Frauenseelen – Gabriele Reuter

Nein — so ging es nicht weiter. Sie konnte ihr Leben, wie es jetzt war, nicht länger ertragen und sie wollte auch nicht! Fort, fort — gleichviel wohin! Nur ein paar Tage lang andere Luft atmen. Fremde Möbel um sich sehen und unbekannte Menschen, die sie nicht bemitleideten. Andere Wege wandern — Wege, von denen man noch nicht wußte, wohin sie führten. Nachts den Kopf auf ein Kissen legen, das nicht so viele, viele Thränen aufgesogen hatte … O Gott, o Gott — einmal dem ewigen Schmerz entfliehen! Sie hütete und pflegte ihn schon lange genug, müde, hilf- und trostlos, wie eine Mutter ihr Kind, das niemals wieder gesund werden kann. Aber allein mußte sie gehen. Das war die Hauptsache. Wenn sie Ernstchen mitnahm, würde der sie immer erinnern … Er hatte zuviel Aehnlichtkeit mit seinem Vater. Darin lag die tägliche Qual, von der der arme kleine Schelm nichts ahnte. Sie konnte die schmerzhafte Wollust nicht lassen: zu belauschen, wie die feinsten, seltsamsten Züge, die sie an Friedrich geliebt und durch die er sie gepeinigt hatte, in dem kleinen Jungen auferstanden und weiter wuchsen. Das nervös-sensibele Temperament, das in Freude und Leid gleich über alle Grenzen ging, und damit vereint das kalt Grüblerische, die beinahe lauernde Beobachtungsgabe — der ungeduldige Ekel an jeder Unvollkommenheit und bei einem Hang zur Melancholie die heftige Sehnsucht nach ruhiger, stetiger Heiterkeit … Uebrigens — kein Wunder — sie befaß all’ diese widersprechenden Eigenschaften ja selbst. Sie war eine ihrem Manne zu verwandte Natur, so sagte sie sich tausend mal. Darum hatten sie sich nicht in einander finden können. Die Schwierigkeiten, das Zerrissene, an dem er schon im eignen Wesen schwer genug trug, fand er bei ihr wieder. Es mußte ihn bis zum Wahnsinn reizen — da er sie einmal nicht mehr liebte oder vielleicht niemals geliebt hatte.

Bei dem Kleinen lag die Gefahr in der großen, altklugen Zärtlichkeit und Sorge, die er für sie empfand. Ein Bübchen von kaum sieben Jahren sein und Tag und Nacht den Jammer einer verlassnen Frau mittragen und mitfühlen — es war ja eigentlich grauenhaft … Sie spürte es oft dem Kinde an, wie sich etwas in ihm gegen das fortwährende Leiden empörte. Wie er dann bei geringen äußeren Anlässen gehässig und boshaft und zornig werden konnte — ganz wie sein Vater. Und nachher die Gewissensqualen, die die arme kleine Seele wieder durchmachen mußte. — Dem Jungen würde es eine größere Erholung sein, in der Stadt mit der alten Köchin zu hausen, als mit ihr aufs Land zu gehen, sagte sich Walborg mit herzzerschneidender Bitterkeit. Sie rieben sich gegenseitig auf. Wie sie und Friedrich es gethan … Bis ihr schließlich für ihre heiße Liebe ein hysterischer Haß und Widerwille zum Dank wurde. Das durfte nicht sein. Sie sah es kommen — und zum zweiten mal in ihrem Leben durfte ihr das nicht geschehen. * * * Sie stellte sich einsame Waldwege vor, auf denen sie schweigend wandern und stille werden würde.

Und dann friedlich und ein wenig gestärkt heimkehren. In solchen Gedanken richtete Walborg ihren Koffer. Zwischendurch beschlich sie der Zweifel. Mit jedem Stück des täglichen Gebrauchs packte sie etwas von ihrem täglichen Leiden ein — ging es also nicht mit ihr? Mußte sie es nicht an dem fremden Ort mit den Dingen wieder hervorholen? Aber trotzdem … Sie hatte noch niemals den Versuch gemacht, sich zu retten. Seitdem das Gericht vor nun bald zwei Jahren die Scheidung ausgesprochen, und sie damit in dem verzweifelten Kampf um ihres Gatten Herz und Liebe endgültig besiegt worden, galt es ihr als unabänderliche Thatsache, daß ihr Leben bis in seine Wurzeln zerstört war. In diesem Sommer begann sie zuerst aus dumpfer Finsternis aufzublicken und die Zerstörung in ihr mit dem Verstande schaudernd zu betrachten. Von dem Zeitpunkte an fragte sie sich, was geschehen könne, um die Wunden zu heilen. Sie wollte das in der Einsamkeit überdenken. * * * Am Rande des Kiefernwaldes stand der Gasthof, auf dem weißen Sand der märkischen Ebene. Ein rötlich-violetter Streifen Heidekraut, der breite, zerwühlte Fahrweg und dann Kartoffel-, Rüben- und Roggenfelder, weitgedehnt, um den Horizont rings der Saum blaudunkler Wälder.

Ein sehr einfaches Landschaftsbild, aber es gefiel Frau Walborg. Eine Bekannte hatte das Gasthaus empfohlen. Sie sei im Juli mit ihren Kindern draußen gewesen und gut verpflegt worden. Man sei auch so ungeniert. Das alles hatte Walborg zugesagt und sie auf die Idee gebracht, ihre eingeschlossene Existenz zu durchbrechen. Für eine weitere Reise, die planvoll ins Werk gesetzt werden mußte und mit allerlei Schwierigkeiten und dem Verkehr mit Menschen verknupft war, hätte sie doch nicht den Mut gefunden. Sie wollte ja auch nichts Ungeheuerliches erleben. Nur Ruhe und Frieden wollte sie genießen. Nun saß sie am Morgen nach ihrer Ankunft im Heidekraut. Ein dünnes Bändchen, eine Novelle von Turgenieff lag ihr im Schooß.

Sie hatte ein paar Seiten gelesen und dann mochte sie nicht mehr. Irgend etwas in ihr widerstrebte plötzlich heftig und wollte sich nicht vom Dichter in seine Stimmung zwingen lassen. Dieser graue Nebel über den Dingen — diese Traurigkeit, in die er seine Menschen einspinnt — der dumpfe Bann, der sich sacht auf den Leser senkt, bis eine müde Hoffnungslosigkeit wie ein unabwendbares Schicksal seinen Geist und seine Seele lähmt … Das war heute nichts für sie. Damit wollte sie hier nicht wieder beginnen. Und als sie lange hinaus in den blauen Himmel sah, das Flimmern der Sonne auf dem weißen Sandweg, über den Gewächsen der Felder beobachtete und auf die verschiedenen Düfte merkte, die bald herbe, bald honigsüß, harzscharf oder mildkräftig aus Wald und Rain, von den Skabiosen und den Erikakelchen und von den Breiten des reifen Roggens zu dem unbegreiflich wundervollen Arom des heißen stillen Sommermorgens zusammen strömten, da fühlte sie schon, daß sie noch empfinden konnte. Es stahl sich eine zarte Freude an der Erscheinung der Welt in ihre Sinne. Ihre Glieder dehnten sich, sie legte sich auf das weiche, nachgebende Blumenpolster, verschränkte die Arme unter den Kopf und reckte sich aus. Ach, war das wohlig angenehm. Wie gut, daß sie nicht gezögert hatte, und nun gerade die schönen Tage fand, die ersten ganz sicher schönen nach vielem Regen. Mittags war sie erstaunt, ein ganze Table d’hôte vorzufinden.

Man hatte in der Veranda gedeckt, die aus rohem Kiefernholz etwas unmotiviert neben das alte Haus gebaut war. Die Gäste bestanden meist aus Städtern, welche mit den Vorortzügen herausgekommen waren. Das Haus selbst beherbergte nur ein paar alte Damen und deren Nichten oder Töchter. Walborg hatte gar keine Toilette gemacht, nicht einmal das Haar geordnet; kleine Blättchen und winzige Erikazweige hingen ihr noch in dem Nacken-Knoten, der wirr und lose geworden war vom Liegen. Die Sonne hatte sie förmlich durchglüht, sie fühlte, wie ihr die Wangen brannten. Die Hausgenossinnen ihr gegenüber am Tisch redeten sie gleich an und betrachteten sie mit augenscheinlichem Vergnügen. Walborg schwatzte munter, sie wunderte sich über sich selbst, wie zutraulich und lebhaft sie war. Als sie aufstand, um zu gehen, grüßte man sie von allen Seiten. Das machte ihr Spaß. Früher hatte sie große Macht über die Menschen besessen — dann war sie unsicher geworden, weil die schöne Herrscherkraft bei dem Einen versagte.

Und selbstquälerisch hatte sie beobachtet, wie die vergrämte Frau auch den Freunden gleichgültig zu werden begann. Die alten Damen hatten ihr innig die Hand gedrückt. Heiter ging Walborg über den mit bescheidenen Blumenanlagen dürftig gezierten Vorplatz durch die offenstehende Hausthür in den breiten, altmodischen Flur. Sie hatte eine Frage an die Wirtin zu richten. Diese, eine behäbige Frau, stand in Unterhandlung mit einem soeben angelangten Radfahrer. Sein Fahrzeug lehnte am Thor. Er glühte vor Hitze. Walborg sah seinen braunroten Nacken, auf dem kleine Tropfen glitzerten. Nein, war der Mann echauffiert! Er blickte sich nach ihr um und lächelte, halb verlegen, sich in diesen Ueberzug von Staub und Schmutz vor einer Dame zeigen zu müssen. Aber es stand ihm nicht schlecht, denn er war jung und kräftig und seine Augen glänzten lustig.

Es strahlte förmlich eine heiße Lebensfreude von ihm aus. Als er Walborg wartend stehen sah, ließ er ihr höflich den Vorrang. Nachdem ihr Anliegen seine Erledigung gefunden, dankte sie ihm mit einer Kopfbewegung und ging durch den Flur auf den Wirtschaftshof hinaus. Sie wohnte im Rückgebäude, das nach dem Walde lag, in der oberen Etage. Man hatte sie hier einquartiert, weil sie um Ruhe gebeten hatte und weil man hier nichts von dem Kommen und Gehen der Tagesgäste spürte. Neben ihrem Zimmer befand sich ein großer, leerer Tanzsaal, der nur einigemal im Jahre benutzt wurde. Walborg schloß, in ihrem Zimmer angelangt, die Jalousien, zog ihr Kleid aus und legte sich auf’s Bett. Ein unendliches Wohlgefühl durchströmte sie. Im Einschlafen hörte sie Poltern vor ihrer Thür. Stimmen und Schritte, die sich wieder entfernten.

* * * Von den Tanzsaal führte eine Glasthür auf einen breiten Balkon. Walborg hatte ihn gleich bei ihrer Ankunft entdeckt. Wenn man dort oben saß, schaute man mitten in das Geäst der alten Kiefern hinein. Sie hatte nach der Reise, froh dieser völligen Abgeschiedenheit, stundenlang träumend dem leisen Rauschen der Wipfel gelauscht, und bei dem eintönigen Wogen und Summen war sie schließlich doch wieder dahin gelangt, ihren alten Jammer neu zu zergrübeln. Heute durchschritt sie wieder das große, verstaubte Gemach und trat hinaus, als das Abendrot den Wald zu färben begann. Sie sah eine Gestalt am Geländer lehnen, bestrahlt von rötlichem Licht, auch drang der Duft einer Cigarre zu ihr. Sie erkannte den Radfahrer, der am Mittag eingetroffen war. Er grüßte. Sie empfand einen ärgerlichen Verdruß. Es war ihr fatal, daß sie in ihrem Reich nun nicht mehr allein war.

Am Liebsten wäre sie sofort wieder umgekehrt.

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