Von Amsterdam nach Temiswar – Johann Kaspar Steube-1

Man hat zwar mehrere Beispiele, daß die Geburt bedeutender Männer, die das Schicksal zu einer außer dem gewöhnlichen Geleise menschlicher Vorfälle liegenden Laufbahn aushob, mit ungewöhnlichen Umständen begleitet war; sonderbar aber ist es, daß Mutter Natur mit mir, als einem Metzgerssohne und nunmehrigen löblichen Fußfutteralmachermeister, eine kleine Ausnahme machen und meine Geburt auszeichnen wollen. Wäre ich nicht gewohnt, jedes Ereignis just so zu nehmen, wie es sich begibt, ohne nachzugrübeln, warum es sich eben so und nicht anders zugetragen habe, so würde dieser Umstand meiner Meisterschaft oft Gelegenheit zum Nachdenken gegeben haben. Der 25. Januar 1747 war es, an welchem ich hier in Gotha die Welt, den Schauplatz menschlicher Torheit, das erste Mal erblickte und meinen Eltern, anstatt der Freude, einen großen, doch nur vorübergehenden Schrecken verursachte. Die Wehemutter hatte nämlich nicht sobald untrügliche Merkmale meines Daseins, als sie eine ungewöhnliche Furcht blicken ließ, welche die Anwesenden aus einer unrichtigen Lage oder andern widrigen Umständen herleiteten. Aber kaum war ich würklich da, als sie in größter Eile mit mir davon und zu meinem abwesenden Vater lief, den sie mit anscheinender Verwirrung bat, meiner Mutter auf eine sowenig auffallende Art, als er zu tun vermöchte, beizubringen, daß sie eine Mißgeburt, aus der man vorläufig gar nichts machen könne, zur Welt gebracht habe. Nach dieser abgestatteten Relation wurde ich von der ganzen Nachbar- und Hausgenossenschaft in nähere Betrachtung gezogen, und siehe da! nichts als ein fingerlanges schwarzgekraustes Haar, mit dem ich von dem Scheitel bis zur großen Fußzehe bedeckt war, hatte meine menschliche Gestalt anfänglich verborgen und diesen ganzen Lärm verursacht. Nun zerstreuten sich die anwesenden weiblichen Geschöpfe; die einen, um mit ihren Männern zu untersuchen, was ein solches rauches Phänomen am Horizonte der Metzgerschaft bedeuten und welche Veränderung derselben bevorstehen möchte; und die andern, um dieses Familiengeheimnis den öffentlichen Stadtneuigkeiten so geschwind als möglich einzuverleiben und durch Zusätze interessant zu machen: ja, etliche wollten unter meinen Locken sehr deutliche Behemothszüge entdeckt haben. Ohngeachtet ich nun, trotz meines mehr als esaumäßigen Ansehens, mit einem regelmäßigen Gliederbau begabt war, mithin unstreitig zu den zweibeinigen Geschöpfen unserer Art gehörte, so wollte man mir doch kein gewöhnliches Bad der Wiedergeburt angedeihen lassen, sondern ich mußte mich mit einer sogenannten Nottaufe im Hause begnügen. Da mir nun bis jetzt niemand die Menschheit streitig gemacht hat, so muß ich meine Gleichgültigkeit bekennen, daß ich mich niemals darum bekümmert habe, ob besagte Wiedergeburt gültig war oder ob ich eine zweite erhielte. Doch letzteres ist wohl, ohne eine gewisse Sekte in Anschlag zu bringen, nicht wahrscheinlich; denn da, löblicher Gewohnheit nach, die Taufe, so wie die meisten heiligen Handlungen, mit sehr unheiliger, aber klingender Münze bezahlt wird, so hätte entweder mein Vater doppelte Gebühren entrichten oder der Herr Pfarrer einen bösen Geist, [Nämlich im Jahr 1747, wo bei uns noch jedes liebe unschuldige Geschöpf von einem Geiste aus der Unterwelt begleitet wurde, die so hartnäckig waren, daß sie nur der Machtspruch eines berufenen Dieners des Worts zu verscheuchen vermochte. Wohl uns, daß sie sich jetzt hierzulande in ihrem Nichts so ruhig verhalten.] Gott sei bei uns! umsonst austreiben müssen, welches doch viele der damaligen Herren nicht zu tun pflegten, solange sich, außer der Stubentür, noch etwas Bewegliches im Zimmer vorfand, durch dessen Veräußerung sie für ihre große Mühwaltung entschädigt werden konnten. Außer gedachter drollichten Erscheinung trug sich, bei meiner Geburt, wie leicht zu erachten, nicht das geringste Merkwürdige zu. Denn jedermann weiß, daß man sich nicht die Mühe gibt, für die sich guter Hoffnung befindende Bürgersfrau eine besondere Gebetsformel aufzusetzen; und doch, Dank sei’s der Vorsicht! lehrt die tägliche Erfahrung, daß sie ihrer Bürden ebenso leicht oder schmerzhaft entbunden werden, als wenn es geschehen wäre.

Ebensowenig läßt man dem kleinen Ankömmling zu Ehren weder Wein rinnen noch Freudenfeuer anzünden. Im Gegenteil sind manche Eltern schon froh, wenn sie ein paar Gevattern ausfindig gemacht, das Geld für die Taufgebühren erschwungen, welches einige ihren Kindern an den Nahrungsmitteln wieder abzwacken müssen, und wenn sie der Wöchnerin eine kärgliche Wochenverpflegung angeschafft haben. Alles dieses vorausgesetzt, würde ich kein Wort mehr von der Geburt meines elenden Individuums noch von meinen Eltern gedacht haben; allein ich hatte das Glück, eine Mutter zu haben, welche in allem Betracht und in der vollen Bedeutung des Worts diesen süßen Namen verdiente; und ich schäme mich nicht, es zu gestehen, daß ich jetzt noch, wenn ich an sie denke, ihr oft eine Träne der Dankbarkeit widme. Man denke sich eine, außer ihrer Hände Arbeit, von allen Hilfsquellen entblößte, sich selbst überlassene Witwe, mit drei unerzogenen Kindern, die, ohne einen Taler Geld im Vermögen zu haben, ihre Kinder selbst, ohne jemanden beschwerlich zu fallen, erzog und ihnen unter diesen Umständen doch eine Erziehung zu geben wußte, deren sich wohlhabende Bürgerskinder nicht zu schämen haben; so hat man eine treue Schilderung dieser guten Frau. Und wollte Gott! ich hätte sie nach meiner neunzehnjährigen Abwesenheit noch beim Leben angetroffen, ich würde mich gewiß bestrebt haben, allen ihren Wünschen, die ohnedem sehr eingeschränkt waren, zuvorzukommen. Doch sie starb 1776, als ich eben zu Schuppaneck selbst sehr krank darniederlag und die kindliche Pflicht, einer geliebten Mutter die Augen zuzudrücken, nicht erfüllen konnte. Ihr Ende entsprach völlig ihrem geführten Lebenswandel, sie verschied ruhig und äußerte über nichts als meine Abwesenheit, weil ihr mein Aufenthalt unbekannt war, einige Besorgnisse. Hier möchte wohl jemand fragen, warum ich soviel Wesens von einer Frau mache, die ganz unbekannt lebte, welche auch wahrscheinlich so ganz unbekannt gestorben sein würde, wenn nicht durch die Verkupferung ihres unbedeutenden Nachlasses manche Hände hätten versilbert werden müssen, die man bei einer Beerdigung sehr wohl entbehren könnte. Allein, mußte sie etwa eine Dame sein, um den Namen einer guten Mutter zu verdienen? findet man nicht ebensowohl Adel in niedern als Pöbel in höhern Ständen? und was mehr als alles dieses ist, war sie nicht meine Mutter? Von meinem Vater weiß ich nichts mehr zu sagen, als daß ich nicht so glücklich war, ihn zu kennen; daß er seine durch übel angewandte Güte und durch die Vernachlässigung seines Vormundes in Unordnung geratene Finanzangelegenheiten unter der Regierung Myner Heeren in Indien wiederherstellen wollte, nach einem achtjährigen Aufenthalte daselbst auf der Insel Ceylon starb und ein schönes Vermögen hinterließ, welches durch Ränke und Betrug in fremde Hände gespielt wurde, so daß am Ende meine Mutter von einem hiesigen braven Manne, [Um mir große Kosten und der noch lebenden Familie Unannehmlichkeiten zu ersparen, habe ich nicht allein den Namen verschwiegen, sondern auch (den Rechten meines Bruders unbeschadet) auf die etwanigen Ansprüche freiwillig Verzicht getan.] , der eine beträchtliche Summe für ihre Rechnung in Amsterdam in ordinären holländischen Dukaten ausgezahlt erhalten, nicht mehr als 125 Gulden in sächsischen guten blechernen 1/3-Stücken erhielt.

– Meine Schwester, als das jüngste meiner Geschwister, starb in ihrem neunten Jahre, und mein Bruder, der älteste unter uns, erlernte die Gärtnerei, wurde in der Folge Hofgärtner bei Seiner Durchlaucht dem Herrn Herzog von Bevern, wo er sich noch in gutem Wohlsein befindet.

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