Reise einer Wienerin in das Heilige Land – Ida Pfeiffer

Seit Jahren lebte der Wunsch in mir, eine Reise in das heilige Land zu machen. Jahre gehören auch dazu, um mit dem Gedanken eines so gewagten Unternehmens vertraut zu werden. Als daher meine häuslichen Verhältnisse sich so gestaltet hatten, daß ich mich wenigstens auf ein Jahr entfernen konnte, hatte ich nichts eifriger zu thun, als mich zu dieser Reise vorzubereiten. Ich las manche Werke darüber, und war auch so glücklich, mit einem Herrn bekannt zu werden, der einige Jahre früher jene Länder bereist hatte. Ich konnte mündlich manche Belehrung und manchen Rath über das Fortkommen und Verhalten auf dieser gefahrvollen Wanderung erhalten. Vergebens suchten meine Verwandten und Freunde mich von diesem Vorsatze abzubringen. Höchst lebhaft stellte man mir all‘ die Gefahren und Beschwerden vor, die den Reisenden dort erwarten. ,,Männer hätten Ursache zu bedenken, ob ihr Körper die Mühen aushalten könne, und ob ihr Geist den Muth habe, dem Klima, der Pest, den Plagen der Insekten, der schlechten Nahrung u.s.w. kühn die Stirne zu bieten. Und dann erst eine Frau! So ganz allein, ohne alle Stütze hinaus zu wandern in die weite Welt, über Berg und Thal und Meer, ach, das wäre unmöglich.“ Dieß war die Meinung meiner Freunde. Ich konnte nichts, als meinen festen unabänderlichen Willen entgegensetzen. Mein inneres Vertrauen auf Gott gab mir Ruhe und Kraft, meine irdischen Angelegenheiten mit voller Besonnenheit zu ordnen.

Ich machte mein Testament, bestellte alles der Art, daß im Falle des Todes, worauf ichmehr gefaßt seyn mußte, als auf eine glückliche Rückkehr, die Meinigen Alles in bester Ordnung fänden. Und somit trat ich am 22. März 1842 meine Wanderung von Wien an. Ich fuhr um 1 Uhr Mittags zu den Kaiser-Mühlen, dem Platze, von welchem die Dampfschiffe nach Pesth u.s.w. abgehen. Freudig überraschte mich am Ufer die Anwesenheit einiger Verwandten und Freunde, die mir nochmals Lebewohl sagen wollten. Die Trennung war freilich wieder recht hart, denn unwillkührlich erfaßte uns der Gedanke, ob wir uns in dieser Welt wohl noch sehen würden. — Ein lebhafter Streit am Bord des Schiffes zerstreute ein Bischen unsern trüben Sinn.

Ein Reisender mußte auf Ansuchen eines Herrn, statt mit Sack und Pack nach Ungarn zu flüchten, mit der Polizei in die Stadt zurückkehren. Ersterer schuldete letzterem 1300 fl., und glücklicher Weise wurde er noch vor der Abfahrt des Schiffes eingeholt. — Kaum war dieß geordnet, so gab die Glocke das Zeichen der Abfahrt, die Räder begannen ihre Bewegung und entzogen mich für dießmahl meinen Lieben nur zu schnell. Reisende gab es noch Wenige. Die Witterung war zwar schön und mild, aber die Jahreszeit noch zu früh, um andere Reisende, als Geschäftsleute, oder solche mit so umfassenden Plänen, wie ich im Kopfe hatte, in die Welt zu führen. Die Meisten gingen nach Preßburg oder höchstens nach Pesth. Bald hörte man vom Schiffskapitän, daß eine Frau auf dem Schiffe sei, die bis Konstantinopel zu reisen gedenke, — und nun betrachtete man mich von allen Seiten. Einer der Herren, der dieselbe Reise machte, sprach mich an, und bot mir seine Dienste an, wenn ich deren benöthigen sollte, und wirklich stand er mir überall schützend zur Seite. Die schöne milde Witterung wechselte bald mit Wind und Kälte, als wir hinaus in die große Donau kamen.

Ich schlug mich in meinen Mantel ein und blieb auf dem Verdecke, um die Umgebung zu sehen, die von Wien bis Preßburg wohl recht lieblich seyn mag, wenn sie im Frühlingsschmucke prangt, jetzt aber nur kahle Bäume, nackten Boden — ein unfreundliches Bild des Winters darbot. Hainburg mit dem alten Schlosse auf dem Bergrücken, Theben mit seiner merkwürdigen Veste, und noch weiter hinab die bedeutende königliche Freistadt Preßburg nehmen sich recht artig aus. In drei Stunden erreichten wir Letztere und landeten in der Nähe des Krönungsberges, einer künstlichen Erhöhung am Ufer der Donau, wohin der König nach der Krönung im feierlichen Ornate, mit dem Schwerte in der Hand reiten, und dasselbe gegen Osten, Westen, Süden und Norden schwingen muß, zum Zeichen, daß er das Königreich gegen alle Feinde, woher sie immer kommen mögen, vertheidigen wolle. — Unweit von diesem Hügel ist der schöne Gasthof ,,zu den drei grünen Bäumen“ wo es so theuer, ja noch theurer, wie in Wien ist. Stromabwärts darf man bis unter Pesth nicht auf dem Schiffe übernachten. Heute fuhren wir um 6 Uhr Morgens ab. Gleich unterhalb Preßburg theilt sich die Donau in zwei Arme und bildet die sehr fruchtbare Insel Schütt, welche 10 Meilen lang und 6 Meilen breit ist. Die Gegend bis Gran ist ziemlich einförmig, dann aber wird sie hübscher. Schöne Hügel und mehrere Berge umschließen dieselbe, und bringen Abwechslung ins Gemälde. Gegen 7 Uhr Abends kamen wir in Pesth an.

Schade daß es schon ganz finster war. Die wunderschönen Häuser, man könnte sagen Palläste, welche das linke Ufer der Donau zieren, so wie gegenüber die alterthümliche und berühmte Festung und Stadt Ofen gewähren einen herrlichen Anblick und verdienen einen längeren Aufenthalt. Ich blieb nur über Nacht, weil ich schon einige Jahre früher mehrere Tage in Pesth zugebracht hatte. Da hier das Dampfschiff gewechselt wird, muß man bei dem Landen vorzüglich auf jenes Gepäck Acht haben, welches man zu Wien nicht im Bureau übergeben hat. Ich stieg im Gasthofe »zum Jägerhorn“ ab. Es ist ein höchst eleganter Ort, aber unverschämt theuer. Ein kleines Stübchen im Hofe kostete über Nacht 54 kr. C. M. Schon diesen ganzen Tag war mir sehr unwohl.

Heftige Kopfschmerzen, Fieberschauer und wiederholtes Erbrechen ließen mich eine Krankheit und Unterbrechung meiner Reise befürchten. Wahrscheinlich waren diese Übelkeiten eine Folge des schmerzlichen Abschiedes von geliebten Freunden und der Veränderung der Luft. Ich konnte nur mühsam mein bescheidenes Kämmerchen erreichen, und legte mich gleich zu Bette. Doch glücklich besiegte meine gute Natur all‘ diese Feinde der Gesundheit, und ziemlich erholt begab ich mich des folgenden Tages am 24. März 1842, auf unser neues Dampfschiff, die „Galatha“ von 60 Pferdekraft, welche mir aber nicht so nett und niedlich vorkam, wie die „Marianne,“ die uns von Wien nach Pesth geführt hatte. Unsere Reise ging schnell von Statten, denn schon um 10 Uhr Morgens waren wir bei Földvár, welches sich von ferne groß und schön ausnimmt, in der Nähe aber gleich einer Seifenblase in nichts zerfließt. Um 2 Uhr kamen wir nach Paks (Paksch). Hier und an allen wichtigen Orten wird ein Viertelstündchen Halt gemacht. Ein Kahn rudert vom Lande her, bringt und holt Menschen mit einer solchen bewunderns’würdigen Schnelligkeit, daß man kaum die an den Nachbar gerichtete Rede vollenden kann. Man hat nicht Zeit, sich Lebewohl zu sagen.

Um 8 Uhr Abends erreichten wir den, durch 2 Schlachten berühmten Marktflecken Mohács. Die Festung daselbst wird als Gefängniß für Verbrecher benützt. Wir sahen weder Festung noch Ortschaft. Es war finstere Nacht, als wir ankamen, und um 2 Uhr Morgens, den 25 März 1842, lichteten wir schon wieder die Anker. Man versicherte mich, daß ich dadurch nichts verloren hätte. Nach einigen Stunden bekam unser Schiff plötzlich einen so gewaltigen Stoß, daß Alles auf das Verdeck eilte, um nach der Ursache zu sehen. Unser Steuermann hatte vermuthlich mehr Schlaf als Sehkraft imAuge, gab dem Schiffe eine ungeschickte Wendung, und ein Rad blieb nach dem Verluste mehrerer Schaufeln an vorstehenden, über das Wasser ragenden Baumpflöcken hängen. Schnell eilten die Matrosen in die Böte, das Schiff wurde rückwärts geleitet, und so gelang es mit vieler Mühe, uns wieder flott zu machen. Wir hielten auf Augenblicke zu Dalina und Berkava, und kamen gegen 2 Uhr an den herrlichen und großartigen Ruinen des Stammschlosses der Grafen Palffy vorüber. Noch schöner nimmt sich das, dem Fürsten Odescalchi gehörige Schloß Illok aus, welches auf einem Berge liegt.

Um 4 Uhr landeten wir bei Neusatz, der berühmten Festung Peterwardein gegenüber, deren bedeutende Werke auf einer weit in die Donau reichenden Felszunge liegen. Von dem Freistädtchen Neusatz ist nicht viel zu sehen, indem vorspringende, den Strom selbst beengende Hügel es dem Blicke entziehen. Die Donau ist hier ziemlich zusammen geengt. Eine Schiffbrücke verbindet beide Ufer. Hier fängt die Militär-Gränze von Österreich an. Die Gegend ist sehr hübsch, besonders gut nimmt sich das Städtchen Karlowitz aus, das in einer kleinen Entfernung vom Ufer an artigen Hügeln, umpflanzt von Reben, liegt. Von diesem Punkte an wird aber die Gegend einförmiger bis Semlin. Die Donau breitet sich schon recht stattlich aus, und gleicht oft mehr einem See, als einem Flusse. Um 9 Uhr Nachts erreichten wir die Stadt Semlin, an deren Ufer Halt gemacht wurde. Semlin ist befestigt, liegt an der Einmündung der Save in die Donau, hat 13,000 Einwohner, und ist die letzte österreichische Stadt am rechten Donauufer.

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