Tantalus – Konrad Weiß

Ich war über dem Wasser des Denkens eingeschlafen. Da siedelte der Traum eine Insel auf mir an. Oder vielleicht war es noch mehr das gleichförmig wiederkehrende Brausen eines Grames gewesen, über dem ich einschlief. Denn ich lag auf dem bohrenden Wirbel eines Strudels, der unter meinem Rücken heraufstieg, und je mehr ich mich nun gegen ihn hinabsenken wollte, desto heftiger schob das Wasser, das aus der Tiefe kam und an den Rändern hinabfraß und die Ufer unterhöhlte. Als ich mich bald sehr ermattet über meine Lage besann und rücklings ausgestreckt unter der umgebenden leeren Himmelskuppel den Kopf, der fast tief lag, möglichst zur Seite wandte, sah ich, daß das Land schon weiter weg war, als ich durch Auskreuzen meiner Arme reichen konnte. Auch hatte eine klare und schnelle Strömung begonnen, die den Abstand vergrößerte und meine Lage ungewisser machte. Dies gab mir aber einen unerwarteten Genuß, wie ich jetzt jedoch mit einem halben Fürchten erkannte. Denn indem ich mit einem hohen und fliegendem Atem das Gleichgewicht meines Körpers einzuhalten suchte, während die Strömung unter meinen Armen hinschwankte, wurde ich mit einem Tone erfüllt, der alles Klingende um mich her in sich sog und in seiner Verdichtung immer stärker verstummte. Ich fühlte, daß eine Stummheit in mich überging, die, während sie mein Dasein für sich schwer machte, meinen Willen gleichsam von meinem Gesichte abschnürte, und als ich mit meinen Augen fliehen wollte, kam ich mir auch in einer seltsamen Weise an einem offenen Orte begraben vor. Wie ein Stein unter Haselstauden, kam es mir in die Besinnung; dabei hörte ich aber die Flutung des Wassers, die ich kaum fühlte, und wunderte mich über die Schwere, mit der ich doch nicht unterging, sondern die mich vielmehr trug. Es war, als ob ich auf mir selber ruhte. Auch hatte das Drängen aus der Tiefe zwar nicht aufgehört, jedoch in seinem einförmigen Schmerze nachgelassen. Das Wasser glitt um mich her und an den Ufern des entfernten Landes hörte ich es beständig rieseln mit einem zeitweiligen dumpferen Brechen und Fallen, wenn wieder ein Stück Erde von dem Rande des Ufers hinabgeglitten war oder ein schwerer Stein nachstürzte mit jenem eigentümlichen Klange, der sich selber verschlingt. Es war ein fortwährendes Schlingen von bewachsener Erde in die Tiefe und ich lag dazwischen wie eine Insel, die Anker gefaßt hat und sich von dem untergehenden Erdreich in einem freudigen Wachstum sättigt. Bald schien ich mir auch, wenn ich den Kopf aufbäumte, im übrigen nur noch aus den Händen und den Füßen zu bestehen und die Insel, über deren Rand ich mit Mühe hinwegsah, während ich an ihren unbekannten Grenzen meine äußersten Gelenke in der Blutung fühlte, lag mit einer vollkommenen Gestalt auf mir wie auf einem Tische.

„Jetzt ist alles verankert außer meinem Atem“, sagte meine Stimme zu mir und ich hörte diese gleichen Worte durch ein Rauschen in meiner Brust immer wieder herumgetragen, nur daß sie die trockene und dürstende Kehle mieden, durch die ich mich wie durch eine Öffnung erhorchen wollte und wodurch man mit dem Bewußtsein des Wortes ins Leben tritt. Man kann lange so verweilen, indem man das Bewußtsein wie einen Atem behorcht und das Spiel der Kräfte beobachtet, dem man unterworfen ist. Es ist auch eine zunehmende Gesetzmäßigkeit darin. Während nämlich das Wasser seine Brandung verstärkt und das Land, das vertilgt wird, immer weiter fortrückt, geht im Gegenteil das Rauschen des inneren Lebens immer loser an die Wandung und bewegt sich in einem Wirbel, den man nicht erblicken kann, in dem aber das ausgestoßene Herz ist. Es ist der Gram, der von keiner Bewegung satt wird und der die stumme Erde zu seinem Angelpunkte hat. Aber wenn er nur auch in seinem eigenen Kreis hindurchfurchen und den Bissen in seine Furche hinabziehen könnte! Auf ähnliche Weise hört man oft an warmen Tagen im Sommer, daß ein Wind sich erhebt, dessen Bewegung man nur da und dort erblickt und der mit einem hungrigen Tone wie in einer Furche gegen den Himmel schreitet, und dabei denkt man an den unsichtbaren Faden des Markes in den Stämmen, die doch unbeweglich unter den Baumkronen stehen, während diese mit ihren Zweigen oder die Büschel ihrer Blätter sich umkehren und das Weiße zeigen. Es ist unter diesen gewachsenen Dingen wie ein Wirbel, der vor der entblößten Macht der heißen Sonne deutlich wird, und das Unverzehrte schweigt auch wie ein Fisch im Wasser. Dies Letzte aber, gleichend einem sinnenden Gebreste oder gleich dem Reste eines Menschen, scheint wie eine ungeheure und notwendige Gesetzlosigkeit. Hiebei ist jedoch dann im Ganzen wieder eine himmlische Schönheit und das Erdreich liegt im Verschluß seiner Schatten wie unter die Tücher zurückgefallen, die nach dem Glanze der Auferstehung hier zurückgeblieben sind. Aber ich wurde sofort wieder zu mir selber zurückgelenkt.

Denn die Wellen gingen nun mit einer wahren Regel unter mir hin und kamen jetzt auch wieder zurück wie die Einschnitte einer Säge, deren Zähne eine scharfe Tonweise annehmen, wenn sie aber mit ihrem Einbiß den Körper verlassen, einen milderen Klang bekommen und ihre Arbeit besingen. Dann tritt immer wieder eine Pause ein zwischen den gleichen Gängen, in der das Spiel der Kraft seine Ergötzung verliert und in der man um so wacher wird mit einem tonlosen Horchen, je mehr man den ersten neuen Stoß der Säge fürchtet und weiß, daß der Einschnitt wächst und der Chor der kommenden Melodie sich verdichtet. Aber man kann die Richtung nicht ablenken und bleibt mit seinem inneren Leben in der bestimmten Lage ausgespannt wie die Saite eines Instrumentes oder noch genauer, weil auch die Fesselung überall ist, ohne an ihr Ende zu fühlen, wie das Mark eines Stammes. Man muß in dieser Richtung verharren, bis die Fügung sich lockert. Aber kommt nicht auch das Bild der Erde zustande, indem der Laut sich nirgends mehr bewegen kann?

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