Romain Rolland – Otto Grautoff

Ist unser Leben ein einzelnes Schicksal? Ist es ein einziges Sein? Ein einziges Ereignis? Schauen wir von einer Höhe unseres Weges rückwärts, so sehen wir es anders. Wir sehen in unserem einen Leben eine Überfülle sich kreuzender Schicksale, tausendfältiges Sein, eine schwingende Spirale von Ereignissen. Die ewige Wandelbarkeit der umgebenden Welt gebiert unser Leben täglich neu, wandelt uns täglich. Der ruhende Punkt in der Erscheinungen Flucht ist der Mikrokosmus unserer Seele. Die umgebende Welt prägt ihr ihre Lichter und Schatten auf, gibt ihr die Färbung: glühende oder bleiche, fanfarenhaft helle oder nachtschwarze. Die Aufnahmefähigkeit für dieses Außen ist der Gradmesser ihrer Kraft. Oder: je heißer ihr tiefster Kern glüht, um so mehr saugen ihre nach außen brechenden Strahlen das Meer der umfließenden Welt in sich hinein. — Eine ewig im gleichen, ewig in sich beharrende Seele ist ohne Schwung, ohne Erhebung, ist stumpf und dem Tode nahe. Wenn wir schauend das Sein erfassen und es dichtend gestalten wollen, müssen wir — um eine von einem inneren Zentrum aus bestimmte Form schaffen zu können, eine in sich beschlossene Form — in den Kern einer Lebensperipherie untertauchen und von ihr aus dies Leben intuitiv erfassen, wie auch von diesem Zentrum aus die fliehende Peripherie der Außenwelt schauen und bilden. Nur so ist es möglich, einen Charakter, ein Leben rundplastisch zu sehen, ein Dichter des Lebens zu sein. Aber nicht alle sind es. Viele schauen die Peripherie von außen und versuchen sie schildernd zu gestalten, oder [8:] sie machen wohl auch einen Querschnitt durch die Lebenskreise und versuchen, so bis zum Kernpunkt zu dringen. Es sind diejenigen, die sich ein Thema wählen: die sich in die Geschichte einer Liebe, eines Ruhmes, eines Unterganges — kurz, in einen Vorfall verlieben und den mit seinem Vor-und Nachgeschehen gestalten. Sie sind keine Lebensdichter, sondern Themendichter. Der Lebensdichter schafft eine Rundplastik, der Themendichter ein Relief.

Der Lebensdichter schafft durch Multiplizieren, der Themendichter durch Abstrahieren. Der Themendichter abstrahiert von einem Menschen alle Eigenschaften um einer einzigen Eigenschaft – manchmal um einer einzigen Geste willen –; diese Eine steigert er dann zur Größe eines ganzen Seelenumfangs; er beleuchtet sie mit dem Scheinwerfer seiner einseitigen Anschauung und läßt alle anderen im Dunkel. Stimmt das so geschaffene Relief mit der Ansicht überein, die auch wir zufällig von einem ähnlichen Menschen empfingen, näherten wir uns ihm gleichsam von derselben Seite, so kann uns die Darstellung überzeugend und lebenswahr, ja «symbolisch» für eine ganze Menschengattung erscheinen. Von einem naiven Blick geschaut, durch primitives Können gestaltet, entsteht auf diese Arbeitweise der «Bösewicht» und der «Tugendheld». Hierbei ist das Relief grob zugehauen, und wir nennen seine Naivität unpsychologisch und werfen das Werk zur schlechten Literatur. Aber auch wo es sich um eine differenziertere Anschauung handelt, wo das Relief feiner nuanciert ausgeführt ist, wo ein Psychologe sich sein Thema wählte, bleibt die Darstellung doch Relief, und die Einseitigkeit wird nicht gemildert, wenn der Bösewicht jetzt als Spezialist auftritt: Verführer oder Zweifler oder [9:] Genießer heißt. Der Tugendheld dafür: der Unschuldige, der Ästhet oder der Biedermann. Immer fehlt den Menschen des Themendichters die Dreidimensionaiität. Die gibt der Lebensdichter. Er schafft kein Symbol, setzt also kein Zeichen für einen Menschen, sondern er gibt die Offenbarung der innerlich geschauten Vision eines lebendigen Menschen oder einer Menschengattung — bildet diese nach.

Diese Vision wird ihm nicht durch das Auswählen einer Eigenschaft, die ihm die charakteristische für die Gattung, Klasse oder Spezies scheint, sondern dadurch, daß er in das Zentrum vieler Lebenskreise, in die Seele vieler Menschen untertaucht und das für ihre Klasse Charakteristische miteinander multipliziert, es zu seiner Vision eines Menschen verschmilzt. So stellt er Menschen hin, die von allen Seiten sichtbar sind, die eine innere selbständige Lebendigkeit zu besitzen Schemen, die unser Leben bereichern, weil wir die Überzeugung gewinnen, sie in jede Stunde unseres Daseins behandelnd, deutlich eingreifend hinstellen zu können. Und gleichzeitig mit diesem Menschen gestaltet sich die schwingende Peripherie seines Lebens, seine Welt, wie sie sich vom Zentrum aus offenbart. Zu allen Zeiten haben die Auserwählten versucht, uns auf diese Weise ein Bild ihrer Zeit, ihrer Generation, zu schenken. Und auch heute liegt wieder ein Werk vor uns, das sich diese Aufgabe gestellt hat und sie löste: der Johann Christof des Franzosen Romain Rolland. Romain Rolland zeigt uns das Leben seiner Generation, gesehen von dem Zentrum seines Helden, des Musikers, [10:] Menschen, Kämpfers Johann Christof Krafft. Dieses Leben dehnt sich beständig ins Außen, in seine Welt: die Welt zieht sich beständig von allen Seiten auf ihn zurück. Diese Welt umfaßt das Gegenwartsleben Deutschlands und Frankreichs, Italiens und der Schweiz. Er gewährt uns Tiefblicke in die Menschen jener Länder, in ihre Hoffnungen und Verzweiflungen, in ihre künstlerischen und politischen Bestrebungen, in ihre Arbeit und ihren Genuß, zeigt sie uns in ihren Feierstunden und in ihren Gemeinheiten. Er führt uns im Reich der Seelen «vom Himmel durch die Welt zur Hölle» und wieder zurück; er führt uns gleich Dante durch alle Kreise menschlicher Leidenschaften.

Näher als der Vergleich mit diesen großen Ausländern liegt der mit seinen Landsmännern und Jahrhundertgenossen, Balzac und Zola. Sie beide haben die Komödie ihrer Zeit geschaffen, wenn auch beide in anderem Sinn, in anderer Weise. Bei keinem von beiden ist die Einheit eine so strenge; bei keinem gruppiert sich das Zeitbild um das Zentrum eines Einzellebens, bei keinem ist die Vision eine so persönliche und verdichtet sich zu einer Weltanschauung, nicht nur im künstlerischen, sondern im philosophischen und religiösen Sinne. Bei Balzac besteht die Einheit darin, daß die Gestalt,welche in einem Bande im Zentrum steht, im anderen wiederkehrt, jetzt aber an der Peripherie. Faßt man jedoch alle seine Werke zusammen, so steht die französische Gesellschaft von 1820—1830 lebendig vor dem inneren Auge. Sie ist so objektiv wie möglich geschaut und geschildert.Menschen und Tatsachen sprechen aus sich heraus. Bei Zola ist jedes Buch vollständig in sich abgeschlossen. Sein Zeitbild ist weniger objektiv gesehen, d.h.

er [11:] objektiviert sich nicht in einer Zentrumsgestalt, sondern er bildet gleichsam seine Welt aus dem Kernpunkt einer sehr subjektiven, ihm am Herzen liegenden Tendenz heraus, einem Dogma. Sein seelisches Temperament und seine sinnliche Anschauungsweise verhindern, daß dieses Weltbild ein trocken tendenziöses wird; es hat Balzac gegenüber an Leidenschaft sogar gewonnen. Romain Rolland nun schenkt uns in seinem monumentalen Werk Johann Christof die Vision einer Welt, gesehen durch das Spektrum einer einzigen menschlichen Seele, nämlich seines Helden Christof. Dadurch wird dies Weltbild bedingt durch den Charakter Christofs, durch dessen innere Wahrhaftigkeit, die alle Schwächen und alle Brutalitäten seiner Zeit in ihrer ganzen Nacktheit sehen will,durch die unerbittlich hohen Anforderungen an sittliche Gesundheit und künstlerische Reinheit, dann aber auch durch eine überströmende Lebensliebe, die selbst das Häßliche bejaht und noch den Schmerz als Lebenssteigerung empfindet. Diese persönliche Bedingtheit macht das Werk zu einem glühenden und mitreißenden, besonders da Johann Christofs Persönlichkeit als eine menschlich so große gebaut ist, daß sein Weltbild das denkbar weitgespannteste wird. Durch dieses Universum zieht sich nun das Leben Christofs gleich dem glänzenden Band eines Stromes hindurch. Harmlos und schmal wie ein Bach auf kühler ärmlicher Höhe, fängt es mit den ersten Tagen des Neugeborenen an, strömt dann breiter und breiter werdend durch die Wirrnisse der Jünglings jähre, schaut Städte und Seelenlandschaften, nimmt die Quellen anderer Leben in sich auf, bäumt sich über Hindernisse fort, stürzt in jähem Fall, um dann [12:] wieder majestätisch weiterzufließen, befruchtet und tränkt und schenkt sich endlich dem offenen Meer. Lösen wir das konkrete Leben Christofs aus der Fülle der Episoden und Nebengestalten, die sich mit ihm verschlingen, es ergänzen, es beschatten oder beleuchten, so haben wir schon in dieser Zentrumsachse einen Reichtum, der drei andere Bücher aufwiegt: — wir erleben das Werden eines Menschen in dreifacher Beziehung: zuerst als ein persönliches Werden, als eine Entwicklung aus sich selbst zu sich selbst. Ein Werden, das in der ewigen Zeitlosigkeit der Kindheit anhebt — die gleich dem Bach in Schneeregionen — noch nichts von der kulturell bedingten Epoche des eigenen Lebenslaufes weiß. Wir sehen ein musikalisch genial begabtes Kind in einer deutschen Mittelstadt aufwachsen, wie es in jedem Lande und in jeder Zeit aufwachsen könnte; aber wir lernen durch den intuitiven Psychologenblick Rollands in die Dramatik und Tragik der ersten Jahre hineinschauen; wir erleben die ersten Begegnungen mit dem Schmerz, die eruptiven Katastrophen der Entwicklungsjahre, die ersten seelischen und sinnlichen Leidenschaften, nehmen an den inneren Kämpfen des schaffenden Künstlers teil.

Wir sehen ihn sich mit ererbten dunklen Mächten in der eigenen Seele herumschlagen, sehen ihn zwischen Freiheitsdrang und Sohnesliebe kämpfen, sehen ihn in innere Wirrnisse verstrickt, straucheln, fallen, sich wieder aufraffen und schließlich sich selbst — seinen Gott finden. Johann Christof ist — wie sein Schöpfer — von tiefem religiösen Geist erfüllt. Zuerst wird ihm das Göttliche in der Natur nahegebracht; dann findet er es als Streitmacht gegen alle niederziehenden Mächte seiner Seele in sich selbst und schließlich [13:] ringt er sich zu einem Glauben an einen persönlichen, kämpfenden, leidenden Gott durch, der Christofs sittlicher Kraft als Bejahung seines göttlichen Willens bedarf, ebenso wie Christof in ihm den Weg zur nachsichtigen, selbstlosen — wenn auch immer noch dem Leben glühenden — Milde des Alters findet. Zum andern erleben wir diese Menschentwicklung als die eines Deutschen zu seiner nationalen — oder internationalen — Reife: das Deutschtum Johann Christofs ist dabei die bindende oder abstoßende Substanz, die auf alle Erscheinungen dieses oder jenes Landes mit Liebe oder Empörung, Verachtung oder Bewunderung reagiert. Christof ist durch und durch Deutscher, mit allen Schwächen, aber auch aller Kraft und Unberührtheit eines jungen Landes ausgestattet; doch er entstammt väterlicherseits einer aus den Niederlanden eingewanderten Familie, einem ewig umherirrenden Geschlecht, das um seines Freiheitsdranges, seiner Ruhelosigkeit willen überall verbannt ist — einem Geschlecht, das als Beute seines inneren Dämons nirgends sich festnisten kann, «dennoch der Scholle verankertes Geschlecht, der es entrissen noch liebevoll anhängt». Auch Christof wird von seinem Dämon, seinem Freiheitsdrang aus dem Vaterland vertrieben; er geht nach Frankreich, kostet alle Bitternisse und alle Reichtümer der Fremde aus und verlebt dort seine schwersten Kampfjahre. Der Herbst des Lebens läßt ihn dann Ruhe in der harmonischen Atmosphäre Italiens suchen; er lenkt seine Schritte auch in die Schweiz, um fern von allen politischen Wirren großer Nationen die freien Winde des Hochlandes zu atmen.

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