Vom Kind zum Menschen – Gabriele Reuter

Der Herrgott hat es gut mit mir gemeint. Von Nord und Süd und aus der Mitte unseres vielgestaltigen deutschen Vaterlandes hat er tüchtige, originelle, kluge und wunderliche Leute zusammengebracht; wie es mir scheinen will, nur dem einen Zwecke, einem kleinen Mädchen ans Weltlicht zu verhelfen, es zu seiner Erdenfahrt mannigfach auszustatten. Freilich hätte nach all diesen Vorbereitungen etwas ganz anderes Eindruckvolleres und Bedeutenderes aus dem kleinen Mädchen werden müssen, als sich nun schließlich für ihr Urteil ergibt. Immerhin durfte sie ihr eigenes Wort in ihre Zeit schreiben und das Wort wurde gehört und bedacht. Das ist sehr viel für eine Frau, und sie darf wohl ihrem Schicksal von Herzen dankbar sein. Aber was ist denn von unserem Leben unser Eigentum? Unser Schicksal sind ja recht eigentlich unsere Vorfahren. Darum — will ich das Persönlichste berichten — sei zuerst auf sie in Andacht und Treue hingewiesen. Von der Familie meines Vaters ist nichts Besonderes zu berichten. Der Großvater Daniel Thomas Reuter besaß eine Brauerei und war Bürgermeister in dem kleinen pommerschen Städtchen Treptow a. d. Tollense, allwo auch ich noch heimatberechtigt bin, und Armenunterstützung zu empfangen hätte, wenn es in diesen argen Zeitläuften einmal soweit mit mir kommen sollte. In Treptow haben die Reuters jahrhundertlang als friedliche Ackerbürger gehaust. Es lebte dort in dem Städtchen noch eine zweite Familie gleichen Namens. Ihr entstammte der Lieblingsdichter der plattdeutschen Lande: Fritz Reuter. Eine Verwandtschaft zwischen beiden läßt sich nicht nachweisen.

Der Großvater heiratete eine Barnewitz aus Hohenmin in Mecklenburg. Vielleicht kam durch sie ein unruhigeres Blut in die Familie — ihr Bruder, der Gutsherr auf Hohenmin, war durchaus ein Original zu nennen. Jedenfalls verließen unsere Reuters alle die Heimatstadt. Sie siedelten sich in verschiedenen Teilen von Mecklenburg an — der eine der Brüder wurde Organist an der Thomaskirche in Leipzig. Und das Nesthäkchen, das zwanzig Jahre später auf der Welt erschien als seine Geschwister, meinen Vater, trieb sein Dämon sogar über den Ozean. Die erste Station zu seinen reichbewegten Lebensfahrten war Berlin, wo der junge Kaufmannslehrling sich anschickte, seine vorgeschriebenen drei Militärjahre abzudienen. Schon dies ein ungewöhnliches Beginnen für einen von der mecklenburgischen Grenze. Doch wohl überlegt. Denn in Berlin war die Gräfin Voß vielvermögende Haushofmeisterin im Königsschloß. Sie war dem jungen Burschen freundlich gesonnen, war doch sein Schwager Pfarrer auf ihrem Gute Giewitz — durch ihre Fürsprache wurde er, trotz seiner schlanken, kräftigen Gestalt, schon nach einigen Monaten Dienst entlassen.

Er bewarb sich um eine Stellung als junger Mann in dem großen Modehaus Gerson, wurde angenommen und als er gestand, nichts weiter zu besitzen als seine abgetragene Soldatenmontur, kleidete man ihn gleich für seine neue Stellung passend ein. Ob auch hier die gute Gräfin ein empfehlendes Wort gesprochen, oder ob das stattliche, sympathische Äußere meines Vaters seine Wirkung getan, vermag ich nicht zu sagen. Er gedachte noch in späteren Jahren vor uns Kindern dankbar dieser Generosität der Firma. — Die einzige Verschwendung, die er sich während der Berliner Zeit leistete, bestand in einem Klavier, sonst muß der hübsche Kommis ungemein sparsam gelebt haben, denn nach Verlauf etlicher Jahre hatte er genug zurückgelegt, um sich eine Bildungsreise durch England, Frankreich und den Orient gestatten zu dürfen. Es war die Zeit, in der die Not der schlesischen Weber die Öffentlichkeit lebhaft beschäftigte. Eine Frau —: Bettina Arnim-Brentano erhob in leidenschaftlich befeuerten Ergüssen ihrer romantischen Seele die ersten sozialen Forderungen in dem Werke: Dies Buch gehört dem König. Mit praktischen Vorschlägen für die Verwertung der schlesischen Webereien trat mein Vater nach seiner Rückkehr von Ägypten und Kleinasien in einer Denkschrift vor die Öffentlichkeit. Er wies nach, welch ein reiches fruchtbares Absatzgebiet gerade der Orient für Baumwollen- und Leinengewebe abgeben würde, wenn der preußische Staat die Angelegenheit in die Hand nehmen und mit Geld und Einfluß fördern würde. Er legte scharfe Kritik an das nur aus Juristen gebildete Konsulatswesen und forderte kaufmännische mit staatlicher Autorität ausgerüstete Vertreter, neben den juristischen. Die erste Bananentraube hatte er mit nach Berlin gebracht — sie schickte er mitsamt der Denkschrift an Alexander von Humboldt und dieser übergab beides dem König Friedrich Wilhelm IV.

Humboldt vertiefte in persönlichen Unterredungen mit dem jungen Reuter den Eindruck, den er von der Bedeutung seiner Vorschläge gewonnen hatte. Der Erfolg war, daß mein Vater zunächst als kaufmännischer Agent dem Konsulat in Alexandrien und Kairo beigegeben wurde, mit dem Versprechen, baldigst auch Titel und Gehalt eines Konsuls zu beziehen. So führte ihn der Weg nach dem Lande, das ihm zur zweiten Heimat werden sollte, nach Ägypten. Im Vater verkörperte sich das Hinausstreben des Deutschen zu breiterer Wirkung auf die Welt. In den Vorfahren der Mutter spiegelten sich im engeren Rahmen deutschen Familienlebens mancherlei Kulturerscheinungen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Die Behmers in Anhalt erhoben sich nach und nach, unter der Sonne fürstlicher Gunst, aus Hofbäckern und Hofbediensteten zu Vertrauten und Beratern ihrer Landesherrn. Der Urgroßvater sollte offiziell zum Staatsminister von Anhalt-Bernburg ernannt werden, als ihn der Tod aus der erfolgreichen Karriere hinwegnahm. Immerhin war es ihm noch gelungen, seine Tochter dem Hofmarschall von Siegsfeld zu vermählen. Seinem Sohne Albert Friedrich standen die günstigsten Chancen für einträgliche Hofämter offen. Doch die Phantasie dieses Sohnes, meines Großvaters, wurde befruchtet von Rousseauschen Idealen.

In dem einfachen Leben mit der Natur sah er eine Erneuerung des Menschengeschlechtes. Das Handwerk galt ihm als der sichere Grund soliden Bürgertums. Er wurde Landmann und Freimaurer. Seine Söhne sollten im gleichen Sinne erzogen werden. Doch es ist bekanntlich leichter, mit dem Denken die Tradition zu durchbrechen, als mit dem Geschmack und den Gewohnheiten des Alltags. Für die Landwirte der Gegend, die er an Bildung und Weltwissen weit überragte, blieb der Großvater der vornehme Mann, der nur darum die engere Hofsphäre mied, weil er lieber herrschte, als sich beherrschen ließ. Und als Pächter herzoglicher Domänen war er ja auch schließlich immer noch Beamter des Fürsten. Charakteristisch für ihn ist folgende Anekdote: Auf ein Kostümfest geladen, heftete er sich einen Kotillon-Stern auf die Brust seines schwarzen Rockes. Indem er so ohne Maske den Saal betrat, sanken einige Damen im Hofknix zusammen, weil sie nichts anderes meinten, als der Herzog selbst beehre das Fest mit seiner Gegenwart. Des Großvaters Behmer blonde, sanfte Frau Elise entstammte gleichfalls einer geistig hochbegabten Familie.

Sie war die jüngste Tochter des Kriegsrat Engelhard aus Cassel und der originellen Philippine geb. Gatterer.

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