Vom Tode auferstanden – Karl May

Es war im Hafen von Sakramento, in welchem sich ein Bild von den lebhaftesten Farbentönen entwickelte. Die Menge, welche sich geschäftig über den Quai ergoß oder lungernd umhertrieb, schien nicht aus den Bewohnern eines besonderen Districtes oder gar einer einzelnen Stadt zu bestehen, sondern glich eher einem Carneval, der die Repräsentanten aller Zonen und Nationen für kurze Zeit vereinigt hat. Hier stand eine Gruppe hagerer Yankee’s in dem unvermeidlichen schwarzen Fracke, den hohen Cylinderhut weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, Hemdknöpfchen und Berloques eingehakt. Dazwischen drängte sich ein kleiner Schwarm Chinesen herum in ihren blauen Kattunjacken und weiten, weißen Hosen, die langen Zöpfe wohl gepflegt und geflochten. Südsee-Insulaner waren da, die scheu, verlegen und verwundert auf dem fremden Boden einhergingen und, wenn ihnen etwas nach ihren Begriffen gar zu Absonderliches in die Augen sprang, die Köpfe leise flüsternd zusammensteckten. Mexikaner stolzirten umher mit ihren an der Seite bis oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen Knöpfen besetzten Sammethosen und den kurzen, ebenso garnirten Jacken, den breitrandigen Wachstuchhut auf dem Kopfe. Californier mit ihren langen, in den prachtvollsten Farben gewebten Poncho’s, die ihnen fast bis an die Knöchel herabreichten; schwarze Lady’s und Gentlemens, nach tausend Wohlgerüchen duftend und in dem überzeugendsten Putze steckend, ernste Indsmen, die mit gravitätischem Schritte durch die Menge stiegen; gemüthliche Deutsche, Engländer mit Cotelettenbärten und riesigen Zwickern auf der Nase, bewegliche, kleine Franzosen, zankend, erzählend, rufend und auf das Lebhafteste gestikulirend, rothhaarige Irländer, nach Aquardiente (Schnaps) duftend; Chilanen in ihren kurzen Poncho’s; Trapper, Squatter, Backwoodsmen in ihren ledernen Jagdhemden, die lange Büchse noch auf der Schulter, wie sie gerade über das Felsengebirge gekommen waren; Mestizen und Mulatten in allen Farbenstufen und Schattirungen, und dazwischen die aus den Minen oft mit schweren Beuteln von Gold zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten Costümen, die man sich nur zu denken vermag, in ihren Kleidern auf das Entsetzlichste abgerissen, mit geflickten Hosen, Röcken, Westen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln, aus denen die nackten, strumpflosen Zehen hervorblickten, und Hüten, die Monate lang am Tage der Sonne und dem Regen getrotzt und dann des Nachts als Kopfkissen gedient hatten. Und in den kleinen Gruppen standen dabei die Eingeborenen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen Herren des Bodens und doch vielleicht die einzigen vollständig Besitzlosen in der ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten. Und dieser bunten Völkermischung schlossen sich allerlei respectgebietende, glänzende Gestalten an: amerikanische und englische Seeleute mit breiten Schultern, riesigen Fäusten und herausforderndem Blicke, und eine Anzahl spanischer Marine-Offiziere, die in ihren blitzenden, goldgestickten Uniformen von San Franzisko herbeigekommen waren, um sich das geschäftige Treiben in der Nähe der Golddistricte einmal anzusehen. Fast hätte man sagen können: »Wer zählt die Völker, nennt die Namen!« Und was hatte all die Ingredienzen der vielgestaltigen, anthropologischen Mixtur herbeigetrieben? Nichts Anderes als – das Gold. Die Ansiedelung von Obercalifornien, welche im Jahre 1768 von Mexico aus geschah, hatte das Land unter die weltlich-geistliche Herrschaft der Missionäre gebracht. Die Jesuiten waren treffliche Oeconomen und errichteten an vielen geeigneten Orten Klöster und Missionen zur Ausübung ihrer Propaganda. Als die Herrschaft der Priester durch die mexikanische Centralregierung im Jahre 1823 gestürzt wurde, weigerten sich die Missionäre zum großen Theile, diese Regierung anzuerkennen und verließen das Land. Die Wenigen, welche blieben, hatten ihren Einfluß verloren, fristeten ein kümmerliches Leben und verschwanden auch nach und nach. Nicht weit von Sakramento liegt ein mehrere Stockwerke hohes, mächtiges Gebäude, welches einen großen, geräumigen Hof umschließt, dessen nach der Stadt zu gelegene Seite von der alterthümlich, aus ungebrannten Backsteinen aufgeführten Kirche begrenzt wird.

Das Gebäude war die Mission »Santa Barbara«, deren ganze, kasernenartige Räumlichkeiten in der letzten Zeit nur von drei Personen bewohnt worden waren: einem alten Geistlichen, seiner noch älteren Haushälterin und einem Deutschen, welcher eigentlich Karl Werner hieß, von Denen, die mit ihm verkehrten, aber nach seinem Vornamen nicht anders als Sennor Carlos genannt wurde und das Factotum des Pfarrers war. Da wurden die Goldfelder Californiens entdeckt und die Nachricht von den in den Bergen liegenden fabelhaften Schätzen rief eine Einwanderung hervor, welche zunächst aus dem benachbarten Mexiko und den Vereinigten Staaten ihre Schaaren herübersandte, bald aber mit den Kindern aller Welttheile das Land überschwemmte. Den zunächst herbeieilenden Abkömmlingen der alten spanischen Conquistatoren folgten Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europäer, und selbst Chinesen und Kuli’s schwärmten herüber, um ihren Theil von dem Golde zu holen und reiche Leute zu werden. San Franzisko war der Hauptsammelpunkt der Fremden, von wo aus sie weiter nach Norden oder in das Innere des Landes gingen. Sakramento war einer der hervorragendsten Nebenpunkte. Natürlich führte nicht Jeder ein Zelt oder eine sonstige Wohnung mit sich. Die Zahl der Menschen wuchs von Tag zu Tag, und da die einsetzenden Regen ein Lagern im Freien nicht gestatteten, so wurde Alles, was zur Herberge dienen konnte, in Anspruch genommen. Auch die alte Mission »Santa Barbara« erlitt ein solches Schicksal, welches mit ihrer ursprünglichen Bestimmung wenig Aehnlichkeit hat. Ein Franzose aus dem Elsaß errichtete unten in einem der Flügel eine Brauerei, mauerte einen riesigen Kessel ein und fing an, ein Getränk zu kochen, welches er die Verwegenheit hatte, Bier zu nennen. In der vorderen Flanke, gerade neben der Kirche, setzte sich ein Amerikaner fest und errichtete eine Restauration, wobei er es für außerordentlich zweckmäßig fand, einen Theil des Kirchenschiffes in einen Tanzsalon umzuwandeln, in dem allwöchentlich einige »Reels, Hornpipers« oder Fandango’s abgehalten werden konnten.

Dadurch wurde ein unternehmender Irishman aufmerksam gemacht, an die andere Seite der Kirche eine Branntweinkneipe setzen zu lassen. Von dem untern Theile des andern Seitenflügels nahm ein Engländer Besitz, der sich mit einem schlauen New-Hawshira-Mann vereinigte, Chinesen herbeizuschaffen, ein Geschäft, bei dem sich die beiden Gentlemen, wie sich bald zeigte, sehr gut standen. So ging es fort und nicht lange dauerte es, so war die alte Mission außer dem obersten Bodenraume des einen Flügels vollständig in Anspruch genommen. Der alte Pfarrer konnte nichts dagegen thun. Anfangs hatte er, nicht im Stande, Gewalt anzuwenden, eine Anzahl Prozesse angestrengt, um die Lästigen aus dem frommen Hause abzuhalten, aber nur zu bald sollte er die traurigen Folgen kennen lernen, denn er fiel dadurch einer ganzen Schaar von Geiern in die Hände, die alle Zahlung von ihm wollten, ohne daß sie aber das Geringste für ihn ausgerichtet hätten. Dadurch wurde ihm die heilige »Santa Barbara« verleidet, und eines schönen Morgens war er mit sammt seiner Haushälterin spurlos verschwunden. Es hatte auch Niemand Lust, nach ihnen zu forschen und so blieb von den ursprünglichen Bewohnern nur Sennor Carlos zurück, der mit seiner Frau und Anitta, seiner wunderhübschen Tochter, ein paar kleine Stuben des Erdgeschosses neben der Brauerei bewohnte. Aber auch der Bodenraum sollte einen Besitzer finden. Von Buenos-Ayres war ein Mann nach Sakramento gekommen, der aus Cincinnati stammte und sich Doctor Haffley titulirte; ob er in Wirklichkeit Arzt sei, darnach wurde er von Niemand gefragt. Er wollte in Sakramento ein Hospital gründen, fand aber keinen geeigneten Platz dazu und kam nun zur Mission geritten, wo er die Dachräume, da er keinen Menschen fand, dem er sie abmiethen konnte, einfach mit Beschlag belegte.

Er war ein praktischer Mann, der recht gut wußte, daß in diesem Lande das Recht des gegenwärtig Besitzenden nur sehr schwer anzutasten war. Schon am nächsten Tage trafen eine Anzahl von Maulthieren mit wollenen Decken und Matratzen ein, hinter welchen eine Schaar von Mexikanern die nöthigen eisernen Bettstellen herbeitrugen. Noch vor Abend standen zwanzig Betten dort oben unter dem alten, defecten Ziegeldache auf dem offenen Boden, durch den der oft stürmische Wind nach allen Richtungen hin seinen Durchzug hatte und auf dem es zur Regenzeit eine ganz heillose, perennirende Ueberschwemmung gab. Das war nun das Hospital, welches seiner unglücklichen Patienten harrte.

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