Walter Scott- Zum hundertsten Geburtstag – Theodor Fontane

Am 15. August werden es hundert Jahre, daß zu Edinburg der große Romandichter unseres Jahrhunderts geboren wurde: Walter Scott. Diese Zeilen sollen seiner gedenken. Es kann nicht meine Absicht sein, Neues, sei es über den äußern Gang seines Lebens, sei es über seine Werke oder seinen Charakter sagen zu wollen; — selten ist ein Dasein so liebevoll beobachtet, so ausführlich, bis zum Minutiösen, dargestellt worden; mir verbleibt nur zurückzublicken, zusammenzufassen und dem Gefühle des Dankes darüber, daß er der Welt geschenkt wurde, Ausdruck zu geben. Wenige haben gelebt, die so viele Herzen gelabt, erheitert, erhoben haben. Er konnte es, weil er vor Allem eine unendlich liebenswürdige Natur war und Großes und Kleines, das er schuf, den gleichmäßigen Ausdruck einer reinen und schönen Seele darstellte. Er reiht sich jenen Auserkorenen an, zu denen die Decadencezeiten zurückzukehren haben, um sich Gesundheit zu trinken. Walter Scott, wir recapituliren, erblickte am 15. August 1771 das Licht der Welt. Seine Mutter war eine Rutherford. Der Knabe schien kerngesund: mit anderthalb Jahren indeß bekam er das „freiwillige Hinken“. Alle angewandten Mittel (beispielsweise Einwicklung in die Haut eines frischgeschlachteten Kalbes) schlugen fehl; so traf es sich denn später, daß die beiden großen zeitgenössischen Poeten Englands und Schottlands Hinkefüße waren: Lord Byron und Walter Scott. Von Jugend aus zeigte er eine eminente Begabung. Geschichten und Gedichte übten eine wunderbare Wirkung auf ihn; die alte Ballade von Hardyknut, so lang sie war, konnte er in seinem sechsten Jahre auswendig, und wenn er später Dichtungen recitirte oder las, fühlte er sich jedesmal inmitten der Action und zitterte, weinte, lachte, je nach dem Inhalt. Als er, durch einen Zufall, die Bekanntschast einiger Bände Shakespeare machte — er mochte damals elf Jahre sein — sah er, um mit Schlegel zu sprechen, den Vorhang von einer neuen Welt „hinweggezogen“; im Hemd, am Kaminfeuer sitzend, las er beim Schein der Flamme bis in die Nacht hinein; — entzückende Stunden, die ihm immer in Erinnerung geblieben sind.

Walter wurde für die juristische Carrière bestimmt. Auch der Vater bekleidete ein Amt beim schottischen Gerichtshofe. Es scheint nicht, daß der Sohn mit eigentlichem Widerstreben in diesen Beruf eintrat, trotzdem er in späteren Jahren, humoristisch wie immer, schrieb: „Eine schottische Eigenthümlichkeit ist es, daß Jeder glaubt Jurist werden zu müssen. Ist er dumm — die Juristerei wird ihn klug machen; ist er arm — so wird er reich werden; ist er leichtfertig — so wird er sich Würde aneignen; ist er begütert — so kann ihm der Posten eines Grafschaftsrichters gar nicht entgehen. So wird Alles Jurist, und Keiner kommt zu Etwas.“ — Es ist andern Orts ziemlich ebenso. Wir gehen über das nächstfolgende Jahrzehnt seines Lebens schnell hinweg; sechsundzwanzig Jahr alt vermählte er sich, zwei Jahre später wurde er Sheriff von Selkirk; er war beliebt, er prosperirte, ein weiteres Emporklimmen auf der Rangstaffel schien ihm gesichert. Der Gedanke einer literarischen Laufbahn lag ihm damals noch fern, um so ferner wol, als er, bei einem starken aristokratischen Gefühl (übrigens darin ganz mit der öffentlichen Meinung übereinstimmend), eine Schriftstellerexistenz nicht als voll und ebenbürtig ansehen mochte. Er ahnte nicht, daß sein Poetenthum, das er bis dahin nur „comme amateur“ und nach Art eines höher potenzirten Gelegenheitsdichters geübt hatte, ihn innerhalb zweier Jahrzehnte über alle Lordoberrichter seines Landes erheben würde. Wenn es nach Ablauf dieser Epoche vielleicht noch Einen gab, der dies bezweifelte, so war dieser Eine er selbst.

Ich sagte, er betrieb die literarischen Dinge comme amateur; ich hätte auch sagen können, er betrieb sie als Sammler. Eine alte Ballade entdecken, stand ihm noch höher, als eine neue schreiben; er suchte, er forschte, er reiste im Lande umher, und noch um zehn Jahre früher als die Gebrüder Grimm auf sehr ähnliche Weise jene Märchen sammelten, die seitdem wol unbestritten eins der gefeiertsten Bücher aller Zeiten und aller Literaturen geworden sind, hatte Scott ein verwandtes Sammelwerk zusammengetragen: „Die alten Balladen des schottischen Grenzlandes“ (the Minstrelsy of the scottish border. ) War dies ein Schatz in sich, so lag doch sein größter Werth darin, daß ein viel größerer noch aus ihm emporwuchs, ein Schatz, der damals von Niemandem, am wenigsten von dem Sammler selbst geahnt wurde. Nur ein einziger Kritiker, der das Werk besprach, machte die prophetische Bemerkung, „daß in dieser Minstrelsy der Stoff zu hundert historischen Romanen enthalten sei“. Er hatte wahr gesprochen. Diese „hundert historischen Romane“ ließen freilich noch auf sich warten, wenigstens in der Form auf sich warten, in der der moderne Roman zu uns zu sprechen pflegt; aber doch begann diese Collection von Balladen sofort ihre Frucht zu tragen und zwar, wie billig, zunächst beim Sammler selbst. Walter Scott, durch andauernde, hingebendste Beschäftigung mit diesen Dingen, hatte sich die Geschichte seines Landes, dabei gleichzeitig die scharfgezeichneten Localitäten, die den Hintergrund oder die Bühne für all‘ dies Geschehene bildeten, und endlich, als Wichtigstes, den in seiner Simplicität so tief treffenden Klang der alten Balladen so ganz zu eigen gemacht, daß er, schöpferisch von Grund aus, in demselben Augenblick, wo er zu produciren begann, nun auch im Einklang mit Allem, was Jahrelang auf ihn eingestürmt war, an die Gestaltung des in ihm Lebenden herantreten mußte. So entstanden seine „Poetischen Erzählungen“, jene glänzenden Arbeiten, die, die Mitte seines Lebens ausfüllend, ein Nachklang sind aus der Balladenfülle seiner Jugend und ein Vorklang aus der Romanfülle seiner reiferen Jahre. Dieser poetischen Erzählungen waren im Ganzen neun, doch haben nur die drei ersten, die übrigens in großen Pausen erschienen, ein tiefergehendes Interesse. Es waren dies: „Das Lied des letzten Minstrel“ (the lay of the last Minstrel), „Marmion, eine Erzählung aus der Schlacht bei Flodden“ und „Die Jungfrau vom See“ (the lady of the lake).

Auf die Bedeutung dieser drei Dichtungen, aus die Werthstellung, die sie unter einander einnehmen, komme ich zurück. 1810 war die „Jungfrau vom See“ erschienen, 1814 erschien „Waverley“, sein erster Roman. Hiermit fing ein neuer Lebensabschnitt für ihn an. Den Dichter ließ er fallen, der „novel-writer“ trat an seine Stelle. Er erzählte vielleicht wie nie vorher erzählt worden ist, wahr, schlicht, ohne Anstrengung, vor Allem unerschöpflich, ganz wie jener Kritiker prophezeit hatte, daß „in jener Sammlung alter Balladen der Stoff zu hundert Romanen stecke.“ Der glänzenden Leistung entsprach der Erfolg. Es gab keinen Erdenwinkel, wohin die mit unglaublicher Schnelligkeit sich folgenden Werke des Waverley-Verfassers nicht gedrungen wären; in alle Sprachen übersetzt, wurden sie begehrt wie das tägliche Brod. Eine eigene Form des Enthusiasmus wurde geboren, hier und da an’s Krankhafte streifend, so daß auch Werke erschienen, die diese Begeisterung zu ironisiren und aus ein verständiges Maß zurückzuführen suchten. Aber dies waren Vorgänge innerhalb abgegrenzter literarischer Zirkel; das große Publicum stand außerhalb solcher Einflüsse und las und — staunte weiter. Einzelnes kam zu geringerer Geltung; die Production indessen war so rapid, daß, eh‘ noch Muth und Ueberzeugung gefunden worden waren um festzustellen, daß das eine oder andere die Erwartungen nicht befriedigt habe, schon wieder die Kunde von einem neuen Werke herüberdrang, dessen Schönheit und fesselnder Reiz alles Frühere überstrahle.

Hatte die „Braut von Lammermoor“ einige Enthusiasten enttäuscht, so hob ein Vierteljahr später „Ivanhoe“ den sinkenden Enthusiasmus wieder auf schwindelnde Höhen, ließen das „Kloster“ oder der „Abt“ einzelne Ansprüche unerfüllt, so riß „Kenilworth“ wieder Alles glänzend heraus. Der Waverleyverfasser, wie in seinem Namen, so war er auch in dem Reichthum seines Geistes vollkommen räthselvoll; er war ein Zauberer, der die Gemüther im Bann seiner Kunst hatte. Dies dauerte zwölf Jahre. Das Erscheinen „Waverley’s“ fiel mit dem Sturz der napoleonischen Herrschaft zusammen und man darf ohne Uebertreibung sagen, der Name Walter Scott fing an den Namen Napoleon im Munde des Volks, wenigstens der Gebildeten aller Völker, abzulösen. Unsere Zeit besitzt jetzt wieder einen Namen, der „Haushalt-Wort“ über die ganze Welt hin geworden ist — es giebt keine Südseeinsel, wohin nicht der cri de guerre Bismarck gedrungen wäre. Der Weltname jener Epoche war Scott. So gingen die Dinge bis zum Jahre 1826. Da brach es plötzlich über den bis dahin vom Glück Getragenen herein. Eines Tages wußte er, der gastfrei gewesen war wie ein Patriarch, der gelebt hatte wie ein Fürst — er wußte, daß er ein Bettler sei. Die Firma Ballantyne, in der seine Werke steckten, hatte Bankrott gemacht.

Dieses Ereigniß traf ihn anders, wie sonst wol Schriftsteller von solchen Vorgängen betroffen werden. Er hatte nach den ersten glänzenden Erfolgen seines „ the lay of the last Minstrel“ der Versuchung nicht widerstehen können, an dem Gewinn, den das Gedicht brachte, über das bloße Honorar hinaus theilnehmen zu wollen, er war stillschweigender, aber erster, tonangebender Partner des Geschäftes geworden, hatte zwanzig Jahre lang alle erdenklichen Vortheile aus dieser Sonderstellung gezogen (er betrachtete die Ballantynes wie ein Bankhaus, auf das er nach Gutdünken Wechsel zog) und mußte nun den furchtbaren Rückschlag kennen lernen, der ihm aus dieser Sonderstellung erwuchs. Er verlor nicht blos ausstehende Honorare, er verlor auch sein Vermögen, und er verlor nicht blos dieses, sondern hatte auch mit seiner Person, mit Ehre und Leben aufzukommen für das, was fehlte, für die Summe unter Balance. Diese Summe war enorm. 117.000 Lstr., nahe an 800,000 Thaler! Wenn uns schon jetzt diese Zahlen erschrecken, wie anders damals, wo der Werth des Geldes, auch in England, mindestens das Doppelte betrug von dem heutigen. Ueber diesen Bankrott, ist innerhalb der Scott-Literatur noch wieder eine Specialliteratur erschienen, in der, von zwei verschiedenen Lagern aus, die Frage erörtert worden ist: wem die eigentliche Schuld zuzuschieben sei, den Ballantynes oder aber Scott selber. Ich vermuthe, daß Beide daran zu tragen haben. Soll denn aber durchaus abgewogen werden, so möcht‘ ich vermuthen, daß auf Seite Scott’s die größere Schuld zu suchen sei.

Scott, peinlich-ordentlich in Aufzeichnung von Sixpenceausgaben, kümmerte sich um Das, woran seine ganze äußere Existenz hing, nicht in Geringsten; nie hat er Rechnungsablage verlangt, oder auch nur einen flüchtigen Blick in den Gang des Geschäftes gethan. Fast könnte man annehmen, er unterließ es absichtlich, um nicht in Dem behindert zu werden, was seinen zweiten größeren Geschäftsfehler ausmachte: beständiges Ziehen auf das Haus Ballantyne. Die Ballantynes ihrerseits hinwiederum begingen die Schwäche, nie ein wohlmotivirtes „Nein“ zu sagen, nie eine Warnerstimme hören zu lassen. In Verehrung gegen Scott ließen sie’s gehen und glaubten sich zu diesem Gehenlassen um so mehr berechtigt, als sie gleichzeitig ein unbegrenztes Vertrauen in die Unbegrenztheit seines Könnens und in das Wachsen seines Ruhmes setzten. Sie sagten sich: haben wir 50,000 Exemplare von „Ivanhoe“ in die Welt geschickt, warum nicht 100,000 von dem eben erscheinenden „Kenilworth“? So gaben sie endlos, wie endlos gefordert wurde. Charakteristisch ist es übrigens, daß nie ein Wort der Anklage über Scott’s Lippen gekommen ist. Zur Hälfte wurzelte das in seiner nachsichtigen, durchaus nobel angelegten Natur, zur andern Hälfte aber wol darin, daß er selber den Ballantynes die kleinere Schuld beimaß. 117,000 Lstr.! Dies war die Summe für die er aufzukommen hatte, und er trat für sie ein, wie ich absichtlich mich ausdrückte: mit „Ehre und Leben“. Diese Schuld zu tilgen, war ihm von diesem Augenblick an noch die große „Ehrensache“, die ihm oblag, und an ihre Ausfechtung setzte er das Leben selbst.

In Ueberarbeit opferte er sich hin. Er fiel kämpfend wie ein Krieger in der Schlacht. Sein Fleiß überstieg jedes begreifliche Maß, Tage lang saß er wie angekettet an seinem Schreibtisch, nur das eine Ziel im Auge: die Schuld zu tilgen. Vier Jahre lang hielt seine eiserne Gesundheit dieses Martyrthum aus, zwei Drittel (80,000 Lstr.) war herunter gearbeitet; er hätte das Ganze geleistet — da brach er zusammen. Das große Werk dieser Epoche war das „Leben Napoleon’s“ gewesen; Anderes: Romane, historische Abhandlungen, kürzere Erzählungen mischten sich mit ein. Nicht Alles stand auf der Höhe seiner freien Jahre, aber auch noch in dieser geistigen Frohne, blieb er der große Mann und Einzelnes, wie die „Erzählungen eines Großvaters“, reihte sich seinem Besten und Vollendetsten an. Im Winter 1830 zeigten sich Spuren einer mehr und mehr zunehmenden Lähmung. Die Aerzte hofften Besserung von Luft- und Ortswechsel, von einem südlichen Klima; vor Allem sollte er der Arbeit entrissen werden. So ging er nach Italien, erst nach Neapel, dann nach Rom, sein Zustand indessen verschlimmerte sich und im Juli kehrte er nach London, von dort nach seinem geliebten Abbotsford zurück.

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