Polizei-Geschichten – Ernst Dronke

„Unter den Verbrechern selbst giebt es Angeber von Profession, die sogenannten Vigilanten. Diese Vigilanten sind fast ohne Ausnahme früher bestrafte Verbrecher, welche gewöhnlich gar keine oder nur eine scheinbare Beschäftigung haben und als Spione im Dienst der Polizei stehen“ — Der (Berliner) Publizist, Juni 1845, Nr. 6, S. 179. In dem Kriminalgefängniß zu B. erhängte sich vor einiger Zeit ein Gefangner, der nach den Aussagen des Arztes und des Gefängniß-Inspektors an Schwermuth gelitten hatte. Die Geschichte dieses Unglücklichen, welche wir dem Leser hier erzählen, ist ein vollkommen wahres Ereigniß, und die folgenden Einzelheiten, wobei wir nur die Namen verschweigen, werden vielleicht bei Manchem die Erinnerung an die handelnden Personen erwecken. Fritz Schenk war ein Tischler. Er hatte als Geselle lange Zeit bei einem der größern Meister in B. gearbeitet, und stand im Rufe eines ordentlichen Menschen und fleißigen und geschickten Arbeiters. Da er für Niemand weiter zu sorgen hatte, so reichte sein Verdienst eben zu seinen nothwendigen Bedürfnissen aus, und nicht minder wie bei dem Meister wegen seiner Brauchbarkeit, stand er bei den andern Gesellen wegen seines Frohsinns in Gunst. Eines Abends war Fritz aus der Werkstatt auf die dunkle Straße getreten, als eine Karosse, die an einem andern Wagen vorüberfuhr, ihn streifte und zu Boden warf. Er erhob sich zwar alsogleich wieder, fühlte aber, daß sein rechter Arm plötzlich erschlafft war. Der Herr in der Karosse ließ bei dem Schrei, den der Handwerker unwillkührlich ausgestoßen hatte, halten und erkundigte sich, ob er Schaden genommen. Auch der Meister und die übrigen Gesellen kamen herzu, und als sie den Verwundeten in die Werkstatt führten, ergab sich, daß er den Arm zweimal gebrochen hatte.

Der vornehme Besitzer der Karosse ließ seine Börse zurück, um die ersten Kosten der Heilung zu decken, und auf die Bemerkung des Meisters, daß Schenk der tüchtigste seiner Arbeiter sei, versprach er noch weitere Sorge für ihn zu tragen. Schenk wurde in das Stadt-Krankenhaus gebracht, wo die langwierige Behandlung den an Thätigkeit gewöhnten Arbeiter geistig und körperlich ziemlich bedrückte. Der Verursacher seines Unglücks bezahlte die Kosten seiner Pflege, bekümmerte sich aber nicht weiter um ihn, und nachdem Schenk endlich als geheilt entlassen worden war, glaubte er seiner Verpflichtung gänzlich quitt zu sein. — Als Schenk zu seinem Meister zurückkehrte, fand sich, daß es mit der Arbeit keineswegs mehr so wie früher fortging. In demArm war eine große Schwäche zurückgeblieben, und war er auch nicht gerade gelähmt und arbeitsunfähig geworden, so vermochte er doch nicht so anhaltend und schnell zu arbeiten, wie ehedem. Er sah, daß die Mitgesellen ihn, der sonst stolz auf seine Arbeit war, überflügelten. Er wurde mißgestimmt und sein Fleiß und seine Sorgsamkeit erlahmten mit der Lust zur Arbeit. Dazu kam, daß auch seine Verhältnisse eine neue Gestaltung bekommen hatten. In dem Stadt-Krankenhaus hatte Schenk ein junges Mädchen, das seine Erziehung im Waisenhaus genossen, zur Wärterin gehabt. In der leeren Einsamkeit dieser Stunden war sie sein tröstender Engel gewesen, sie hatte ihn mit frommem, schwesterlichem Eifer gepflegt, und der junge Arbeiter fühlte sich durch ihr sittsames Wesen mächtig zu ihr hingezogen.

Als er die Anstalt verließ, war ihm der Umgang bereits ur nothwendigen Gewohnheit geworden. Er benutzte Sonntags seine freien Stunden regelmäßig, um sie zu besuchen, und die junge Wärterin verhehlte nicht, daß sie ihn mit Vergnügen kommen sah. Die Theilnahme, welche sie Anfangs für den Kranken gefühlt hatte, machte einem innigeren Gefühl Platz, und als Fritz seinen Heirathsantrag vorbrachte, hatte ihr Herz ihm längst schon das Versprechen der Treue gegeben. Schenk hoffte dazumal noch, daß die Schwäche des Armes sich allmählig durch Wiedergewöhnung an die Arbeit verlieren würde, und dann hätten ihn ja seine Ersparnisse, seine Geschicklichkeit und sein zu dem Ziel verdoppelter Eifer vielleicht bald in den Stand setzen können, eine eigne Werkstatt anzulegen. Aber das Übel verzog sich nicht, und eine düstere Niedergeschlagenheit bemächtigte sich des Unglücklichen. Seine treue Verlobte verbarg ihren eignen Kummer über sein Mißgeschick und suchte ihn zu trösten und so viel als möglich mit Hoffnungen zu trösten, an die sie selbst nicht glaubte. Schenk konnte nicht anders glauben, als daß ihm unter solchen Verhältnissen eine trübe Zukunft bevorstand. Der Meister mußte jedesmal in den stillen Monaen, wo es weniger Arbeit gab, einige seiner Arbeiter entlassen. So lange Schenk im Besitz seiner vollen Kraft und Thätigkeit war, hatte er nicht nöthig gehabt, um sein Unterkommen besorgt zu sein, jetzt machten ihn tüchtigere Arbeiter seinem Meister entbehrlich. Der Mann war nicht hart gegen ihn gewesen.

Er hatte Schenk von früher als einen brauchbaren, ordentlichen und willigen Arbeiter schätzen gelernt und wollte ihn wegen seines Unglückes nicht von sich stoßen. So lange er noch die Hoffnung hatte, daß der schwache Arm des Gesellen sich an die Arbeit gewöhnen würde, hatte er Nachsicht und Geduld mit ihm gehabt. Als sich jedoch diese Hoffnung verlor, vermochte er nichts mehr für Schenks Zukunft zu thun. Er stellte ihn in die zweite Klasse der Arbeiter, gab ihm nur geringere Arbeit, welche weniger Sorgfalt und Kraft erforderte, und beschränkte demgemäß seinen frühern Lohn. Schenk verlor dabei die Lust und Liebe zur Arbeit, denn er fühlte sich unverschuldeter Weise gedrückt. Der Meister machte ihm jetzt zum erstenmal Vorwürfe wegen Nachlässigkeit und wies ihn zu größerem Eifer an. Allein Schenk war überhaupt nicht mehr der alte. Seine Lage hatte ihn finster und mürrisch gemacht, und die Ermahnunen des Meisters fanden statt der gehofften Willfährigkeit einen verschlossenen, widerspenstigen Trotz. So kam es denn, daß bei der nächsten stillen Zeit der Tischler unter andern Gesellen auch Schenk von dem Meister entlassen und arbeitslos wurde. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, bei andern Meistern ein Unterkommen zu finden, entschloß sich Schenk, seine Lage jenem reichen Manne zu offenbaren, der die erste Ursache seines Unglücks war.

Er hoffte im Stillen, daß ihm jener den Grundstein zu einem selbstständigen Erwerb legen würde. Eine mittelmäßige Summe reichte hin, ihm eine Werkstatt zu gründen. Dann wollte er sich Gesellen halten, und wenn er auch selbst nicht viel zu arbeiten vermochte, so konnte er doch durch sein Geschick und seine Erfahrung die Arbeit leiten. Damit, so hoffte er, wäre ihm eine erträgliche Existenz geschafft gewesen, auf die hin er alsdann zu heirathen gedachte. Der vornehme Herr hörte ihn gelassen an. Er schien wohl zu fühlen, daß er allein der eigentliche Quell des Mißgeschicks des Arbeiters war, betrachtete aber seine Vermittlung als eine Sache der bloßen Mildthätigkeit. Schenk wurde auf den folgenden Tag zurückbestellt, und als er sich zur bestimmten Stunde einfand, händigte ihm der Kassirer im Namen seines Herrn eine kleine Summe Geldes ein. Als Geschenk zur augenblicklichen Unterstützung war die Summe nicht unbedeutend, allein um Schenk, wie er gehofft hatte, in Stand zu setzen, sich eine Zukunft zu gründen, hätte es vielleicht des Doppelten bedurft. Schenk war daher angewiesen, das Geld allmählig zu verzehren. Der Arme, der nach qualvollem vergeblichem Mühen rettungslos im Jammer seines Elends sitzt und täglich die Glücklichen im Glanz ihres ererbten Reichthums sieht, giebt sich gewöhnlich den thörichten Hoffnungen auf den unwahrscheinlichsten, entferntest liegenden Zufall hin, welche die kaltblütigen reichen Spekulanten wahnsinnig nennen werden.

Wenn der Arme seine letzte Hoffnung auf eine Nummer des Bankhalters setzt, so schilt ihn die gesunde Vernunft einen verächtlichen Thoren, indem sie ihm das Betrügerische und Unmoralische des Spiels auseinandersetzt. Der reiche Kaufmann, der in einer Handelskrise seinen ganzen Besitz verliert, wird gewöhnlich nur bedauert. Im Grunde aber läuft Alles auf dasselbe hinaus. In einer Welt, wo der Besitz das Höchste ist, spekulirt und spielt Jeder, je nach seinem Vermögen, und die gesunde Vernunft dessen, was man ehrlichen Handel nennt, ist nicht minder auf Betrug und Immoralität gebaut, als die Thorheit des Hazardspiels. Als Schenk sein Geld allmählig verschwinden sah, gab er sich den unbestimmtesten Hoffnungen hin. Die Hoffnung verließ ihn nicht, aber er wußte eigentlich nicht, worauf er hoffte. Einmal wollte er sein Glück im Spiel versuchen, aber der Gedanke, daß er von dem Rest seines Geldes noch so und so viel Tage leben könne, während er hier vielleicht das Ganze auf einmal einbüßen würde, hielt ihn wieder zurück. Es war ihm immer, als wisse er fest, daß sich diese Lage doch noch ändern werde. Wenn er über die Straße ging, so blickte er immer rechts und links auf das Pflaster, als ob er etwas Verlorenes suche. Diese Hoffnung war unsinnig, nicht wahr? Es war auch keine Hoffnung mehr, es war eine bewußtlose Träumerei, da ihm die Wirklichkeit nichts mehr bot.

Bei einem bestimmten Lebensziel hätte er auch nicht nöthig gehabt, auf einen unbestimmten Zufall zu warten. Der Anblick der vornehmen sorgenlosen Vergnüglinge verursachte ihm ein Gefühl zorniger Bitterkeit, und er fragte sich jedesmal, was er denn gethan, daß er im Elend schmachten müsse, und was wohl jene gethan, daß sie aufgespeicherte Reichthümer verschwelgen dürften? Wenn ein Reicher seine goldgespickte Börse zog, blieb er unwillkührlich stehn, und sein Blick haftete begierig auf den glänzenden Münzen. Er dachte, daß diese Summe vielleicht hinreichen würde, ihm eine zufriedene Zukunft zu begründen, und eine leise Stimme fügte in seinem Innern hinzu: ein vorsichtiger Griff in solch eines Mannes Tasche, und du bist gerettet. Als er sich zum erstenmal auf diesem Gedanken ertappte, rannte er erschrocken, gleichsam um dem eignen Innern zu entfliehen, von dannen. Aber die Versuchung begann bald darauf wieder damit, daß sie ihm einredete: wenn Einer jener Leute solch eine Börse verliert, so wirst du sie doch aufheben und behalten; Jenen ruinirt sie nicht und dich rettet sie. Dann durchwogten und kreuzten sich die Gedanken weiter; der Begriff des fremden Gutes verlor sich allmählig in ihm, und wenn er darauf zurückkam, so wußte er ihn mit der Antwort zu bekämpfen, daß er eben so viel Recht zum Leben wie jeder Andere habe, und daß sein Elend eben so unverschuldet, wie der ererbte Reichthum der Vornehmen unverdient sei. Zuletzt kam immer jener erste Gedanke zurück, und wenn er ihn noch nicht ausführte, so geschah es aus Furcht vor der Entdeckung und — weil er im Augenblick noch einen ganz kleinen Rest der erhaltenen Unterstützung besaß, weil die Noth ihn noch nicht gewaltsam dazu trieb. In seinem Innern war Schenk längst zum Verbrecher geworden, bevor und ohne daß er selbst wußte.

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