Das Filigran-Herz – Anna Katharine Green

Es war Nacht. Ich befand mich im Polizeibüro, als Onkel David eintrat. Er wird allgemein Onkel David genannt, selbst von den Straßenjungen, die ihm stets folgen. Ich mache mich daher keiner Unhöflichkeit schuldig, wenn ich ihn auch so nenne. Sein mürrisches Wesen, seine sonderbare Kleidung und seine große Dogge Rudge, sein unzertrennlicher Begleiter, geben zusammen ein kleines Charakterbild Onkel Davids aus jenen Tagen ab. Der alte Herr war mir längst als eine der interessantesten Persönlichkeiten des Distriktes bezeichnet worden. Ich hatte ihn zwar öfters gesehen, indes nie mit ihm gesprochen und konnte daher nicht entscheiden, ob das unsichere Flackern seiner grauen Augen ein natürliches war oder das Resultat seiner momentanen Erregtheit. Als er sprach, bemerkte ich ein leises Zittern seiner Stimme, wie von unterdrückter Aufregung; und doch hatte er nicht mehr zu berichten, als dass er einen Lichtschein in einem unbewohnten Haus gesehen hatte. Ich legte seinen Worten keine Bedeutung bei, bis er den Namen des Hauses erwähnte: „Das Moore House.“ „Das Moore House?“, fragte ich, höchst erstaunt. „Sprechen Sie vom Moore House?!“ Tausende Erinnerungen brachte mir die Erwähnung dieses Namens in mein Gedächtnis zurück. „Von was sonst?“ war die mürrische Gegenfrage, bei der er mich scharf ansah. „Denken Sie, ich würde mich um ein Haus kümmern, an dem ich kein Interesse habe, oder denken Sie, ich nähme Rudge von seinem warmen Teppich fort, um vielleicht einen undankbaren Nachbar vor einem Diebstahl zu schützen? Nein, es ist mein eigenes Haus, in das scheinbar ein Spitzbube eingedrungen ist.“ „Das heißt,“ setzte er verlegen hinzu, als er mein Erstaunen bemerkte, „das Haus, das ich gesetzmäßig erbe, wenn .

wenn der einzigen Tochter meines Bruders etwas . etwas passieren würde.“ Hierauf wandte er sich seinem Hund zu, der sich offenbar niederlegen wollte, murmelte einige unverständliche Worte und wollte sich eben entfernen, als ich auf ihn zutrat. „Ist Ihr Name nicht Moore und Sie wohnen in oder in der Nähe des alten Haus?“ fragte ich. „Darf ich fragen, wie lange Sie in Washington, D.C. wohnen?“ fragte er mit unverhohlenem Erstaunen. „Etwa fünf Monate!“ Seine Ruhe, wenn man bei diesem leicht erregbaren Mann von solcher überhaupt sprechen kann, schien sofort zurückgekehrt zu sein. „Sie haben während dieser Zeit nicht viel gelernt,“ entgegnete er kalt, indes nicht unfreundlich. Dann richtete er sich auf und fuhr mit angenommener Würde fort: „Ich gehöre zur älteren Linie der Moore und bewohne das Landhaus gegenüber dem alten Haus. Ich bin der einzige Anwohner des ganzen Viertels.

Wenn Sie erst längere Zeit in der Stadt wohnen, werden Sie lernen, warum diese Nachbarschaft von allen gemieden wird, die kein Moore’sches Blut in ihren Adern haben. Nehmen wir an, die Ursache dieses . Fernbleibens wäre Malaria . “ Damit zog er seine eckigen Schultern, an denen ein altmodischer, unpassender Rock hing, in die Höhe und wandte sich wiederum der Tür zu. Meine Neugierde war aufs Höchste gestiegen. Ich wusste mehr von jenem Haus, als er dachte. Jeder, der die täglichen Zeitungen der letzten Wochen gelesen hatte, und besonders wir Mitglieder der Geheimpolizei kannten die geheimnisvolle Geschichte dieses Hauses. Was mich so überraschte, war seine Verwandtschaft mit der Familie, deren Name während der letzten zwei Wochen in aller Munde gewesen war. „Einen Augenblick!“ rief ich. „Sie sagten, Sie wohnen gegenüber dem alten Haus.

Dann können Sie mir wohl sagen . “ „Nichts kann ich sagen. Es stand alles in den Zeitungen,“ rief er über seine Schulter hinweg. „Lesen Sie dort nach und Sie erfahren, was Sie wissen wollen. Nun aber finden Sie heraus, wer das Licht in dem alten Haus angezündet hat.“ Meine Pflicht sowohl als auch meine Neugierde veranlassten mich, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Vielleicht kennt der Leser das Moore House und seine Geschichte und weiß, warum man früher und noch heute in Washington, D.C. bei Tag mit Fingern darauf zeigt und warum man des Nachts ihm fernbleibt. Das Haus stand schon, als Washington, D.

C. noch ein kleiner Flecken gewesen ist; es ist älter als das „Kapitol“ und das „Weiße Haus“ . Im Kolonialstil erbaut, macht es den Eindruck des Reichen und Vornehmen. Der Mann, der es erbaute, wollte seinen Reichtum offenbar zur Schau stellen. Bald nach seiner Fertigstellung fiel ein Schatten auf dieses Haus, der es schon in jener Zeit zu einem gemiedenen Haus machte. Obwohl man nie hörte, dass es im Haus „spuke“ oder dass „Geister darin umgehen“ blieb doch keine Familie länger als einige Tage darin wohnen. Als Grund des Auszuges gaben sie an, dass kein Glück im Haus und kein Schlummer darin zu finden wäre. Oftmals hatte Gevatter Tod die Bewohner des alten Haus besucht; indes fast in jedem alten Haus sind mehr oder weniger Leute gestorben. Doch im „alten Haus“ kam der Tod immer so plötzlich, auf solch merkwürdige Weise, und die Todesfälle waren sich alle ganz gleich. Es ist zwar nichts Außergewöhnliches, einen Mann tot auf einer Platte vor einem Kamin hingestreckt zu finden; wenn aber der Tod genau an derselben Stelle zwei oder gar dreimal sein Opfer sucht, darf man wohl mit Bangen und Misstrauen auf eine Häuslichkeit schauen, in deren Mauern der Tod zu lauern scheint.

Man zog daher vor, eher das Haus zu meiden, als dem tödlichen Kaminstein ein neues Opfer zuzuführen. Ich hätte diese Gerüchte – denn weiter sind es doch nichts – nicht erwähnt, wäre es nicht wegen des neuerlichen Vorfalls, welcher das alte Haus wieder in aller Mund brachte, nicht nur in Washington, D.C. selbst, sondern im ganzen Land. Ich meine den sensationellen Todesfall, der sich während der jüngsten Hochzeit in jenem Haus ereignete. Veronika Moore, reich, jung und schön, mit starkem Eigenwillen begabt, hatte längst eine besondere Vorliebe für das alte Haus ihrer Vorfahren an den Tag gelegt. Sie wollte zeigen, dass alle Gerüchte, die im Umlauf waren, nur Altweibergeschwätz seien und bestimmte, dass ihr Ehrentag, an dem sie dem Mann ihrer Wahl angetraut würde, in dem „alten Haus“ gefeiert werde. Mit welchemAusgang, wissen wir ja, ein Mann, der abseits der übrigen Gäste ein Zimmer betrat, das nicht zum Besuch geöffnet worden war, das Zimmer, dem das Haus seinen geheimnisvollen Ruf verdankte, war etwa fünf Minuten vor der festgesetzten Trauung tot auf dem verderbenbringenden Kaminstein gefunden worden. Man hielt das Schreckliche vor der Braut geheim, bis der heilige Akt der Trauung vorüber war. Dann stoben die Gäste in wilder Flucht aus dem Haus, als ob der grimmige Tod mit ausgestreckter Hand auf der Schwelle stehe.

All das veranlasste mich, schleunigst Onkel David zu folgen, als er sagte, dass im „alten Haus“ etwas nicht geheuer wäre. Zurück zum Inhaltsverzeichnis 02. Ich trete ein Onkel David, obwohl ein Siebziger, war gut zu Fuß, und besonders in dieser Nacht ging er so schnell, dass er die Hälfte der H.-Street bereits durchmessen hatte, als ich eben um die Ecke der New Hampshire Avenue bog. Seine hagere Gestalt, an seinen Fersen der treue Hund, war das einzige Lebewesen in der Einsamkeit dieses Viertels von Washington, D.C. Die Stille der Umgebung machte auf mich einen solchen Eindruck, dass ich geschworen hätte, die Schatten hier seien dunkler als anderswo, und das flackernde Licht der wenigen Laternen, die in weiten Abständen die Straße entlang standen, brenne trüber als an anderen Plätzen in Washington, D.C. Inzwischen war der Schatten Onkel Davids vom Fußsteig verschwunden. Er selbst stand an einen hölzernen Zaun gelehnt, über den von oben wilder Wein fiel, der mit seinen dichten Blättern beinahe das einzige Haus verdeckte, das in seinem Viertel – außer dem alten Moore House – stand, nämlich sein eigenes Wohnhaus.

Als ich näher kam, hörte ich Onkel David etwas murmeln; da Rudge nicht zu sehen war, nahm ich an, dass dessen Abwesenheit den alten Mann ärgerte und er zu sich selbst spreche. Als ich fast bei ihm stand, hörte ich das Folgende, offenbar für Rudge Bestimmte: „Du bist gescheit, zu gescheit! Du siehst den offenen Fensterladen dort drüben so gut wie ich. Aber du bist ein Feigling, dich so zu verkriechen! Ich nicht! Ich bleibe hier und will dir nachher zeigen, was ich von einem Hund denke, der seinem alten Herrn nicht mutig und hilfreich zur Seite steht. Das krächzt, nicht wahr? Lass es krächzen. Mir liegt nichts daran, wenn es krächzt. Wenn ich nur wüsste, wessen Hand . “ „Hallo, da sind Sie ja, he?“ rief er, zu mir gewendet, als ich eben aus dem Schatten trat. „Ja, hier bin ich. Nun, was ist los mit dem Moore House?“ Er musste die Frage erwartet haben und doch ließ die Antwort auf sich warten. Als er sprach, geschah dies mit unnatürlicher Stimme.

„Sehen Sie nach dem Fenster dort drüben,“ flüsterte er endlich, „das mit dem halboffenen Laden! Passen Sie auf und Sie sehen, wie sich der Laden bewegt. Hören Sie? Er krächzt. Haben Sie nichts gehört?“ Ein Geheul – es glich mehr einem Wimmern – wurde hinter uns hörbar. Schnell drehte sich der alte Mann um und rief mit ärgerlicher Stimme: „Willst du still sein! Wenn du zu feige bist, einen sich bewegenden Fensterladen anzusehen, halte wenigstens dein Maul, damit nicht jeder, der daherkommt, hört, was für ein Narr du bist! Ich sag es ja,“ murmelte er, teils zu sich selbst, teils zu mir sprechend, „der Hund wird alt. Kann ihm nicht mehr trauen. Er verlässt seinen Herrn im Augenblick, wenn . “ Den Rest verschluckte er unter ärgerlichem Murmeln. Inzwischen betrachtete ich das Haus mit gespannter Aufmerksamkeit. Zwar hatte ich es oft gesehen, indes nie, wenn die Nacht ihre dunklen Schatten über die Bäume geworfen hatte. Der Eingang zum Haus lag in tiefem Dunkel.

Grabesstille ringsum. Der Anblick, der sich mir bot, setzte mein Blut in Erregung; nicht als ob der Aberglaube, der sich an das Haus knüpfte, Eindruck auf mich machte . ich sah am Fenster, das mir Onkel David bezeichnet hatte, so oft der krächzende Laden, vom Wind bewegt, sich öffnete, einen Lichtschein! Und erst kürzlich noch erzählte man sich, dass keine Menschenseele in dem Haus wohnen könne oder wolle. „Sie haben recht,“ sagte ich endlich zu meinem Begleiter, der sich in sichtbarer Aufregung befand, „jemand befindet sich dort im Haus. Kann es vielleicht Mrs. Jeffrey oder deren Gemahl sein?“ „Des Nachts und ohne Gas im Haus? Schwerlich!“ Diese Worte klangen natürlich – die Stimme des Sprechenden nicht. Sein ganzes Benehmen schien nicht im Einklang mit seinem Handeln zu stehen. Ich schaute ihn forschend von der Seite an, und bemerkend, wie nervös erregt er war, sagte ich: „Ich werde einen Polizisten herbeirufen und dann können wir drei zusammen hinübergehen und sehen, was los ist.“ „Ich nicht!“ entgegnete er schnell und öffnete eine Tür, die durch das dichte Blattwerk des wilden Weines verdeckt gewesen war. „Die Jeffreys würden mein Eindringen in ihr Eigentum auf das Schärfste verurteilen, wenn sie je davon hörten .

“ „Wirklich?“ fragte ich ironisch und ließ meine Pfeife ertönen. „Das sollte Sie eigentlich nicht abhalten.“ Sein Betragen schien mir mehr als sonderbar, und ich hielt es für ebenso wichtig, ihn im Auge zu behalten, als das Haus, für das er solch besonderes Interesse an den Tag legte. „Kommen Sie,“ setzte ich hinzu, „und lassen Sie uns sehen, was in dem Haus vorgeht, das Sie so bestimmt als das Ihrige bezeichnen.“ Statt einer Antwort trat Onkel David noch einige Schritte tiefer in den Schatten seines Haus zurück. „Ich habe da drinnen nichts verloren,“ sagte er endlich. „Veronika und ich waren nie gute Freunde. Ich war nicht einmal zu ihrer Hochzeit eingeladen, trotzdem ich nur die Länge eines Steinwurfes entfernt wohne. Nein! Ich habe meine Pflicht erfüllt, indem ich Ihre Aufmerksamkeit auf das Licht gelenkt habe. Sei es ein Räuber – Sie wissen vielleicht nicht, dass dort sehr wertvolle Bücher im großen Bibliothekszimmer stehen – oder die fantastische Beleuchtung, die einfältige Menschen und einfältige Hund schreckt, ich habe weiter nichts damit zu tun und nichts mehr mit Ihnen.

Gute Nacht.“ Mit diesen Worten verschwand er hinter dem hängenden Wein, der wie ein Totentuch über dem Haus lag. Gleich darauf erklangen die vollen Akkorde einer Orgel durch die stille Nacht, begleitet von einem durchdringenden Geheul des Hundes Rudge – ob in Missbilligung der musikalischen Versuche seines Herrn oder in Anerkennung desselben, konnte ich nicht ergründen.

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