Unter dem Halbmond – Helmuth von Moltke

Bukarest, den 25. Oktober 1835 Dicht unterhalb von Alt-Orsowa taucht aus den Fluten des Donaustroms ein Eiland empor, das eine türkische Festung trägt. Die Österreicher, die sie erbaut, tauften sie Neu-Orsowa; die Türken eroberten den Platz und obwohl seitdem ihre Grenzen von den Karpaten bis zum Balkan zurückgedrängt wurden, haust noch heute ein Pascha in Ada-Kalessi, der Inselfestung. Weit hinausgeschoben zwischen christliche Länder ragt hier ein letztes Minarett empor, von dem die Verehrung des Propheten verkündet wird, und die Türken, die von ihrem eigenen Grund und Boden, aus Serbien und der Walachei, verbannt sind, finden auf jener Insel eine Zuflucht. In Begleitung eines Zoll- und eines Gesundheitsbeamten wurde meinem Reisegefährten, dem Baron von Bergh, und mir erlaubt Sr. türkischen Exzellenz einen Besuch abzustatten. In fünfzehn Minuten waren wir da. Osman Pascha empfing mit viel Freundlichkeit zwei Fremde, die aus dem fernen Lande »Trandeburg« (Brandenburg) kamen. Er ließ uns Kaffee reichen und Pfeifen und gestattete uns seine Festung zu besehen. Der Pascha ist ein stattlicher Herr mit dickem rotem Bart, aber so unbeschreiblich schlecht logiert, wie bei uns kein Dorfschulze. Sein Palast ist ein Bretterschuppen. Trotz der empfindlichen Kälte saßen wir in einem halb offenen Gemach ohne Fensterscheiben. Unnötigerweise hatten wir einen Frack angezogen, während Se. Exzellenz in zwei bis drei Pelzen, einer größer und weiter als der andere, erschien. In der Stadt überraschte uns die Unreinlichkeit der engen Straßen.

Die Anzüge der Männer waren rot, gelb, blau – kurz, von den schreiendsten Farben, aber alle zerlumpt. Die Frauen schlichen tief verhüllt wie Gespenster umher. Alle Wohnungen trugen Spuren des Verfalls und an der Festung ist, glaub ich, seit der Besitznahme kein Ziegel ausgebessert. Am 31. Oktober setzten wir unsere Reise durch die Walachei fort. Wenn mein Urteil über dies Land nicht sehr günstig ausfällt, so muss ich ehrlicherweise bemerken, dass ich nur den noch in dem letzten Feldzug furchtbar verwüsteten Teil gesehen habe. Vielleicht sind die nördlichen Gegenden besser. Dabei durchzogen wir diese Einöde während eines mehrtägigen unausgesetzten Regens und es war ein Glück für mich die mühevolle Reise wenigstens in angenehmer Gesellschaft zu machen. Wir hatten uns in Orsowa einen Leiterwagen gekauft, denn die walachischen Fuhrwerke sind wie Kinderwagen, nicht über zwei Fuß vier Zoll hoch, und so kurz und eng, dass kaum ein Mensch darin sitzen kann, führte er auch so wenig Gepäck mit sich wie wir. An dem ganzen Wagen ist nicht das kleinste Stück Eisen; Nabe, Achse, alles aus Holz.

Ebenso wenig darf man irgendeine Art von Metall an dem Pferdegeschirr suchen. Wir fanden die Flüsse so angeschwollen, dass das Wasser bis in unseren großen Wagen trat, und gratulierten uns, nicht noch zwei Fuß niedriger zu sitzen. Unsere Karosse galt aber als eine voiture monstre, ein großes Gefährt, in der Walachei; man spannte uns acht Pferde vor, und an schwierigen Stellen noch einige Büffel. Wo es der Weg gestattete, da ging es in schnellem Galopp und unter lautem Schreien der Postillione davon, die ohne Sattel auf den kleinen Pferden saßen und fast die Erde mit den Beinen berührten. Das Rufen benachrichtigt schon von weitem die Poststation und wenn man in den umzäunten Hof fährt, stehen die neuen Pferde bereit. Der Regen goss unaufhörlich vom Himmel und mein Hut war so durchweicht, dass ich ihn aus dem Wagen warf. In Crajowa mussten wir, um unsere Pelze zu trocknen, zum Bäcker schicken, und erhielten sie, wie eine Art Backwerk, halb verbrannt zurück. In den Dörfern fand man nichts, weder Essen noch Trinken, noch Nachtquartier. Selbst die Postämter sind elende Hütten oder nur Höhlen in der Erde, mit einem Dach aus Zweigen überdeckt. Von einer solchen Armut hatte ich bisher keine Vorstellung.

Nicht wenig erfreut waren wir in Bukarest ein Gasthaus zu finden. Seit Orsowa hatten wir keins gesehen. Obwohl wir uns fast unter dem gleichen Breitengrad mit Genua befinden, wo ich mich vorigen Jahres um diese Zeit des schönsten Sommers erfreute, so ist hier doch schon alles in tiefem Winter erstarrt. Wir durchstreifen indes die Stadt, die Kasernen und die Salons und rüsten uns zur Reise nach Konstantinopel. In Bukarest erblickt man die elendsten Hütten neben Palästen im neuesten Stil und alten Kirchen von byzantinischer Bauart; die bitterste Armut zeigt sich neben dem üppigsten Luxus und Asien und Europa scheinen sich in dieser Stadt zu berühren. 2. Zustand der Walachei – Die Spuren langer Knechtschaft – Konsulate – Geringe Einwirkung der Regierung auf das Land – Vergleich mit Serbien Die Walachei ist seit fünf Jahren erst in die Reihe christlicher Länder getreten, und wenn dies zwar unter der Bedingung einer doppelten Abhängigkeit geschah, so hat sie doch das Recht erlangt ihre innere Verwaltung nach eigenem Ermessen zu regeln. Die Physiognomie dieses Landes trägt die furchtbarsten Spuren einer langen Knechtschaft. Zur Hälfte noch in Trümmern und Schutthaufen liegen die Städte ohne Mauern, ohne Tore, denn jede Gegenwehr war bisher Verbrechen gewesen. Nachdem der Widerstand sich so oft fruchtlos gezeigt, nachdem er so oft verderblich geworden war, dachte der Walache an keine andere Rettung mehr als an die Flucht.

Sobald eine türkische Schar über die Donau herangezogen kam, entwich, wer etwas zu verlieren hatte, in die Wälder nach Ungarn oder nach Siebenbürgen. Von dem zum Ackerbau geeigneten Boden ist kaum der fünfte Teil bestellt und so gleicht denn dieses Land in der Tat nur einer weiten Wüstenei, einer Wüstenei freilich, die nur auf fleißige Menschenhände wartet, um jede Mühe überschwänglich zu lohnen. Der Walache hat von seinem Vater gelernt, nie mehr anzubauen, als gerade ausreicht sein Leben kümmerlich zu fristen; ein Mehr wäre nur die Beute seiner Machthaber oder seiner Feinde gewesen. Gewohnt, sich mit dem Allergeringsten zu begnügen, kennt er keine der tausend Bedürfnisse anderer Nationen, scheut die Dürftigkeit nicht so sehr wie die Arbeit, den Zwang der Gesittung mehr als das Elend der Barbarei. Die Walachen sind ein auffallend schöner, großer Menschenschlag; ihre Sprache ist eine Tochter der römischen und noch heute der italienischen ähnlich. Aber das türkische Joch hat dieses Volk völlig geknechtet. Die Waffen sind ihm lange schon fremd geworden, es ergibt sich in jede Forderung. Jeder wohl gekleidete Mann imponiert dem Walachen, er hält ihn für völlig berechtigt ihm zu befehlen und Dienstleistungen von ihm zu verlangen. Nie wird man einen Walachen danken sehen, selbst wenn ein Geschenk alle seine Erwartungen übersteigt, aber ebenso stillschweigend nimmt er auch Misshandlungen hin; er hält es für unklug, seine Freude und seinen Schmerz zu verraten. Dagegen findet man ihn stets heiter, wenn er in einer elenden Erdhöhle am mächtigen Feuer seine durchnässten Lumpen trocknen, einen Maiskolben rösten oder gar eine Pfeife rauchen kann.

So viele unserer Landsleute wandern aus, um sich in fremden Weltteilen ein besseres Dasein zu gründen, und so wenige versuchen es aus dieses reichen Landes Quellen zu schöpfen, wo jede Arbeit ihren Lohn finden müsste, wenn nur Schutz und Sicherheit des Eigentums vorhanden wären. Man hat in den Hauptrichtungen durch das Land Postverbindungen hergestellt und der Reisende wird in der günstigsten Jahreszeit äußerst schnell, aber auch äußerst unbequem befördert. Allein, da für Straßen und Brücken bis jetzt auch noch nicht das Allermindeste geschehen ist, so grenzt es fast an Unmöglichkeit, sich nach anhaltendem Regen in diesem schweren Lehmboden von einem Ort zum anderen zu bewegen. Die Flüsse, die von den Karpaten herabstürzen, füllen dann ihre breiten Betten in der Ebene und unterbrechen jeden Verkehr. Mit der Wegbarkeit sieht es in diesem Land noch sehr schlecht aus; Straßen gibt es nicht, die Donau zieht nur an der Grenze entlang und die Flüsse, die ihr zuströmen, sind nicht schiffbar und auch kaum schiffbar zu machen. Man staunt, in dieser Wüstenei eine Stadt wie Bukarest mit fast 100 000 Einwohnern zu finden. In Bukarest gibt es Palais, Gesellschaften und Visiten, Theater, marchandes de mode, Zeitungen und Equipagen; aber so wie man den Fuß vor das Tor setzt, versinkt man in Barbarei. Man hat eine Gesellschaft von Naturforschern und eine Musterwirtschaft gegründet, aber selbst der Anbau der Kartoffel ist in der Walachei noch nicht eingeführt. In der Stadt sieht man den Hof, aber im Lande die Regierung nicht. Serbien bildet in vielen Beziehungen das Gegenstück zur Walachei.

In Serbien gibt es weder Bojaren noch anderen Adel, weder große Städte noch einen Hof, sondern nur Volk und Fürst. Milosch, dieser außerordentliche Mann, hat mit dem Schwert die Freiheit seiner Landsleute erkämpft, aber er hat es verschmäht, ihren bürgerlichen Zustand zu begründen. Milosch Obrenowitsch war während seiner Anwesenheit in Konstantinopel mit seltener Auszeichnung empfangen worden und ist der Pforte noch wahrhaft ergeben, denn er ist klug genug einzusehen, dass nur durch sie sein Fürstentum bestehe. Im Innern seines Landes herrscht er durch das Andenken an große Verdienste, durch die Vereinigung aller materiellen Gewalt in seinen Händen und durch den Einfluss eines ungeheuren Reichtums. Nach außen ist er stark durch den kriegerischen, tüchtigen Charakter des serbischen Volkes, denn obwohl seine Miliz nicht zahlreich ist, so weiß doch jeder Serbe die Waffen zu führen, für deren Besitz er so lange gekämpft hat.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

PDF • Kostenlose eBooks © 2020