Waldroeschen 2 – Karl May

»Das Segel schwellt, es weht der Wind, Hinaus drum in die blaue See! Es winkt die Fluth. Lieb Weib und Kind, Es muß geschieden sein, ade! Ich fürchte nicht des Sturmes Wuth Und nicht der Klippe Krallenriff; Es wächst in der Gefahr mein Muth, Und fest im Steuer läuft das Schiff. Es schwellt die Hoffnung mir das Herz, Hinaus treibt es mich ohne Rast. Es strebt mein Glaube himmelwärts, Wie auf dem Decke ragt der Mast. Es gilt, ein kühnes Werk zu thun Mit frohem, ungetrübtem Sinn; Drum darf des Schiffes Kiel nicht ruhn, Bis ich am fernen Ziele bin.« Geht man in Paris am rechten Ufer der Seine vom Bassin du Canal St. Martin nach dem Boulevard Morland hinab, so kommt man nach den Quais des Célestins, des Ormes, de la Greve, Pelletier, de Gévres und de la Mégisserie. Hinter dem Letzteren zieht sich vom Platze des Louvres nach der Place du Chatelet als Fortsetzung der Rue des Pretres die Straße St. Germain l’Auxerrois, an welcher sich die Mairie des vierten Arrondissements befindet. Gegenüber dieser Mairie, in der Rue des Lavande, Nummer 4, bewohnte Professor Letourbier die erste Etage. Es war dies derselbe Professor, bei welchem Doctor Karl Sternau assistirt hatte, ehe er nach Rodriganda ging. Er gehörte zu den berühmtesten medizinischen Größen der Metropole und hatte in Sternau ein Talent erkannt, in welchem er einen würdigen Nachfolger finden konnte. Darum hatte er den Deutschen nicht gern nach Spanien gelassen, und deshalb freute er sich herzlich, als er ihn wiedersah. Wir haben nämlich bereits gesehen, daß Sternau seinen Verfolgern in Spanien glücklich entkommen war; wir haben ihn sogar bereits in Rheinswalden bei dem Oberförster Rodenstein getroffen, wir wissen aber auch, daß er vorher in Paris bei Professor Letourbier war, um diesem seine geisteskranke Geliebte zu zeigen. Zur Zeit dieses Aufenthaltes in Paris war es, daß er eines Abends ziemlich spät sich von dem Professor verabschiedete, um nach seinem Hotel zurückzukehren.

Dieses lag in der Rue de la Barillerie, und er mußte daher durch die Saunerie über den Pont Change gehen. Die Brücke war in Folge eines starken Nebels kaum nothdürftig erleuchtet, so daß man Gesicht und Gehör anstrengen mußte, um Collisionen zu vermeiden. Sie wurde jetzt von nur wenigen Passanten belebt, so daß der Einzelne mehr Aufmerksamkeit erregte als zu einer bewegteren Tageszeit. Sternau hatte die Brücke fast überschritten, als er plötzlich vor sich eine halblaute, schluchzende Stimme hörte: »Jesus, vergieb mir!« Von einer schnellen Ahnung getrieben, sprang er rasch vorwärts, aber er kam bereits zu spät. Eben als er den Mittelpunkt zwischen zwei Pfeilern erreichte, warf sich eine weibliche Gestalt von dem Geländer, welches sie erstiegen hatte, hinab in die von dichten Nebeln überwallte Fluth. »Hilfe!« rief er, so laut er vermochte. Mehrere Stimmen antworteten vom Ufer und von der Brücke her. »Es ist Jemand von der Brücke gestürzt!« rief er ihnen zu. Dann hatte er aber auch bereits Hut, Stock, Uhr und Portemonnaie von sich geworfen. Er schwang sich nun seinerseits ebenfalls über das Geländer und sprang hinab.

Er war ein ausgezeichneter Schwimmer. Die Gewalt des Sprunges tauchte ihn tief unter die Oberfläche des Wassers hinab, aber einige Augenblicke später schwamm er bereits oben. Er konnte sich denken, daß die Unglückliche abwärts getrieben werde, daher gab er sich einige Stöße in dieser Richtung hin. Er hatte es gerade ganz außerordentlich gut getroffen, denn vor ihm erschien ein Frauenrock auf den Wogen. Er griff nach ihm und hielt ihn fest, dann warf er sich auf den Rücken, ließ sich treiben und zog den leblos scheinenden Körper an sich, so daß er ihn quer über sich herüber legte. »Hollah, hier ist ein Kahn,« rief eine Stimme. »Giebt es noch Leben?« »Hierher!« gebot er. Am Ufer hatten sich bereits viele Neugierige versammelt. Der Kahn kam näher; es saß nur ein Mann darin. »Ah,« sagte er, als er den Schwimmenden bemerkte, »das nenne ich Muth und Glück.

« »Bitte, nehmen Sie zunächst die Dame hinein,« bat Sternau. »Natürlich, her damit!« Sie wurde in den Kahn gehoben, und während der Ruderer sich auf der anderen Seite bestrebte, das Gleichgewicht zu halten, schwang sich auch Sternau hinein. »Das ist gelungen!« sagte der Fremde. »Nun schnell an das Ufer!« »Nein,« sagte Sternau. »Dort sind zu viele Leute!« »Aber, das ist ja gut, mein Herr!« »Unter diesen Umständen möchte ich es umgehen, weil es eine Dame ist.« »Sie sprang absichtlich in das Wasser?« »Ja.« »Dann haben Sie vielleicht Recht. Man muß ihr die Beschämung ersparen. Aber die nächste Pflicht wäre es doch, für ihr Leben zu sorgen.« »Ich bin Arzt!« »Ach so, dann ist ja Alles in Ordnung.

Befehlen Sie also, daß ich abwärts fahre?« »Ich bitte darum!« Der Mann war ein Seinematrose. Während die Leute am Ufer auf die Befriedigung ihrer Neugierde warteten, lenkte er das Boot nach der Mitte des Stromarmes und ließ es dort abwärts treiben. Unterdessen beschäftigte sich Sternau mit der Untersuchung des Mädchens. »Ist sie todt?« fragte der Matrose. »Nein. Sie lebt; sie ist nur ohnmächtig.« »Grace à dieu! Das arme Kind hätte mir leid gethan.« »Wissen Sie nicht da abwärts ein Haus, in welches wir sie tragen könnten?« »Ich weiß eines, mein Herr,« sagte der Matrose. »Da links am Quai Conti gleich am Beginn der Straße Guénégaud wohnt unsere Mutter Merveille, die sicher ein kleines Stübchen zur Verfügung hat.« »Wer ist diese Mutter Merveille?« »Sie hat einen Kaffeeschank für ärmere Leute, ist aber eine sehr gute und anständige Frau.

« »So führen Sie uns zu ihr!« Der Matrose lenkte nach dem linken Ufer des Flusses, wo er sein Boot befestigte. Sternau nahm das Mädchen auf den Arm und ließ sich von ihm führen. Sie traten in ein Haus in der angegebenen Straße. Eine Parterrehälfte desselben wurde von dem Kaffeelokale eingenommen. Der Matrose bat den Arzt, einen Augenblick zu warten, und ging in die Küche. Bald trat die Wirthin heraus, einen Schlüssel und ein Licht in den Händen. »Mein Gott!« sagte sie. »Ist es möglich! Eine Ertrunkene!« »Nein, sie lebt noch, Madame,« sagte Sternau. »Haben Sie nicht ein Bett übrig?« »Gern, sehr gern, mein Herr!« sagte sie mit der eifrigsten Bereitwilligkeit. »Kommen Sie nach hinten; dort ist das Schlafzimmerchen meiner Tochter.

« Der Matrose wollte sich anschließen, wurde aber von Mutter Merveille abgewiesen. »Bleib, Gardon!« sagte sie. »Wir sind Manns genug, der Herr Doktor und ich, und Deine Gesellschaft ist bei einer kranken Dame ganz überflüssig.« Sternau hatte seine Gerettete noch gar nicht genauer betrachtet. Jetzt nun, als er in dem kleinen Zimmer sie zunächst auf das Sopha legte, damit sie von der Wirthin entkleidet werde, konnte er ihre Züge deutlich erkennen. »Wie schön!« sagte Mutter Merveille. »Gebe Gott, daß sie wirklich noch lebt!« »Sie lebt; sie wird genesen,« sagte er, ergriffen von dem Ausdruck der sanften, bleichen Züge. »Legen Sie sie in das Bett!« »Was mag sie veranlaßt haben, in das Wasser zu springen?« Diese Frage wurde im Tone innigster Theilnahme, aber nicht in dem der Neugierde ausgesprochen. »Ich vermuthe es,« sagte Sternau. »Vielleicht ist sie vom Vater ihres Kindes verlassen worden.

« »Ah,« sagte die Wirthin mit einem verständnißvollen Nicken. »Sie vermuthen – -? Hm, Sie sind Arzt; Sie werden das wissen. Armes Kind! Was ist jetzt zu thun?« »Sorgen Sie jetzt für eine Tasse Fliederthee. Ich werde bei ihr bleiben.« »Aber, Monsieur, Sie sind ja durch und durch naß! Wo haben Sie Ihren Rock?« »Ah, daran denke ich jetzt erst! Wie heißt der Matrose, welcher mich zu Ihnen brachte?« »Gardon.« »Senden Sie ihn nach dem Pont au Change, von welchem ich in den Fluß sprang. Dort warf ich Rock und Hut ab. Die Uhr und das Portemonnaie steckte ich in eine Tasche des Rockes. lch vermuthe, daß man diese Sachen respektirt hat.« »Sicher.

Er soll eilen!« Sie ging, und noch war sie kaum eine Minute fort, so begann das Gesicht des Mädchens sich zu röthen. Ihre Hände bewegten sich, und dann öffnete sie auch bald die Augen. Sie blickte zunächst verwundert um sich. »Was ist’s?« fragte sie leise. »Wo bin ich?« »Sie sind bei guten Leuten, Mademoiselle,« antwortete Sternau. »Wie befinden Sie sich?« »Ich? Mich?« fragte sie langsam und sinnend. Dann schien ihr das Geschehene einzufallen. Sie verbarg das Gesicht in den Händen und weinte. Er ließ sie gewähren; er saß bei ihr, ohne ein Wort zu sagen. »O, warum bin ich nicht todt!« sagte sie endlich.

»Ist es Ihnen so leicht geworden, in den Tod zu gehen?« fragte er in mildem Tone. Sie sah ihn mit großen, erschrockenen Augen an. »Leicht? O, schwer, so schwer!« »Und dennoch thaten Sie es!« Wieder legte sie das Gesicht in die Hände, um in ein erschütterndes Schluchzen auszubrechen. »O, Monsieur, hätten Sie mich doch sterben lassen!« sagte sie dann. »Der Mensch soll erst dann sterben, wenn Gott ihn ruft. Und Sie, wissen Sie nicht, daß Sie im Begriff standen, nicht nur sich selbst, sondern auch noch ein zweites Leben zu tödten!« »O, woher wissen Sie das? Sie kennen mich!« »Nein. Ich bin Arzt. Ich habe Sie im Wasser gehalten und dann nach hier getragen.« Sie erglühte. »Mein Herr, ich weiß, daß ich im Begriff gestanden habe, eine große Sünde zu begehen,« sagte sie; »aber mein Muth ist dahin.

« »Fassen Sie Vertrauen! Gott ist gut; er läßt keinen Menschen verloren gehen.« »Ja, Gott ist gut; aber die Menschen, die Menschen – -« »Haben Sie bereits so schlimme Erfahrungen gemacht?« »So schlimme, daß es nur noch den Tod gab!« »Gab es keine Hilfe, keine Rettung?« »Keine!« sagte sie dumpf.

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