Himmelsgedanken – Karl May

Widmung Ich fragte zu den Sternen wohl auf in stiller Nacht, ob dort in jenen Fernen die Liebe mein gedacht. Da kam ein Strahl hernieder, hell leuchtend, in mein Herz und nahm all meine Lieder zu dir, Gott, himmelwärts. Ich fragte zu den Sternen wohl auf in stiller Nacht, warum in jene Fernen er sie emporgebracht. Da kam die Antwort nieder: »Denk nicht an irdschen Ruhm; ich lieh dir diese Lieder; sie sind mein Eigentum!« Ich fragte zu den Sternen wohl auf in stiller Nacht: »Gilt dort in jenen Fernen auch mir die Himmelspracht?« Da klang es heilig nieder: »Du gingst von hier einst aus und kehrst wie deine Lieder zurück ins Vaterhaus!« Meine Legitimation Grüß Gott, du liebes Tröpflein Tau! So einen Schmuck gibt es wohl nimmer: Von jedem Hälmchen auf der Au spitzt es wie Diamantenschimmer. Entstammt der Erde, harrst du froh dem holden Morgenlicht entgegen. Tränkst deinen Halm und wirst ihm so nicht nur zur Zierde, auch zum Segen. Kommt dann aus gold –\1brokathem Tor die Königin des Tags gestiegen, so strebst du sehnsuchtsvoll empor, dich ihrem Strahle anzuschmiegen. Du fühlst, du bist ihr untertan, du kannst nicht ohne sie bestehen und wirst gezogen himmelan. In ihrem Kusse aufzugehen. Ein solches Tröpflein bin auch ich am Lebensmorgen einst gewesen, ein Tröpflein, das den andern glich, nicht auserwählt, nicht auserlesen. Ich hing nicht hoch, ich wurde nicht von einer Rose stolz getragen; tief unten sah ich auf zum Licht und durfte kaum zu hoffen wagen. Da stieg sie auf, so himmlisch klar, so gnadenreich, voll Welterbarmen, und mich trieb es so wunderbar, mit ihr die Menschheit zu umarmen. Es war, als ob ich beten müßt: »O komm, und stille mein Verlangen!« Da hat die Liebe mich geküßt, und ich bin in ihr aufgegangen. Ragende Berge Ich sehe Berge ragen dort an der Steppe Rand. Es soll mein Fuß mich tragen hinauf ins bess’re Land.

Dort ladet, wie ich glaube, zur Ruhe man mich ein, und von dem Wanderstaube werd ich gereinigt sein. Ich sehe Berge ragen empor zum geistgen Ziel. Es türmen sich die Fragen, doch frage ich nicht viel. Es wird ja doch beim Steigen, halt ich zuweilen an, sich ganz von selber zeigen, wie weit ich schauen kann. Ich sehe Berge ragen bis in des Lichtes Reich. Der Glaube wird mir sagen den Weg, den rechten Steig. Dort find ich offne Türen: Mein Engel tritt heraus und wird mich weiter führen bis in das Vaterhaus. Ewig Ihr sucht und sucht: »Wo ist die Ewigkeit?« »Jenseits des Todes! Über unsern Sternen! Hier ist die Zeit, und grad nur in der Zeit hat für das ewge Leben man zu lernen. Hier sind die Jahre, Monde, Tage, Stunden; wir leben nach des Uhrenzeigers Lauf. Hat er die Zwölf, die Mitternacht, gefunden, so kommt die Ewigkeit, die Zeit hört auf.

« So wird von euch gesprochen und gedacht; so hören es die Schüler von den Meistern, und während Einer frech darüber lacht, läßt sich der Andere davon begeistern. Ihr meint, die Ewigkeit sei nur zu glauben, sei eine Zweifelssache, ein Vielleicht, und sendet aus der Arche eure Tauben, von denen keine auf zur Wahrheit steigt. So hört es denn: Die Ewigkeit ist dort, ist hier, ist vor und nach euch, allerorten, der Zeitenraum, der grenzenlose Ort, der nur im Wechsel endlich ist geworden. Sobald die ewge Liebe schöpfrisch handelt, hat ihren Ratschluß sie in Form gebracht und die Unendlichkeit in Zeit verwandelt, doch diese Zeit als ewig sich gedacht. So lebt ihr also in der Ewigkeit; euch ward die Gnade, sie als Zeit zu fassen. Benützt ihr sie, so wird als Seligkeit der Herr sie euch für ewig, ewig lassen. Wer dies nicht tut, dem steht der Abgrund offen. Aus dem die Erdenstunde ihn gebar, und nur vom Himmel ist für ihn zu hoffen, daß er das wieder wird, was hier er war.

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