Wanderungen im bayrischen Gebirge – Ludwig Steub

Nachdem man doch einmal einigen Fleiß auf die Sache verwendet hat, ist das Gelüsten von Zeit zu Zeit wieder nachzusehen, alte, liebe Orte abermals zu besuchen, den ländlichen Freunden neuerdings die Hand zu schütteln, nachträglich ergänzende Notizen zu sammeln und den neuesten Bestand mit dem früher beschriebenen zu vergleichen — dieses Gelüsten, sag‘ ich, ist zur Sommerzeit ein angenehmer Stachel aus der Stadt zu gehen und glücklicher Weltvergessenheit im nahen Gebirge obzuliegen. Hinterdrein regt sich dann auch der Wunsch, das Gesehene und Gehörte reinlich niederzuschreiben und wohlwollenden Lesern darzulegen, woraus denn solche Schilderungen hervorgehen, wie die hier folgenden, deren erste eine kurze Wanderung von München nach Reichenhall besprechen, vielmehr sporadische Bemerkungen darüber mitteilen soll. Über den Weg bis Holzkirchen ist übrigens nicht viel neues beizubringen, doch darf Deisenhofen, das Dorf, welches am Ende des langen Grünwalder Forstes liegt, jetzt nicht mehr mit Stillschweigen übergangen werden, denn seit dem Herbste 1861, wo dieses Büchleins erste Auflage vorbereitet wurde, ist ja in dem unscheinbaren Örtchen ein Phänomen ans Licht getreten, welches ein Pilgerziel für Tausende, ein Gegenstand der Unterhaltung für Hunderttausende geworden. Wer da als Reisender noch so ruhig am Wagenfenster saß und vielleicht gar nicht auf Beobachtungen ausging, dem musste an dieser Station doch auffallen, welch‘ große Menschenhaufen ausstiegen und frohen Mutes den Weg nach dem bescheidenen Dörflein einschlugen, welches unter Obstbäumen halb verborgen in dem nächsten Tälchen liegt. Hier lebte nämlich damals noch Frau Amalie Hohenester, aus dem berühmten Geschlechte der Nonnenmacher, welches in den Annalen der vormärzlichen Strafrechtspflege so oft genannt wird. Sie hatte wohl auch einmal den Spruch gehört, dass immer hunderttausend Gulden auf der Gasse lägen, wenn man sie nur aufzuheben wüsste, und hielt sich für gescheit genug, um wenigstens den Versuch zu wagen. Und siehe da! anfangs sehr leise, aber bald ganz laut und immer lauter verbreitete sich der Ruf, zu Deisenhofen sei eine natürliche Heilkünstlerin erstanden und habe bereits mehrere Kranke, unter andern einen vornehmen Grafen, den die Ärzte schon aufgegeben, vom Tode errettet. Nun begann der Zug der Leidenden von nah und fern und das Dörfchen und das Wirtshaus zu Ober-Haching, das am nächsten lag, früher beide so still, wurden nachgerade sehr lebendig und wimmelten von Menschen jeder Art. Die Doktorbäuerin, so wurde sie bald genannt, war in aller Leute Munde. Ihre Mittel schienen übrigens sehr einfach zu sein; sie pflegte ganze Körbe voll kräftiger Wiesenkräuter in großen Waschkesseln zu sieden und daraus verschiedene Tränke zu bereiten. Sehr angenehm war es für die Leidenden, dass sie nicht nach Deisenhofen zu reisen brauchten, denn Amalie erkannte ihre Krankheit schon aus einem bisschen Flüssigkeit, das man ihr von fern her zugeschickt. Nachdem sie scharf durch das Gläschen geschaut, wusste sie immer anzugeben, ob der Patient eine Pfarrersköchin oder ein Stellwagenkutscher, ob er eine rote Nase oder einen Kropf habe. Am meisten Vertrauen gewann dies Wesen bei der hohen Aristokratie und bei den Bauern, in welch‘ beiden Ständen noch immer am meisten Vorzeit steckt. Der gebildete Mittelstand lächelte und hielt sich ferne. Amalie ging bald auch in die Literatur über.

Es erschien ein Schriftchen von einem Gläubigen, das ihre Methode rechtfertigte, mehrere aber, die gegen dieselbe polemisierten. Auch die Gerichte hatten viel mit ihr zu tun und verurteilten sie zu verschiedenen Malen, ohne dass sich ihr Ruf vermindert hätte. Einmal bei einer Verhandlung gestand sie zu, dass sie nach den Vorschriften „ägyptischer“ Bücher heile, welche sich seit Jahrhunderten in ihrer Familie erhalten. Vor anderthalb Jahren erhob sich aber die Wundertäterin mit ihrem ganzen Hauswesen und verließ das obskure Deisenhofen und erkaufte mit ihrem redlich erworbenen Vermögen das Bad Maria-Brunn bei Dachau, wo sie jetzt als „Badbesitzerin“ lebt und öfter in den Zeitungen von sich Meldung macht. Aber, ach, wie vergesslich ist die Welt! — so viel noch vor zwei Jahren von der Doktorbäuerin gesprochen wurde, so gehört sie doch jetzt schon bald zu den gefallenen und verschollenen Größen. Beim schönen Markt Holzkirchen wollen wir aber doch auch des großen Brands gedenken, der im März 1861 diesen Ort betraf, und bei dem sich Herr Assessor Brockard von Miesbach durch seine energische Leitung so hervorgetan hat, hart kämpfend freilich mit dem Umstande, dass auf dieser trockenen Hochebene nicht einmal ein Bächlein seine Wellen zur Hilfe bietet, vielmehr in dem Flecken nur ein einziger erheblicher Brunnen sich findet, den vor Jahrhunderten ein Abt von Tegernsee hat graben lassen. Das Wasser wurde bei dieser Feuersnot in aller Eile auf der Eisenbahn von München herbeigeführt. Hier herum in der Nachbarschaft, ein paar Stunden vom Gebirge, dessen blaue Häupter fast in alle Fenster schauen, finden sich Dörfer, die jahraus jahrein, wie die Venezianer, von der Dachtraufe leben, welche sie in großen Zisternen sammeln.

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