Schlagwort: Iwan Turgenjew

Gedichte in Prosa – Iwan Turgenjew

M I Begegnung (Ein Traum) ir träumte: ich durchschritt auf scharfen kantigen Steinen unter schwarzen tiefhängenden Wolken eine weite, kahle Steppe. Ein Fußpfad verlief im Zickzack zwischen den Steinen . . . Ich schritt auf ihm weiter, ich wußte selbst nicht, wohin und weshalb. Plötzlich zeigte sich etwas wie eine Wolke vor mir auf dem […]

Die lebendige Reliquie – Iwan Turgenjew

Ein französisches Sprichwort lautet: »Der trockene Fischer und der nasse Jäger bieten einen traurigen Anblick.« Da ich für die Fischerei niemals etwas übrig gehabt habe, vermag ich nicht darüber zu urteilen, was ein Fischer bei gutem, heiterem Wetter empfindet und inwiefern das Vergnügen, das ihm eine reiche Beute bei Regenwetter verschafft, die Unannehmlichkeit, naß zu […]

Aufzeichnungen eines Jägers – Iwan Turgenjew

Wer einmal Gelegenheit hatte, aus dem Bolchowschen Kreise in den Shisdrinschen zu kommen, dem ist wohl sicher der scharfe Unterschied zwischen dem Menschenschlag im Orjolschen Gouvernement und dem Kalugaschen aufgefallen. Der Orjolsche Bauer ist klein von Wuchs, untersetzt, mürrisch, blickt unfreundlich, lebt in elenden Hütten aus Espenholz, tut den Frondienst, treibt keinen Handel, nährt sich […]

König Lear der Steppe – Iwan Turgenjew

Meine ganze Kindheit, fing er an, und meine erste Jugend bis zum fünfzehnten Jahre brachte ich auf dem Lande, auf dem Gute meiner Mutter zu einer reichen Gutsbesitzerin des Gouvernements . . . Wohl als der lebendigste Eindruck dieser schon entfernten Zeit blieb in meiner Erinnerung die Figur unseres nächsten Nachbars; eines gewissen Martin Petrowitsch […]

Ein Briefwechsel – Iwan Turgenjew

Vor einigen Jahren besuchte ich Dresden. Vom Morgen bis zum Abend die Stadt durchstreifend, hatte ich keine Veranlassung, mit der Gesellschaft des Hotels, welches ich bewohnte, Bekanntschaft zu machen, bis ich eines Tages zufällig erfuhr, daß in demselben eine Russe krank darniederliege. Ich begab mich zu ihm und fand in ihm einen Menschen, bei dem […]

ein Ausflug in die Waldregion – Iwan Turgenjew

D Erster Tag. er Anblick der ungeheuern, den ganzen Horizont umspannenden Kieferwaldung, der Anblick der »Waldregion« erinnert an den Anblick des Meeres. Auch erweckt er uns dieselben Eindrücke; dieselbe jungfräuliche Urkraft dehnt sich breit und mächtig vor dem Angesichte des Beschauers aus. Aus dem tiefsten Innern der uralten Waldung, aus dem ewigen Schooße der Wasser […]

Der Fatalist – Iwan Turgenjew

W I. ir setzten uns in die Runde, und unser alter Freund Alexander Wassiliewitsch Riedel (trotz seines deutschen Familiennamens ein echter Russe) begann: »Ich will Ihnen, meine Herren, etwas erzählen, was mir in den dreißiger Jahren begegnet ist . . . es sind, wie Sie sehen, bereits vierzig Jahre seitdem verflossen. — Ich werde kurz […]

Punin und Baburin – Iwan Turgenjew

D I. (1830) er alte Diener Philippitsch trat, mit hohem, in Gestalt einer Rosette geknüpften Halstuch und feiner Gewohnheit nach, auf den Zehen in’s Zimmer. Mit zusammengekniffenen Lippen, einem grauen zusammengekämmten Haarbüschel mitten auf dem Scheitel, näherte er sich seiner gestrengen Herrin, grüßte ehrfurchtsvoll und überreichte meiner Großmutter auf einem eisernen Teller einen großen, mit […]

Hamlet und Don Quichotte – Iwan Turgenjew

D Geehrte Anwesende! ie erste Auflage der Shakespeare‘schen Tragödie »Hamlet« und der erste Theil des Cervante’schen »Don Quichotte« erschienen in ein und demselben Jahre, zu Anfang des XVII. Jahrhunderts. Diese zufällige Gieichzeitigkeit erschien mir von Bedeutung. Die Vergleichung der beiden genannten Werke führte mich auf eine Reihe von Gedanken: ich bitte um die Erlaubniß, diese […]

Eine wunderliche Geschichte – Iwan Turgenjew

V I. or etwa fünfzehn Jahren —- so begann Herr Ch. — zwangen mich dienstliche Obliegenheiten einmal einige Tage in der Gouvernementsstadt O. Zuzubringen. Ich stieg in einem erträglichen Gasthause ab, welches ein halbes Jahr vor meiner Ankunft von einem reich gewordenen Jüdischen Schneider erbaut worden war. Wie man sagt, hat es nicht lange geblüht, […]

Ein Ende – Iwan Turgenjew

A I lle Welt weiß es, alle Welt sagt es, die Rasse der kleinen Tyrannen ist in Rußland ausgestorben oder nahezu; indessen glaube ich, noch einem begegnet zu sein, und dieses Individuum schien mir eigenartig genug, um mich zu veranlassen, meinen Lesern eine Vorstellung davon zu geben. Es war im Monat Juli, in voller Sommerhitze, […]

Dunst – Iwan Turgenjew

V Erstes Capitel. or dem Conversationshause in Baden-Baden wogte am 10. August 1862 um vier Uhr des Nachmittags eine zahlreiche Menschenmenge hin und her. Das Wetter war herrlich; Alles ringsum, —- die grünen Bäume, die hellen Häuser der gemüthlichen Stadt, die waldbedeckten Berge mit ihren Wellenlinien, — Alles erglänzte festlich im heitern Sonnenscheine, lächelte traulich […]

Die Wachtel – Iwan Turgenjew

I ch war etwa zehn Jahre alt, als mir passierte, was ich hier erzählen will. Es war Sommer. Ich weilte damals bei meinem Vater auf dem Maierhof des südlichen Russland. Rings um uns auf mehrere Werst Entfernung erstreckte sich die Steppe. Kein Baum, kein Bach in der ganzen Nachbarschaft. Niedrige, mit Buschwerk bedeckte Einsenkungen durchfurchten, […]

Die Unglückliche – Iwan Turgenjew

I I. ch lebte damals (im Jahre 1835) in Moskau bei einer Tante, der leiblichen Schwester meiner verstorbenen Mutter. Ich war achtzehn Jahre alt und war eben aus der Moskau’schen Universität aus dem zweiten in den dritten Cursus der Facultät der »Literatur« (so wurde sie damals genannt) übergetreten. Meine Tante war eine stille sanfte Frau […]

Die Uhr – Iwan Turgenjew

I I. ch will Euch die Geschichte meiner Uhr erzählen. . . Eine curiose Geschichte! Sie spielt ganz im Anfange dieses Jahrhunderts, im Jahre 1801. Ich war so eben in mein sechzehntes Jahr eingetreten. Ich lebte in Rjäsan, in einem hölzernen Häuschen, nicht weit vom Ufer der Oka — mit meinem Vater, meiner Tante und […]

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