Annette von Droste-Hülshoff – Gabriele Reuter

Du schreibst mir, liebe Freundin, es sei dir widerlich, zu sehen, wie kleine Talentchen sich in ihrer Lebensführung als Genies aufspielen und alle Rechte für sich in Anspruch nehmen wollen, die denn doch nur den auserlesenen und seltenen künstlerischen Phänomenen gewährt werden dürften. Denen freilich, den Führern unter den vielen, möchtest du solche Rechte nicht vorenthalten wissen, weil es ja möglich sei, daß sie zu ihrer Ausbildung in mancherlei tiefen Erfahrungen ein sehr persönliches, absonderliches, wohl gar ein wüstes und tolles Leben nötig haben. Wenn die Früchte dieses Lebens dann nur strotzend von Kraft und Saft der Allgemeinheit wieder zugänglich würden, so sei in einem höheren Sinne auch ein so genialisch-egoistisch durchtobtes, in Flammen und Stürmen verrauschtes Leben für die Moral zu retten. Der genialische Poet oder Bildner oder Musiker habe dann gleichsam das eigne Seelenheil zum Opfer für viele dargebracht, und sei, verlodert in eignen Leidenschaften, ein Erlöser für die andern geworden, ein Erlöser, indem jene durch seine Kunst von ihren niederen Begierden zu höheren Sphären reiner Anschauung und göttlichreinen Genusses erhoben würden. Das alles ist ja ganz schön, meine gute und liebe Freundin — wenn auch eben nicht sehr neu — nur stimmt es nicht immer, denn die Talente und die Genies fragen wenig danach, welche Gesetze von den sie Betrachtenden und Studierenden für ihr Thun und Lassen und für ihre werte Entwicklung aufgestellt werden. Es ist jetzt so eine halb wissenschaftliche und halb ästhetische Mode, für alles, was sich auch nur um Haaresbreite von dem Normalen entfernt, Bedingungen aufzustellen, unter denen es sich von diesem Normalen entfernen, und wohin es sich dann wenden darf und muß. Das mag recht interessant für die Wissenschaftler und Ästhetiker sein. Die Menschenwelt mit ihren tausendfältigen Erscheinungen ist gewiß leichter zu übersehen, wenn sie in Fächer mit sauberen, deutlichen Aufschriften und Anmerkungen einrubriziert worden ist. Es erleichtert das Urteil über jedes neu auftauchende Wesen, das sich durch besondere Gaben bemerklich macht, ganz ungemein. Das wird einfach in das Fach mit der Aufschrift: „pathologisch oder dekadent“ oder „gesund und erfreulich“ oder „formvollendet“ oder „sozial“ oder „religiös“ hineingesteckt, und da hat’s gefälligst drin zu bleiben, sonst wehe ihm! Zuweilen bleibt es aber nicht darin, geht seinen eigenen Gang, auf ruhigeren oder auf wilderen Wegen, als sie ihm gerade vorgeschrieben waren, und gleich wird die Konfusion groß. Aber es findet dann auch wieder manch einer Ruhm und Ehre darin, ein neues Schubfach mit einem neuen Etikett für den neuen Erdengast zu schaffen. Man kann da eine ganze Reihe von Zusammenstellungen empfehlen, die mancherlei zu denken geben. Wie gefällt dir z. B. pathologischreligiös-feudal-humoristisch? oder „ethisch gespenstige Heimatskunst“? Ich kann versichern, solche und ähnliche Zusammenstellungen sind mir zu verschiedenen Malen eingefallen, während ich mich mit dem Leben und Wirken einer Dichterin beschäftigte, auf die nichts von allen bisher wissenschaftlich und ästhetisch festgestellten Gesetzen für das Werden des Genius — oder sagen wir lieber des bedeutenden Menschen — paßt.

Ich sehe dich meinen Briefbogen fester fassen und erröten vor Spannung und Freude. Eine Frau und ich spreche von Genius … Eine führende Frau also! Eine Frau von unberechenbarem Einfluß auf ihr ganzes Geschlecht! Beruhige dich, Liebe, schnell Begeisterte — sie war nie eine Führende — sie wird es auch nie werden — obschon ihre Verse noch heute leben und glühen in stolzer vollblütiger Schönheit — obschon ihr Geist, nachdem ihr Leib längst zu Asche zerfallen — auf seinen Unsterblichkeitswert bereits geprüft werden darf. Nie eine Führende und doch ein Genius — ein Genius, wenn man damit eine urwüchsige Kraft des Empfindens, eine ebenso urwüchsige Kraft des Gestaltens, eine urpersönliche, an keinerlei Vorbild und Schulregel gebundene Ausdrucksweise bezeichnen will, und doch kein Genius in der Bedeutung eines großen, allumfassenden, frei über den Erscheinungen schwebenden Geistes — keine Schafferin auch nur eines neuen Gedankens, oder einer neuen Erfahrung oder Empfindung. Engumschränkt in den mit symbolischen und heraldischen Zeichen geschmückten Mauern wunderlicher Standesvorurteile und religiöser Begrenzungen, und doch von einer kühnen Forscherlust beunruhigt, niederzusteigen in der Empfindung und Erfahrung dunkelste Gebiete, da das Sinnliche mit dem Übersinnlichen, Unbegreiflichen sich schreckensvoll vermischt. Ein Genius an Kraft, dem doch die erste Eigenschaft des Genius fehlte: der Drang zu schaffen, sich auszuströmen und aus sich hervorzubilden, was das Herz im Innersten bewegt. Und doch kein starrer abgeschlossener Geist — sondern ein weiches, anschmiegungsbedürftiges, frauenhaftes Herz — ein stolzer Geist, den weibliche Ängstlichkeit zeitlebens unter die Zuchtrute mütterlicher Autorität geduckt hielt. Ein durch Liebe, Gewissensskrupel und stetes Körperleiden in engsten Banden gehaltenes armes, schwaches Jüngferlein. Und doch die gelehrte und scharfe kritische Denkerin, die mit derben Worten und heiterem Lachen jede Phrase, jedes Scheinwesen, und ob die halbe Welt sich aus ihm berauschen ließ, verhöhnte und zu nichte machte. So war Annette von Droste-Hülshoff, von der du schon in der Schule gelernt hast und von deren Gedichten du doch — ich wette darauf — nicht mehr weißt als ein paar Namen: — die Krähen — die Mergelgrube — Heidebilder — die junge Mutter — die Schlacht am Loener Bruch … Es sind dir Namen geblieben, und du denkst nur der Zeit, wo du dich kindlich mühtest, schwerverständliche Verse mit verblüffenden Vergleichen in dein junges Hirn zu prägen. Nein, sie ist keine Führende geworden … Vertiefe dich heute — nun du weißt, was echte Kunst bedeutet — aufs neue in die Dichtungen des westfälischen Fräuleins.

Um dir ganz darüber klar zu sein, was eine Individualität unter Poeten zu bedeuten hat, lies am Tage zuvor einige Stunden lang in verschiedenen Gedichtbüchern unserer geschätztesten Poetinnen. Du wirst feine Gedanken, warmes oder glühendes Gefühl, Stimmung, Natursinn und oft sehr glatte gefällige Form finden, aber es wird dir schwer werden, nach einiger Zeit im Gedächtnis zu behalten, welches Gedicht und welche Dichterin zusammengehören. Hat einmal eine von ihnen sich auf besondere Art im Stoff oder in der Form ausgezeichnet, gleich findet sie so viel Nachahmerinnen, die diese Art ebenso gut darstellen, daß die erste unter den späteren gleichsam verschwindet, von ihren Schülerinnen förmlich aufgelöst und in ihrer Eigenart vernichtet wird. Es ist so viel Typisches, so viel helle oder dunkle, zarte oder wilde Weiblichkeit in den Versen der Frauen von gestern und von heut und so wenig Urpersönliches. Die Droste aber steht ganz allein. Niemand hat sie je nachgeahmt. Es sollte auch einem solchen Wager schwer fallen, gleich mächtige Rhythmen, und nur annähernd so merkwürdige und originelle Bilder, so malende Worte zu finden, wie sie. Von männlichen Dichtern mag Lilienkron viel von ihr gelernt haben, doch er ist eine von ihr grundverschiedene Natur, er sieht das Leben weit heller, munterer — er ist beweglicher aber auch leichter als sie — er ist in vielen Hinsichten geradezu ihr Gegensatz. Sie lebte zur Zeit Goethes, und kein Faden führt von ihm zu ihr, von ihr zu ihm. Einmal sagt sie: ich muß mich wohl mehr, als ich weiß, der schwäbischen Schule zuneigen.

Aber sie schließt dies nur aus der Freude, die einige schwäbische Dichter an ihrer eignen Person bekunden. In Wahrheit ist es keineswegs der Fall. Man vergleicht sie mit Byron, weil sie auch einige größere erzählende Gedichte verfaßt hat, damit hört jegliches Gemeinsame zwischen ihnen auf. Sie will ein Buch schreiben in der Art von Bracebridge Hall — aber schon die ersten Kapitel, die allein zu Ende geführt sind, bezeugen, daß das Ganze etwas ihr höchst Eigentümliches geworden wäre. Die Werke von Annette Droste-Hülshoff sind keine leichte Lektüre. Aber seien wir ehrlich: alle hervorragenden Dichtungen sind nicht eben „leichte Lektüre“. Darum hüte dich doch lieber, dies gerade als einen Fehler der Dichterin hinzustellen. Es ist das beste Teil ihrer herben Größe, ihrer konzentrierten Kraft, ihrer ernsten Tiefe, welches sie schwer verständlich macht. Manches in ihrer Poesie wird uns vertrauter, wenn wir ihr Leben kennen. Aber ein Teil von ihr wird immer Rätsel bleiben.

Sie war nicht nur eine große Dichterin — sie war eine hochmütige und keusch verschlossene Frau — welche die eigene Dichtergabe nicht für kostbar genug hielt, um ihretwillen die Scham zu überwinden. Und sie war eine strenge Christin, der das Erdenleben und seine Wirkungen nur ein verächtliches Stück ihrer Existenz bildete. Als einen Beitrag zum Studium künstlerischer Phänomene, ihrer Unberechenbarkeiten und ihrer Menschlichkeiten sende ich dir diese Blätter, welche die Geschichte von Annette von Droste-Hülshoffs Leben enthalten. Die Geschichte ihres Lebens ist auch die ihrer Dichtung. [Die in folgendem angeführten Daten und Briefstellen sind der von der Freiin Elisabeth v. Droste-Hülshof herausgegebenen von Wilhelm Kreiten verfaßten, in Paderborn erschienenen Biographie und dem bei Grunow, Leipzig, verlegten Briefwechsel der Annette v. Droste-Hülshof und des Levin Schücking entnommen.]

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