Willibald Alexis – Ein Nachruf , Theodor Fontane

Viele meiner Leser kennen Heringsdorf. Mit Laubholz und Kiefern bestandene, von Moos und Strandhafer überwachsene Sandhügel ziehen sich am Ostseeufer hin; in der parallel laufenden Thalmulde stehen, vereinzelt, oder schon zu Straßen geordnet, bescheidene Sommer-, noch bescheidenere Fischerhäuser; aus der vordersten Dünenreihe aber, hier und dort von mächtigen Weißbuchen überragt, lachen in hellem Weiß einzelne Villen und haben eine entzückende Aussicht auf das offene Meer. Anfang der dreißiger Jahre führte mich’s aus der benachbarten Stadt (in der ich meine Knabenjahre verlebte) oft nach Heringsdorf hinaus, das, auf halbem Wege nach Dorf Coserow und dem Streckelberg hin gelegen, mir und meinen Spielgenossen immer einen Vorschmack von dem Zauber des sagenhaften, zu Füßen jenes Berges untergegangenen Vineta bot. Wir hörten mit phantasie-geschärftem Ohr die „Abendglocken““ klingen, die Kunde gaben „von der schönen, alten Wunderstadt“, und mit Vorliebe declamirten wir die Strophen des eben damals bekannt gewordenen Müller’schen Liedes in den Seewind hinein, wenn wir am Strand hin demAuf und Ab der Brandung nachliefen, oder aber den tiefen Sandweg durchwateten, der uns den Abhang hinaus, aus die Höhe der Düne führte. Eines Tages, als wir eben diesen Abhang erstiegen, begegneten wir auf halber Höhe einem Herrn in jagdgrünem Rock und Gebirgshut, in ziemlich derselben Form, wie sie jetzt wieder getragen wird. Er war kaum mittelgroß, brünett, der Kopf steckte in den Schultern, die Augen dunkel, aber von einem freundlichen Glanz. Er erwiederte unsern Gruß, trat an den Größten und Hübschesten unter uns heran (dessen „Bilder aus dem südspanischen Leben“ er zehn Jahre später herausgegeben hat), streichelte ihm das lange, blonde Haar, trug ihm Grüße an die Eltern auf und stieg dann hinunter, dem Strande zu. „Wer war das?“ „Er hat unsere Villa gekauft; er heißt Häring, aber sie nennen ihn Wilibald Alexis.“ „Der“, sagt‘ ich. Ich kannte seinen Namen wol; mein Vater war all‘ die Zeit über ein WalladmorBewunderer gewesen. Ich blickte dem Dahinschreitenden nach; — der erste Dichter, den ich sah. Sein Bild ist mir deutlich im Gedächtniß geblieben. Wer mir damals gesagt hätte, daß ich vierzig Jahre später über ihn schreiben würde, über ihn und über Bücher, die damals selbst noch nicht geschrieben waren! * Wilibald Alexis, mit seinem eigentlichen Namen Wilhelm Häring, wurde am 29. Juni 1798 zu Breslau geboren. Seine Familie, ursprünglich Hareng, stammte aus der Bretagne und verließ Frankreich nach Aufhebung des Edicts von Nantes.

Indessen wahrscheinlich nicht unmittelbar, wie die Mehrzahl der Refugiés, sondern erst einige Jahrzehnte später. Der Großvater ließ sich in Soldin (Neumark) nieder, modelte sein französisches Hareng in ein deutsches Häring und widmete sich, wie so viele andere Eingewanderte, dem Gartenbau oder der Obstbaumzucht. Der Sohn (also der Vater unseres Wilibald Alexis) trat in die Beamtenlaufbahn ein, wurde Canzleidirector und starb frühzeitig zu Breslau. Bald nach diesem Todesfalle, sehr wahrscheinlich zwischen 1805 und 10, übersiedelte die Wittwe nach Berlin und ließ ihren Sohn, der studiren sollte, das Werder’sche Gymnasium besuchen. So trafen ihn die Befreiungskriege. Die Kämpfe der Jahre 1813 und 14 mitzumachen, war er zu jung; 1815 aber trat er in das berühmte Regiment Colberg als freiwilliger Jäger ein und nahm insonderheit an der Belagerung der Ardennenfestungen Theil. „Die Nibelungen“, so wird erzählt, „hatte er mit in den Krieg genommen; er brachte sie unversehrt wieder heim, aber auch — ungelesen.“ In Berlin nahm er seine Studien wieder auf, widmete sich der juristischen Carrière, machte sein Staatsexamen und arbeitete als Referendar beim Criminalgericht. „Seine Arbeiten nach dieser Seite hin waren nichts weniger als hervorragend.“ Etwa um’s Jahr 1820 veröffentlichte Wilhelm Häring, bereits damals unter dem Namen Wilibald Alexis (den er als Mitglied einer studentischen Verbindung geführt hatte), seine erste Arbeit, ein scherzhaftes Epos; bald auch einige Novellen.

Fouqué, der Kenntniß davon nahm, fand das Talent darin so ausgesprochen, daß er ihm rieth, die Carrière zu vertauschen. Wilibald Alexis folgte diesem Rath und trat bereits 1823 mit einer Erzählung hervor, die bald in ganz Europa von sich reden machte. Es war sein Roman „Walladmor“, halb eine Nachbildung, halb eine Ironisirung Walter Scott’s. Er stand damit nicht gerade vereinzelt da. Tieck, Raupach dachten bekanntlich ähnlich; letzterer schrieb um dieselbe Zeit seine „Schleichhändler“. Es war aber doch ein Unterschied zwischen Raupach und Wilibald Alexis. Jener persifflirte nur die Wirkung, die die Romane, ihrerseits unverschuldet, ausübten, Dieser, indem er ihnen spielend ein Gleiches an die Seite stellte oder zu stellen vorgab, die Romane selbst. Dazu kam, daß die Gleichheit nur ein bequem erborgter Schein war. Wissentlich oder nicht wurde eine Volte geschlagen. Was Wilibald Alexis dem Leser bot, war Walter Scottisch, aber durchaus nicht Walter Scott.

Während Dieser immer neue Gestalten schuf und gerade darin seine Größe hatte, begnügte sich Alexis damit, schon vorhandene Scott’sche Gestalten zu copiren, zu modeln, oder aus zweien eine zu machen. Es war eine sehr eigenthümliche Procedur. Sehr richtig ist gesagt worden (durch Karl Gutzkow), daß heutzutage ein solches Sicheinführen in die Literatur einen Menschen ruinirt haben würde; damals nahm man das hin, amüsirte sich, ja, es gab „feine Ironici“, die dies witzig fanden. Mein Empfinden ist das entgegengesetzte. Ich bekenne mich hier völlig zur Modernität, habe kein Verständniß für diese Form seinsollenden Humors und vermag, das Mildeste zu sagen, eine solche in ihren Beweggründen ziemlich unklare Plaisanterie nicht recht am Orte zu finden. Noch weniger, daß Wilibald Alexis diesen Einfall wiederholte und 1827 „Schloß Avalon“, ebenfalls unter der Maske Walter Scott’s, publicirte. Die Aufnahme war kühler und die Mystification hatte damit ihre Endschaft erreicht. Wie ich hinzusetzen muß, glücklicherweise. In den drei bis vier Jahren, die zwischen dem Erscheinen von „Walladmor“ und „Schloß Avalon“ lagen, war Wilibald Alexis unausgesetzt thätig gewesen. Eine Anzahl Novellen in den damals so beliebten Taschenbüchern war erschienen; auch zum Theater, wenn wir nicht irren, zur Königstädtischen Bühne, trat er in Beziehungen und verschiedene Stücke von ihm wurden ausgeführt, unter denen wir nur den „Prinzen von Pisa“ und den „Verwunschenen Schneidergesellen“ nennen.

Einer spätern Periode gehörte „Die Krone von Cypern“, „Excellenz“ und „Der Salzdirector“ an. Keines dieser Stücke hatte als solches eine Bedeutung; alle sind sie schnell und wol für immer vom Repertoire verschwunden, dennoch war unter seinen vorbereitenden Tätigkeiten, wenn man diesen Ausdruck gestatten will, keine, die von so nachhaltigem und glücklichem Einfluß aus seine späteren Arbeiten geworden wäre. Ein specieller Vorzug seiner Romane, nämlich der klare, gutgegliederte Aufbau, in dem sich die Pyramide der drei oder fünf Acte erkennen läßt, ist, wenn nicht ausschließlich, so doch wahrscheinlich zu größerm Theil auf diese mehrjährige Beschäftigung mit dem Drama zurückzuführen. 1827, so sagte ich, erschien „Schloß Avalon“; eine Reise nach Südfrankreich (1826) war unmittelbar vorausgegangen, eine Reise nach dem Norden, die ihn über Kopenhagen und Helsingör bis Gothenburg und Drontheim und von dort, das Gebirge überschreitend, nach Stockholm und Upsala führte, folgte unmittelbar (1828). Ueberhaupt scheint er — wie die Angehörigen beinah aller Coloniefamilien — den Reise- und Wanderzug gehabt zu haben. Nur nicht an der Scholle kleben. „Frei, auf, hinaus in’s weite Land.“ Beide Reisen beschrieb er, die eine in seinen „Wanderungen im Süden“, die andere in seiner „Herbstreise durch Scandinavien“. Unter dem Mannigfachen, was er innerhalb der Reiseliteratur geleistet hat, dürften diese Schilderungen der Nordlandsnatur, wie des Volkslebens der Schweden und Norweger, das Beste geblieben sein. Ueberhaupt aber glänzt er auf diesem Gebiet und gesellt zu der Schärfe der Beobachtung eine Frische und Lebendigkeit der Darstellung, die am besten zeigt, wie wohl ihm unter einem fremden Himmel war.

Ihm, der doch die märkische Steppe, das Land und seine Bewohner, wie kein Anderer vor ihm und nach ihm zu schildern verstanden hat! Und das ist die Stelle, wo, bei der Wichtigkeit des Gegenstandes, eine Abschweifung gestattet sein mag. Was von allem bewußten Sehen gilt, daß erst die aus einer Fülle von Anschauungen erwachsende Möglichkeit des Vergleichs die Gabe und die Lust zum Beobachten weckt, das gilt ganz besonders auch von dem Auge für die Landschaft. Wer immer Dasselbe sieht, sieht nichts. Er weiß, das ist ein Hügel, ein Wald, eine Mühle; er kann der Wegweiser einer Gegend sein, aber nicht ihr Maler; die Berglinie, die tausendmal zu ihm gesprochen, er vermag sie weder zu zeichnen, noch zu beschreiben, erst die Fremde bringt ihm die Physiognomie seiner Heimat zum Bewußtsein. Das Todte ist ihm plötzlich lebendig, das Zurückliegende gegenwärtig, das rein Aeußerliche auch ein Innerliches geworden; er trägt es mir sich umher; er hat es auch da, wo er es nicht hat; seine Seele beschäftigt sich mit ihm, er sieht es, er liebt es. Am Meer und im Gebirge, im Glühen des Gletschers und im Leuchten des Golfs, erobert man sich die Fähigkeit, einen im Dämmer ruhenden, von Mummeln überwachsenen Havelsee und die im rothen Gewölk dastehende Kiefernheide in ihrem Zauber zu verstehen.

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