Die Möwe – Anton Tschechow

Park auf dem Landgut Ssorins. Eine breite Allee, die vom Zuschauer aus in die Tiefe des Parkes zu einem See führt und durch eine improvisierte Liebhaberbühne so verbaut ist, dass man den See nicht sieht. Links und rechts von dieser Bühne Gebüsch. Ein paar Stühle, ein Tischchen. Die Sonne ist eben untergegangen Auf der Bühne, hinter dem herabgelassenen Vorhang, Jakow und andere Arbeiter; man hört ihr Husten und ihr Klopfen. Mascha und Medwjedenko kommen von links, von einem Spaziergang. Medwjedenko: Warum gehen Sie immer in Schwarz? Mascha: Ich trauere um mein verlorenes Dasein. Ich bin unglücklich. Medwjedenko: Warum? Nachdenklich. Ich verstehe das nicht … Sie sind gesund, Ihr Vater ist zwar kein reicher Mann, aber doch nicht unbemittelt. Ich hab’s weit schwerer als Sie. Ich bekomme monatlich ganze dreiundzwanzig Rubel Gehalt, wovon noch die Pensionsabzüge abgehen, und dennoch trage ich keine Trauer. Mascha: Es kommt nicht aufs Geld an. Auch ein Bettler kann glücklich sein. Medwjedenko: In der Theorie vielleicht, in der Praxis liegt die Sache aber so, daß fünf Personen von den dreiundzwanzig Rubeln leben sollen: ich, meine Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder.

Man will essen und trinken, man braucht Tee und Zucker, man braucht Tabak – da heißt es sich drehen und winden! Mascha blickt nach der Bühne: Die Vorstellung wird gleich beginnen. Medwjedenko: Ja. Die Sarjetschnaja spielt, und das Stück ist von Konstantin Gawrilowitsch. Sie sind ineinander verliebt, und heut werden ihre Seelen sich in dem Streben vereinigen, dasselbe künstlerische Gebilde zu gestalten. Und unsere Seelen haben keine gemeinsamen Berührungspunkte. Ich liebe Sie, ich kann es vor Sehnsucht zu Hause nicht aushalten, laufe Tag für Tag sechs Werst hin und sechs Werst zurück, um Sie zu sehen – und begegne bei Ihnen stets derselben Gleichgültigkeit. Das ist wohl zu verstehen – ich bin mittellos, hab‘ eine große Familie … einen Menschen, der selbst nichts zu beißen hat, heiratet man doch nicht … Mascha: Unsinn. Sie nimmt eine Prise. Ihre Liebe rührt mich, aber ich kann sie nicht erwidern, das ist’s. Reicht ihm die Schnupftabakdose.

Bitte! Medwjedenko lehnt ab: Ich danke. Pause. Mascha: Es ist schwül – ’s wird wohl in der Nacht ein Gewitter geben. Sie philosophieren immer oder reden von Geld. Nach Ihrer Meinung gibt’s kein größeres Unglück als die Armut, nach meiner Meinung aber ist’s tausendmal leichter, in Lumpen zu gehen und zu betteln, als … Doch das verstehen Sie nicht. Ssorin und Treplew kommen von rechts. Ssorin stützt sich auf seinen Stock: Ich fühl‘ mich einmal nicht wohl auf dem Lande, mein Lieber, und ich glaube, ich werde mich nie hier einleben. Gestern ging ich um zehn Uhr zu Bett, und heut morgen bin ich um neun Uhr aufgewacht, mit einem Gefühl, als klebte mir vom langen Schlafen das Hirn am Schädel fest – und so! Lacht. Nach Tisch bin ich unversehens wieder eingeschlafen, und jetzt bin ich ganz zerschlagen, habe Alpdrücken, am Ende … Treplew: Du mußt eben in der Stadt wohnen, Onkel. Er erblickt Mascha und Medwjedenko.

Meine Herrschaften, wenn’s anfängt, wird man sie rufen! Jetzt dürfen Sie nicht hier sein – bitte, gehen Sie! Ssorin zu Mascha: Marja Iljinitschna, sagen Sie doch, bitte, Ihrem Papa, er möchte anordnen, daß man den Hund von der Leine läßt, sonst heult er. Meine Schwester hat wieder die ganze Nacht nicht geschlafen. Mascha: Sagen Sie’s meinem Vater doch selbst, ich tu’s nicht. Erlassen Sie mir’s bitte. Zu Medwjedenko: Kommen Sie! Medwjedenko zu Treplew: Also, wenn’s anfängt. Lassen Sie’s uns sagen. Beide ab. Ssorin: Der Hund wird also wieder die ganze Nacht heulen. Das ist’s ja eben: nie konnte ich auf meinem Gute so leben, wie ich wollte. Da nahm man vier Wochen Urlaub, um auszuruhen und so – und hier setzten sie einem mit allen möglichen Dummheiten so zu, daß man am liebsten am ersten Tage wieder abgefahren wäre.

Lacht. Ich war immer froh, wenn ich von hier wegkam … Jetzt bin ich verabschiedet – weiß nicht, wohin am Ende … Da heißt es dableiben, ob man will oder nicht … Jakow zu Trepljew: Wir gehen jetzt baden, Konstantin Gawrilowitsch. Treplew: Gut, aber in zehn Minuten müßt ihr auf euren Posten sein. Er sieht nach der Uhr. Es geht bald los. Jakow: Jawohl, gnädiger Herr. Ab. Treplew läßt seinen Blick über die Bühne schweifen: Da hätten wir also unser Theater. Der Vorhang, dann die erste Kulisse, dann die zweite und dann der leere Raum. Gar keine Dekoration.

Der Blick geht direkt nach dem See und dem Horizont. Punkt halb neun, wenn der Mond aufgeht, hebt sich der Vorhang. Ssorin: Prachtvoll. Treplew: Wenn die Sarjetschnaja zu spät kommt, ist natürlich der ganze Effekt verloren. Sie müßte eigentlich schon hier sein – aber Vater und Stiefmutter bewachen sie, und sie kann schwer loskommen, wie aus einem Gefängnis. Zieht dem Onkel die Krawatte zurecht. Dein Haar ist ganz zerzaust und auch der Bart … Müßtest mal zum Friseur gehen … Ssorin kämmt sich den Bart: Das ist die Tragödie meines Lebens. Hab‘ auch als junger Mann immer so ausgesehen, als wenn ich immer betrunken wäre. Die Frauen haben mich nie gern gehabt. Setzt sich.

Sag mal – warum ist meine Schwester so schlecht gelaunt? Treplew: Warum? Sie langweilt sich. Setzt sich neben Ssorin. Und dann ist sie eifersüchtig. Sie ist aufgebracht gegen mich und gegen diese Vorstellung und gegen mein Stück, nur weil nicht sie darin spielt, sondern die Sarjetschnaja. Sie kennt mein Stück noch gar nicht – und haßt es schon. Ssorin lacht: Was du dir alles einbildest! Treplew: Es verdrießt sie schon, daß hier auf dieser kleinen Bühne die Sarjetschnaja Erfolge haben wird und nicht sie. Er sieht nach der Uhr. Sie ist ein psychologisches Kuriosum, meine Mutter. Unstreitig sehr begabt und klug, über einem Buch kann sie bitterlich weinen; den ganzen Nekrassow kann sie auswendig, und am Krankenbett ist sie ein Engel; aber versuch mal, in ihrer Gegenwart die Duse zu rühmen! Oh! Nur sie allein soll man loben, nur von ihr schreiben, nur ihren Namen ausschreien, von ihrem unübertrefflichen Spiel in der »Kameliendame« oder im »Dunst des Lebens« entzückt sein, und weil sie hier, auf dem Lande, diesen Rausch entbehren muß, so langweilt sie sich, ist wütend – und wir alle sind natürlich ihre Feinde, wir alle sind daran schuld. Dann ist sie auch abergläubisch, erschrickt, wenn sie drei brennende Kerzen sieht, hat Angst vor der Zahl dreizehn.

Und geizig ist sie – sie hat in Odessa siebzigtausend Rubel auf der Bank liegen, das weiß ich genau. Will man aber von ihr eine Kleinigkeit borgen – dann weint sie. Ssorin: Du bildest dir ein, daß dein Stück der Mutter nicht gefällt, und regst dich darum so auf – und so. Beruhige dich. Deine Mutter vergöttert dich. Treplew die Blättchen einer Blume abzupfend: Sie liebt mich – liebt mich – liebt mich nicht, liebt mich – liebt mich nicht. Lacht. Siehst du, meine Mutter liebt mich nicht. Kein Wunder: Sie will leben und lieben, sie will helle Kleider tragen – und ich, ihr Sohn, bin fünfundzwanzig Jahre alt, ich erinnere sie beständig daran, daß sie nicht mehr jung ist. Bin ich nicht da, dann zählt sie erst zweiunddreißig, in meiner Gegenwart aber ist sie dreiundvierzig.

Darum haßt sie mich. Sie weiß auch, daß ich für das Theater nichts übrig habe. Sie schwärmt für die Bühne, sie glaubt der Menschheit, der heiligen Kunst zu dienen, während ich das Theater von heut für Routine und Konvention halte. Wenn der Vorhang aufgeht und in dem Zimmer mit den drei Wänden diese großen Talente, diese Priester der heiligen Kunst dem Publikum im Rampenlicht vormachen, wie die Leute essen, trinken, lieben, umhergehen, ihre Röcke tragen; wenn sie aus banalen Bildern und Phrasen einen Moral herauszutüfteln suchen – eine kleinliche, vulgäre Moral für jedermanns Hausgebrauch, wenn sie mir in tausend Variationen immer und immer wieder dieselbe Kost servieren – dann möchte ich fortlaufen, weit. Weit weg, wie Maupassant vor dem Eiffelturm fortlief, dessen Banalität sein Hirn zu Boden drückte – Ssorin: Wir können das Theater nicht entbehren. Treplew: Dann muß es neue Formen annehmen. Wir brauchen neue Formen, und wenn sie nicht da sind – dann lieber gar nichts. Blickt auf die Uhr. Ich liebe meine Mutter, liebe sie sehr, aber sie führt ein unvernünftiges Leben, schleppt sich ewig mit diesem Belletristen herum, ihr Name wird immerfort durch die Zeitungen gezerrt – und das quält mich. Zuweilen regt sich in mir einfach der Egoismus eines gewöhnlichen Sterblichen; ich bedaure dann, daß meine Mutter eine bedeutende Schauspielerin ist, und es scheint mir, daß ich weit glücklicher sein würde, wenn sie eine einfache Frau wäre.

Sag selber, Onkel: kann’s eine fatalere, eine albernere Lage geben; da versammelten sich zuweilen bei ihr Künstler und Schriftsteller, lauter Berühmtheiten – und ich bin der einzige darunter, der gar nichts ist, der nur geduldet wird, weil ich ihr Sohn bin. Wer bin ich? Was bin ich? Als Student im dritten Semester habe ich die Universität verlassen müssen – unter Umständen, die, wie man zu sagen pflegt, von der Redaktion unabhängig waren; Talente sind mir nicht gegeben, Geld hab‘ ich nicht, und laut meinem Paß bin ich ein simpler Kleinbürger aus Kiew, wie mein Vater, der übrigens auch ein ganz tüchtiger Schauspieler war. Wenn nun in Mamas Salon diese berühmten Künstler und Schriftsteller sich wirklich einmal gnädig zu mir herabließen, dann war’s mir immer, als wollten sie mit ihren Blicken meine ganze Erbärmlichkeit ermessen – und ich erriet ihre Gedanken und litt unter dieser Demütigung – – Ssorin: Sag doch mal, bitte – was ist dieser Belletrist für ein Mensch? Ich werde nicht klug aus ihm. Er ist so schweigsam. Treplew: Ein kluger, einfacher Mensch – etwas melancholisch, weißt du. Sehr anständig. Er ist noch weit unter Vierzig und ist schon berühmt und satt bis zum Überdruß … Was seine Schriftstellerei anlangt … wie soll ich dir’s sagen? Nett … talentvoll … aber nach Tolstoi oder Zola will man doch einen Trigorin nicht lesen. Ssorin: Und ich liebe die Schriftsteller, siehst du. Als junger Mensch schwärmte ich für zweierlei: ich wollte heiraten und ein Schriftsteller werden. Beides mißlang ja.

Auch ein ganz kleiner Schriftsteller zu sein, ist angenehm am Ende. Treplew horcht auf: Ich höre Schritte … Umarmt den Onkel. Ich kann ohne sie nicht leben. Selbst der Klang ihrer Schritte ist schon … Ich bin wahnsinnig glücklich. Er geht rasch auf Nina Sarjetschnaja zu, die auf der Bühne erscheint. Meine Zauberin, mein Traum … Nina erregt: Ich bin nicht zu spät gekommen? Nicht wahr, ich bin nicht zu spät gekommen? Treplew küßt ihre Hände: Nein doch, nein, nein … Nina: Den ganzen Tag war ich in Unruhe, ich hatte eine solche Angst! Ich fürchtete, daß der Vater mich nicht gehen lassen würde … Aber er ist eben mit der Stiefmutter weggefahren … Der Himmel war so rot, der Mond kam schon herauf, und ich trieb das Pferd, sosehr ich konnte. sie lacht. Ich bin so froh … Sie drückt Ssorin kräftig die Hand. Ssorin lacht: Die Äuglein scheinen mir verweint … He, he. Gefällt mir nicht.

Nina: Das ist nur so. … Bin noch ganz außer Atem. In einer halben Stunde muß ich wieder weg. Wir müssen uns beeilen. Um Gottes Willen, halten Sie mich nicht zurück – mein Vater weiß nicht, daß ich hier bin. Treplew: In der Tat – es ist Zeit, daß wir anfangen. Man muß sie alle herrufen. Ssorin: Ich will sie holen – sofort! Geht nach rechts und singt. »Nach Frankreich zogen zwei Grenadier‘ …« Sieht sich um. Einmal, als ich auch so ein Lied anstimmte, sagte ein Staatsanwaltsubstitut zu mir: »Haben Exzellenz eine mächtige Stimme!« Und dann dachte er ein Weilchen nach und meinte: »Aber abscheulich klingt sie!« He, he! Geht lachend ab.

Nina: Der Vater und die Stiefmutter lassen mich nicht hierher. Sie nennen das hier Boheme … haben Angst, ich könnte zur Bühne gehen … Und dabei zieht es mich hierher zum See wie die Möwe … Mein Herz ist voll von Ihnen … Sieht sich um. Treplew: Wir sind allein. Nina: Dort ist jemand … Treplew: Kein Mensch ist da. Sie küssen sich. Nina: Was für ein Baum ist das? Treplew: Eine Rüster. Nina: Warum ist sie so dunkel? Treplew: Es ist bereits Abend, alle Gegenstände scheinen dunkler. Verlassen Sie uns nicht so früh, ich flehe Sie an! Nina: Unmöglich! Treplew: Und wenn ich zu Ihnen komme, Nina? Die ganze Nacht will ich im Garten stehen und nach Ihrem Fenster schauen … Nina: Nicht doch, der Wächter wird Sie bemerken, und Tressor wird bellen; er kennt Sie noch nicht. Treplew: Ich liebe Sie! Nina: Psst-sst! Treplew hört Schritte: wer ist da? Seid ihr’s, Jakow? Jakow hinter der Bühne: Jawohl. Treplew: Geht an eure Plätze.

Es ist Zeit. Kommt der Mond schon herauf? Jakow: Jawohl. Treplew: Ist der Spiritus da? Und der Schwefel? Sobald die roten Augen sichtbar werden, muß es nach Schwefel riechen. Zu Nina. Gehen Sie, dort ist alles bereit. Sie sind aufgeregt? Nina: Ja. Sehr. Vor Ihrer Mutter hab‘ ich keine Angst. Aber Trigorin ist da … Ich fürchte und schäme mich zugleich, vor ihm zu spielen … Ein berühmter Schriftsteller … Ist er jung? Treplew: Ja. Nina: Was für wunderbare Erzählungen er schreibt! Treplew: Ich kenne sie nicht, habe sie nicht gelesen.

Nina: Ihr Stück ist schwer zu spielen. Es sind keine wirklichen Menschen darin. Treplew: Wirkliche Menschen! Das Leben darf weder so dargestellt werden, wie es ist, noch so, wie es sein soll, sondern so, wie es sich in unseren Träumen spiegelt. Nina: In Ihrem Stück ist wenig Handlung, lauter Rede; nach meiner Ansicht muß ein Stück immer von Liebe handeln … Beide ab hinter die Bühne. Polina Andrejewna und Dorn treten auf. Polina Andrejewna: Es wird feucht. Gehen Sie, ziehen Sie Gummischuhe an! Dorn: Mir ist heiß. Polina Andrejewna: Sie nehmen sich gar nicht in acht. Das ist Eigensinn. Sie sind Arzt und wissen recht gut, daß feuchte Luft Ihnen schadet; aber Sie wollen mich nur quälen; gestern haben Sie absichtlich den ganzen Abend auf der Terrasse gesessen … Dorn singt vor sich hin: »O sage nicht, daß deine Jugend schwand …« Polina Andrejewna: Sie waren so hingerissen von der Unterhaltung mit Irina Nikolajewna … Sie merkten gar nicht, daß es kühl war.

Gestehen Sie’s nur: sie gefällt ihnen … Dorn: Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt. Polina Andrejewna: Unsinn. Für einen Mann ist das kein Alter. Sie haben sich trefflich konserviert und machen noch Eindruck auf Frauen. Dorn: Was wollen Sie also? Polina Andrejewna: Vor einer Schauspielerin sinkt ihr gleich alle auf die Knie – alle! Dorn singt vor sich hin: »Hier steh‘ ich nun wieder vor dir …« Wenn man in der Gesellschaft die Künstler liebt und sie anders behandelt als zum Beispiel die Kaufleute, so ist das ganz in der Ordnung. Das ist eben Idealismus! Polina Andrejewna: Die Frauen haben Sie immer geliebt und sich Ihnen an den Hals geworfen. Ist das auch Idealismus?

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