Marie von Ebner-Eschenbach – Gabriele Reuter

Marie von Ebner-Eschenbach geborne Gräfin Dubsky beging am 13. Sept. 1900 die Feier ihres siebzigsten Geburtstages. Sie durfte es erleben, dass Deutschland und Österreich sich vereinten, ihr die gemeinsame Freude an ihrem Lebenswerk, ihrer Dichtung in zahllosen Zeichen der Liebe und Verehrung zu beweisen. Ihr Name, die Daten ihres Lebens, eingehende Besprechungen ihrer Novellen, ihrer Gedichte und Aphorismen, ihrer Lebensanschauung, ihrer Ethik, ihrer Religion wurden durch die Presse in die fernsten Gauen, in alle verborgensten und literaturfremdesten Ecken und Winkel getragen, da man noch in deutscher Zunge redet. Die Wiener Universität verlieh der Gefeierten die Würde eines Doktors der Philosophie honoris causa. In dem Referat, welches dem Professoren-Kollegium den Vorschlag dazu unterbreitet, und das in der Ebner-Biographie von Anton Bettelheim (Berlin 1900, Verl. v. Gebr. Paetel) abgedruckt ist, wird gesagt: „Marie von Ebner-Eschenbach ist unstreitig heute die erste deutsche Schriftstellerin, nicht bloss in Österreich, sondern auch in Deutschland; und selbst unter den Dichterinnen der Vergangenheit könnte ihr allein von der Droste der Rang streitig gemacht werden … „An weitem geistigen Horizont, an umfassender und tiefer Welt- und Menschenkenntnis sind ihr in der zeitgenössischen Literatur wenige gleich, keiner überlegen … „Auch künstlerisch steht sie recht in der Mitte zwischen der alten und neuen Schule; der Gegensatz zwischen dem Idealismus und dem Realismus, zwischen den Alten und den Jungen hat ihr, wie allen tiefern Geistern, die nicht leeren Schlagwörtern nachlaufen und ihre Farbe mit der Mode wechseln, früh schon zu schaffen gemacht. „Keine Partei darf sie zu der ihrigen zählen; aber sie kann den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, nach dem Tode Fontanes der einzige Schriftsteller der altern Generation zu sein, der sich bei alt und jung der gleichen Anerkennung erfreut. Die Klugheit der Künstlerin aber erhebt sich zur Höhe ethischer Weisheit in den Aphorismen, in denen sie ihre ganze Weltanschauung niedergelegt hat und die nicht blendende Paradoxien, sondern der Ausdruck einer reichen, durchgebildeten Persönlichkeit sind.“ Das Dokument spricht in den wiedergegebenen Sätzen offiziell die Ansicht der wissenschaftlichen und gebildeten Welt von dem Schaffen der Ebner aus. Und darin liegt seine Bedeutung. Durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde an eine alte Frau wird es auch dem den Literaturbewegungen Fernstehenden, dem Stumpfen und dem Banausen klar, dass hier wohl ein besonderer Fall vorliegt und dass die Redensart von dem dilettierenden Blaustrumpf einmal vor einer ehrfurchtgebietenden Macht zu verstummen hat.

Die Aufzählung der dem Schaffen der Marie Ebner gewidmeten Arbeiten vom ernsten Wissenschaftler bis zum geistreichen Feuilletonplauderer würde Seiten füllen. Dabei birgt doch das Dasein, wie die geistige Physiognomie der zugleich einfachen und ausserordentlichen Frau keinerlei Geheimnisse, an denen der Spürsinn sich üben, ihre Werke keinerlei Dunkelheiten, bei denen eine spitzfindige Auslegung Überraschungen zutage fördern könnte. Die Intimitäten ihres persönlichen Lebens, die für den Psychologen von Wert, für den Menschenfreund voller Reiz sein dürften, könnte nur sie allein geben, und dazu wird eine so diskrete Natur sich auch in einer Selbstbiographie schwerlich entschliessen. Wer aber im eigenen Innern das Werden und die verborgene Struktur eines Dichtwerkes hat entstehen fühlen, wird den Schlüssen, die man daraus auf persönliche Erlebnisse und Erfahrungen des Dichters ziehen wollte, immer misstrauen. Zu seltsam, zu untrennbar mischt sich hier Schauen, Erleben, Phantasieren zu neuem einzigartigem Erleben, das so wirklich ist und doch mit der Wirklichkeit so wenig zu tun hat. Gleicherweise wächst uns aus dem Lebenswerke eines Künstlers, wenn es, in den Hauptsachen vollendet, reich gegliedert, und doch von einem leitenden Geiste durchdrungen, geordnet und beseelt, von uns genossen und erforscht wird, allmählich ein Bild des Schaffenden empor. Dieses Bild braucht kein objektiv, in allen Zügen wahres Porträt zu sein. Es kann es gar nicht sein, denn wir werden stets vom eignen Wesen einen Teil dazu tun. Auch hier schaffen wir uns selbst eine Dichtung vom Dichter — ein Phantasiebild, aus Schauen, Erleben und Träumen zusammengefügt. Lieben wir doch auch in unsern Nächsten hauptsächlich die Phantasiebilder, die wir uns fortwährend von ihnen entwerfen, und zu denen die Wirklichkeit uns gleichsam nur den Rohstoff bietet.

Spiegelungen unseres Geistes und Gemütes sind sie uns, denn in Wahrheit kennt keiner den andern. Jeder kennt nur sich selbst — noch besser kennt er die Gestalt, die er sein möchte — das Ideal, das er sich täglich neu aus der eignen Persönlichkeit bildet. Darum — seien wir doch ehrlich — ist es uns auch viel wichtiger, was der Meister, zu dem wir aufschauen, uns gibt, in uns wirkt und aus uns weckt, als was er in der Wirklichkeit, oder in den Augen der ändern Menschen — oder was er sich selbst bedeutet.

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