet und mußte eine unermeßliche Summe gekostet haben. Der Graf de Beaulieu, dessen Vater den Prinzen in die Verbannung gefolgt und ihnen vorerst in der Condéschen Armee und dann in allen royalistischen Umtrieben eifrig gedient hatte, die während der Kaiserzeit unablässig im Gang waren, bekannte sich seiner politischen Gesinnung nach zu den Ultraroyalisten. Frühzeitig verwaist und Herr eines bedeutenden Vermögens, trat er zuerst unter den Musketieren und später unter der Leibgarde in militärischen Dienst. Nach dem Sturz Karls X. empfand der Graf, der seine Karriere vernichtet sah, eine tiefe Mutlosigkeit und einen unüberwindlichen Lebensüberdruß. Europa war ihm verhaßt geworden, und er beschloß, es auf immer zu meiden.

Er übertrug einem zuverlässigen Mann die Verwaltung seines Vermögens und schiffte sich dann nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas ein. Aber das enge, egoistische, kleinliche Leben in Amerika sagte ihm nicht zu, und der junge Mann konnte ebensowenig die Amerikaner begreifen wie sie ihn. In seinem Durst nach Abenteuern und mit einem Herzen, das sich von den unzähligen Niederträchtigkeiten und Treulosigkeiten, die er die Nachkommen der Pilger von Plymouth täglich begehen sah, tief verletzt fühlte, beschloß er eines Tages, sich dem traurigen Schauspiel, das sich seinen Blicken stündlich bot, dadurch zu entziehen, daß er in das Innere des Landes eindrang und die ungeheuren Steppen und Prärien durchstreifte, aus denen die Ureinwohner vertrieben worden waren, die den Verrätereien und Bübereien ihrer ränkesüchtigen Eroberer weichen mußten. Der Graf hatte aus Frankreich einen alten Diener mit herübergebracht, dessen Vorfahren bereits seit Jahrhunderten im Dienste der Familie Beaulieu gestanden hatten. Ehe sich der Graf einschiffte, teilte er Ivon Kergollec seine Pläne mit und stellte ihm frei, ob er zurückbleiben oder ihm folgen wolle; der Diener schwankte nicht lange in seiner Wahl, sondern antwortete einfach, daß sein Herr das Recht habe, zu tun, was ihm beliebe, ohne seinen Diener deshalb zu befragen, und da es andererseits unzweifelhaft die Pflicht des letzteren sei, ihm überallhin zu folgen, werde er sich dieser auch nicht entziehen. Als aber der Graf beschloß, die Prärien zu durchstreifen, hielt er es für angemessen, seinen Diener davon in Kenntnis zu setzen; er erhielt aber dieselbe Antwort wie früher. Ivon war ungefähr vierzig Jahre alt, und seine Erscheinung bot einen ziemlich vollendeten Typus des kecken, zugleich arglosen und schlauen Bauern aus der Bretagne. Sein Wuchs war klein und untersetzt, seine Glieder aber waren wohlgebildet, seine Brust breit, und sein Bau verriet überhaupt tüchtige Kraft. Sein ziegelrotes Gesicht wurde durch ein paar schlau blitzende Augen belebt, die wie Funken leuchteten.

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