Walter-Werndt-Trilogie – Reinhold Eichacker

Sofort!« nickte Regierungsrat Glasschneider über die Schulter zurück. Er schlug die Doppeltüren des Zimmers so hastig ins Schloß, daß die lederne Aktenmappe ihm rauschend entglitt und aufspringend vor seine Füße fiel. Ein ganzer Stoß von Papieren schoß über den Teppich des Vorraums und flatterte unter die seitlichen Stühle. Sogleich sprangen mehrere Herren hinzu und bemühten sich um die flüchtigen Blätter. Regierungsrat Glasschneider griff nach dem wackelnden Kneifer und suchte erfolglos die Mappe zu fischen. Ein älterer Herr, schwarz gekleidet und vollbärtig, reichte sie ihm. »Danke!« sagte er prustend, die Akten verstauend. Sein Gesicht war rot geworden. Mit einer eckigen Geste sah er über die wartenden Köpfe. Der Vorraum war fast gefüllt bis zur Treppe. Eine unheimliche Ahnung stieg dem Regierungsrat auf. »Was wünschen die Herren – bitte?« fragte er unsicher forschend. – »Regierungsrat Glasschneider …« Der andere murmelte kurz einen Namen, sich flüchtig verneigend. »Die beiden Kommissionen von der Saar und vom Rheinland,« erklärte er mit einer Handbewegung über die Herren. »Um Gottes willen!« stöhnte der Rat auf.

Der Graubärtige zuckte unwillig die Schultern. »Wir wurden für drei Uhr hierher bestellt, um über die Leiden des besetzten Gebiets zu berichten. Hier die Einladung der Kanzlei –« Der Regierungsrat trippelte nervös auf der Stelle. »Die Einladung – die Einladung – ja gewiß … Aber das war doch vor Tagen, vor vollen acht Tagen. Seitdem ist doch alles verändert. Alles steht auf dem Kopf hier! Haben die Herren denn keine Zeitungen gelesen? Ich bitte, – das neue Ultimatum aus Frankreich … Alles ist hier in größter Erregung. Die sämtlichen Minister und Parteiführer warten drüben im Saale. Es soll heute entschieden …« »Aber wir?« versuchte der andere nochmals. Der Regierungsrat schnitt eine wehe Grimasse. »Was – wir? Herr? Verstehen Sie denn nicht? Glauben Sie, daß die Regierung in dieser Stunde noch Zeit hat, Ihre Deputation zu empfangen? Morgen, übermorgen – in acht Tagen.

Fragen Sie wieder an, wenn Sie wollen, telefonisch, telegrafisch …! Heute ausgeschlossen, einfach ausgeschlossen, meine Herren! Wo alles drunter und drauf geht – auf dem Spiel steht – – ausgeschlossen – – also bitte!« Das letzte verklang schon in der sich öffnenden Türe des Reichskanzlerzimmers. Laute Rufe des Unwillens folgten ihm aus der wartenden Runde. Sofort schoß das bleiche Gesicht wieder vor. »Aber Ruhe – Ich bitte ergebenst die Herren um Ruhe! Exzellenz läßt Sie bitten, den Vorraum zu räumen.« Der Kahlkopf verschwand in der schnappenden Türe. Beim Eintritt des Rats wich eine Gestalt vor der Türe ins Zimmer. »Pardon!« sagte Glasschneider, sich hastig verbeugend. »Ich hatte Exzellenz nicht gesehen.« Der Reichskanzler ließ sich im Rundlauf nicht stören. Er rieb seinen Arm, den die Türe gestoßen.

Seine faltigen Hosen flatterten um die mageren Beine wie Segel bei Flaute. Das hagere Gesicht zuckte in unbeherrschter Erregung. »Ja – was ist denn? – Also was denn?!« stöhnte er nervös, mit gebrochenen Augen. »Die Kommission aus dem Rheinland – gerade heute –! Ich habe die Leute natürlich …« »Nein – nein – nein!« fauchte der Reichskanzler giftig. »Was scheren mich denn diese Leute da draußen! – Ich meine natürlich, wie steht es da drüben. Sind alle versammelt – kann die Sache bald losgehen …? Man wird ganz verrückt von dem ewigen Warten!« Der Regierungsrat wurde noch einen Grad steifer. »Ich kam, Exzellenz eben Meldung zu machen. Es ist alles versammelt. Exzellenz wird erwartet.« Doktor Elsässer blieb einen Augenblick stehen.

Sein Gesicht wechselte plötzlich die Farbe. »Na – also, warum sagen Sie das nicht gleich. Also kommen Sie – gehen wir! Wo denn? Na, vorwärts.« »Hier, Exzellenz …« mahnte der Rat, da der Kanzler vor Hast beide Türen vertauschte. Doktor Elsässer drückte das Schloß zögernd nieder und sah durch das Zimmer, als suche er Hilfe. »Einen Augenblick noch, lieber Glasschneider, bitte!« Sein Ton war verändert, fast herzlich und bittend. Er legte die Hand auf die Schulter des anderen. »Glasschneider!« sagte er, seine Aufregung dämpfend. »Wir arbeiten schon lange zusammen. Zwei Jahre beinahe.

In dieser Stunde entscheidet sich alles. Sie wissen, mein Lieber, ich schätze Ihr Urteil – als Mensch und Kollege –« Über die ledernen Züge des Rats lief ein flüchtiges Zucken, doch fing er das Lächeln. Der Kanzler stieß hörbar die Luft durch die Nase. »Was würden Sie tun, lieber Rat, auf die Forderung Frankreichs? Was? Ganz impulsiv, nur aus Ihrem Gefühl. Wie?« Seine Augen bettelten fast um die Antwort. »Ich würde sie ablehnen, Exzellenz,« sagte Glasschneider trocken. »Sie ist unannehmbar.« Ins bleiche Gesicht Doktor Elsässers kam wieder Farbe. Gewaltsam gab er sich eine kraftvolle Haltung. »Ablehnen! Ja, ablehnen!« sagte er stürmisch.

»Das war auch mein Wille. Ohne Wanken – nur stark sein! Also gehen wir – vorwärts!« Seine Hand griff die Klinke, doch ohne zu öffnen. Seine kraftvolle Haltung sank in sich zusammen, als ginge die Luft aus. »Glasschneider!« klagte er mutlos. »Es geht aber doch nicht! Es geht nicht! Die Folgen! Man kann es nicht wagen. Bedenken Sie doch nur! Es wäre entsetzlich. Was tun in der Lage? Wer kann mir nur raten?!« Der Rat zog die Lippen verächtlich nach unten. »Einmal muß es gewagt werden, Exzellenz. So geht es nicht weiter.« Doktor Elsässer runzelte heftig die Brauen.

Seine Stimme nahm Klang an. »Was geht so nicht weiter? Was? Soll das Kritik sein, so muß ich Sie bitten, Herr Regierungsrat Glasschneider – – Ich allein trage die Verantwortung für meine Entschlüsse, nicht meine Beamten! Es ist auch nicht jedem gegeben, das Rechte zu wählen, selbst in solcher Lage … Ich bleibe ihr Meister. Also gehen wir hinüber! Man muß nur die Kraft haben –« »– – schlapp sein zu können!« ergänzte der andere ihn in Gedanken. Dann folgte er wütend dem Kanzler zum Saale. »– – Himmelkreuzschock!« Der deutschnationale Parteiführer hielt es nicht länger aus. Auf seiner Schläfe stand die Schlagader wie eine bläuliche Schnur. Von der Seite des Unabhängigen kam ein höhnisches Lachen. Der Reichskanzler warf einen ängstlichen Blick in die Runde. »Meine Herren, ich bin noch nicht fertig!« sagte er tadelnd. »Sie haben die Note im Wortlaut gehört.

Über den Inhalt sind wir wohl alle im Bilde. Frankreich fordert die Aktienmajorität und sämtliche Aufsichtsratsstellen der deutschen chemischen Industrie und der großen Konzerne. Mit anderen Worten die Unterbindung aller chemischen Erfindungen und die Kontrolle über Deutschlands gesamte Technik. Es fordert die Auslieferung einiger unserer bedeutendsten Chemiker, weil sie sich durch ihre Verdienste im Kriege 14-18 …« »… Nein, der Krieg dauert jetzt noch!« unterbrach ihn Graf Zieten. Doktor Elsässer zuckte nervös mit den Armen. »– – Weil sie sich im Kriege um unsere chemischen Kampfmittel Verdienste erworben haben und dadurch ihre Gefährlichkeit für die ganze Welt, vor allem für Frankreich bewiesen hätten.« Der Führer der deutschen Volkspartei schüttelte unwillig den Graukopf. »Sie fordern weiter den Abbruch aller strategischen Eisenbahnen, den Abbruch der Fußgängerbrücken über den Rhein. Die Auslieferung aller Sensen, Äxte, Beile, Dreschflegel und anderer zum Franktireurkrieg geeigneten Waffen in einer Zone von hundert Kilometer Breite östlich des Stromes …« Die Faust des Innenministers fiel wie ein Klotz auf den Tisch.

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