Turngedichte – Joachim Ringelnatz

(Melodie: Leise flehen meine Lieder) Schlagt die Pauken und Trompeten, Turner in die Bahn! Turnersprache laßt uns reden. Vivat Vater Felix Dahn! Laßt uns im Gleichschritt aufmarschieren, Ein stolzes Regiment. Laß die Fanfaren tremulieren! Faltet die Fahnen ent! Die harte Brust dem Wetter darzubieten, Reißt die germanische Lodenjoppe auf! Kommet zu Hauf! Wir wollen uns im friedlichen Wettkampf üben. Braust drei Hepp-hepps und drei Hurras Um die deutschen Eichenbäume! Trinkt auf das Wohl der deutschen Frauen ein Glas, Daß es das ganze Vaterland durchschäume. Heil! Umschlingt euch mit Herz und Hand, Ihr Brüder aus Nord-, Süd- und Mitteldeutschland! Daß einst um eure Urne Eine gleiche Generation turne. Freiübungen (Grundstellung) Wenn eine Frau in uns Begierden weckt Und diese Frau hat schon ihr Herz vergeben, Dann (Arme vorwärts streckt!) Dann ist es ratsam, daß man sich versteckt. Denn später (langsam auf den Fersen heben!) Denn später wird uns ein Gefühl umschweben, Das von Familiensinn und guten Eltern zeugt. (Arme – beugt!) Denn was die Frau an einem Manne reizt, (Hüften fest – Beine spreizt! – Grundstellung) Ist Ehrbarkeit. Nur die hat wahren Wert, Auch auf die Dauer (Ganze Abteilung, kehrt!). Das ist von beiden Teilen der begehrtste, Von dem man sagt: (Rumpfbeuge) Das ist der allerwertste. Kniebeuge Kniee – beugt! Wir Menschen sind Narren. Sterbliche Eltern haben uns einst gezeugt. Sterbliche Wesen werden uns später verscharren. Schäbige Götter, wer seid ihr? und wo? Warum lasset ihr uns nicht länger so Menschlich verharren? Was ist denn Leben? Ein ewiges Zusichnehmen und Vonsichgeben. – Schmach euch, ihr Götter, daß ihr so schlecht uns versorgt, Daß ihr uns Geist und Würde und schöne Gestalt nur borgt.

Eure Schöpfung ist Plunder, Das Werk sodomitischer Nachtung. Ich blicke mit tiefster Verachtung Auf euch hinunter. Und redet mir nicht länger von Gnade und Milde! Hier sitze ich; forme Menschen nach meinem Bilde. Wehe euch Göttern, wenn ihr uns drüben erweckt! Beine streckt! Zum Bockspringen (Nach einer Fabel Ae-sops) Wie war die Geschichte mit Bobs Wauwau? Ich erinnere mich nicht ganz genau, Ob dieser Hund Bobs – Eins, zwei, drei – hops! – Ob dieser Hund ein Rebhuhn gebar? Auf welcher Seite er schwanger war, Und inwiefern und ob’s – Eins, zwei, drei – hops! – Ein Dackel war, der das Rebhuhn erzeugte, Und ob er das arme Geflügel dann säugte. – Ich glaube, der Dackel war ein Mops. – – Eins, zwei, drei – hops! – Jedenfalls fraß er zu jedermanns Ärger Nur Wickelgamaschen und Königsberger, Auch Danziger Klops. – Eins, zwei, drei – hops! – Ein seltsamer Mops war Bobs Wauwau. – Eins, zwei, drei – hops! – au! au! Wettlauf Publikum ungeduldig scharrt – Scharren lassen – hier Start – Taschentuch? keins – Schweiß – heiß – zum Beweis des Nichtaufgeregtseins: Billett Spucke kneten. Achtung: eins! Nicht mehr Zeit auszutreten – Was? Rauchen verbeten? – Sie da, der Dritte, weiter zurücktreten – Soo! – Endlich Musik – Der bekannte Augenblick, wo – wenn der Trikot nur nicht so spannte – Schweinerei – Wäre fatal – Achtung: Zwei! Teufel nochmal! Heiliger Joseph, steh mir bei! Achtung: Drei! Tapelti, tapelti, tapelti Mut! Gut! Kopf senken! Arme vom Leib! Frieda denken! Herrliches Weib! Schade, daß Mund stinkt! Das war sie! – lacht – winkt – Oh, oh! Oh, oh! Mein Trikot! Vorne gespalten. Taschentuch vorhalten – Jetzt Quark! Nur laufen! 10 000 Mark – Wochenlang saufen – Wenn’s glückt – Schulden bezahlen – Tante verrückt – Meyers prahlen – Sieger gratuliert – Photographiert – Händedruck – Tun als ob schnuppe – Wändeschmuck – Lorbeersuppe – Zeitungsreklame – Filmaufnahme – Frieda seidenes Kleid – Otto platzt Neid – Engelmann – Wut – Anton – Pump – Aushalten! Mut! Weg da! Lump! – Einer von beiden – Weg abschneiden – Puff! Was bild’t sich – Uff! Gilt nich! Feste druff! Gar nicht kümmern! Schädel zertrümmern! Zuchthaus – Flucht – Haus – Schande – Tante – Sterben – Beerben – Unsinn! Was Quatsch! Quatsch! Teufel noch mal! Laternenpfahl.

Mehr links, ach! ach! Stopp! Frieda! Halt! Krach! Kladderadatsch! Knätsch daun! au! aus! Ohhhhh! – Publikum Applaus. Klimmzug Das ist ein Symbol für das Leben. Immer aufwärts, himmelan streben! Feste zieh! Nicht nachgeben! Stelle dir vor: Dort oben winken Schnäpse und Schinken. Trachte sie zu erreichen, die Schnäpse. Spanne die Muskeln, die Bizepse. Achte ver die Beschwerden. Nicht einschlafen. Nicht müde werden! Du mußt in Gedanken wähnen: Du hörtest unter dir einen Schlund gähnen. In dem Schlund sind Igel und Wölfe versammelt. Die freuen sich auf den Menschen, der oben bammelt.

Zu! Zu! Tu nicht überlegen. Immer weiter, herrlichen Zielen entgegen. Sollte dich ein Floh am Po kneifen, Nicht mit beiden Händen zugleich danach greifen. Nicht so ruckweis hin und her schlenkern; Das paßt nicht für ein Volk von Turnern und Denkern. Klimme wacker, Alter Knacker! Klimme, klimb Zum Olymp! Höher hinauf! Glückauf! Kragen total durchweicht. Äh – äh – äh – endlich erreicht. Das Unbeschreibliche zieht uns hinan, Der ewigweibliche Turnvater Jahn.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

PDF • Kostenlose eBooks © 2020