Gesammelte Werke – Louise von Francois

Es war etwa zwei Jahre nach der Schlacht von Waterloo, als in einem niederländischen Grenzstädtchen armen Eltern eine Tochter geboren wurde. Die kleine, fremde Stadt ist nicht der Schauplatz unserer Geschichte, und die kleinen, fremden Leute sind nicht deren Helden. Das alltägliche Ereignis aber sollte gleichsam den Angelpunkt bilden, um welchen dieselbe rückwärts und vorwärts sich bewegen wird. Denn wäre jenes Kindlein nicht geboren, oder wäre es nicht in der Fremde und in Dürftigkeit geboren worden, so würde die weite Welt von unserer wirklichen Heldin schwerlich etwas Näheres erfahren, und wir würden ihr nicht deren Geheimnisse zu offenbaren haben. Der Vater des Kindes war noch jung, vielleicht kaum großjährig. Dazu ein Mann von auffälliger, sagen wir ritterlicher Kraft und Schöne der Gestalt, wenngleich das sturmvolle Leben des Feldlagers in den frühverwüsteten, narbigen Zügen zu lesen stand, und wenngleich der Verlust eines Armes ihn zum Krüppel machte. Er war als unbärtiger Forstlehrling der Schar des Braunschweig-Öls in Sachsen zugelaufen, hatte die heldenmütigen Fahrten und Taten dieses Korps unter britischer Fahne auf der Halbinsel wie später in den Niederlanden geteilt, bis er, bei la Haye sainte schwer verwundet und eines Gliedes beraubt, als Wachtmeister verabschiedet worden war. »Prinz Gustel« hatten die Kameraden der Legion den stattlichen, flotten Sachsen tituliert; er selber nannte sich bescheidentlich August Müller. Die Mutter mochte leicht eine Mandel Jahre mehr zählen als ihr Gespons, und es liegt, zu unserer Befriedigung, uns nicht ob, über die vergangenen Tage der »schwarzen Lisette« gewissenhaft Buch zu führen. Genug, daß sie als Marketenderin, zuletzt bei der Legion, gedient, daß sie ihren August nach seiner Verwundung getreulich verpflegt hat, daß sie sein rechtmäßiges Weib geworden und jetzt emsig bemüht ist, den armseligen Haushalt durch langentwöhnte Handarbeit zu fristen. Die späte Wiege schien eine unberechnete Gerätschaft in ihrem Mahlschatz gewesen zu sein. Jedenfalls hatte die Kampfesstunde, welche einem Menschen das Leben gibt, das wetterbraune, hartgliederige Weib schwerer mitgenommen als zwanzig Kampfesjahre, in welchen sie Tausende das ihre verenden sah. Die Finger zitterten und der Schweiß tropfte von ihrer Stirn, als sie jetzt, bei eintretender Dämmerung, die feinen Lederzwickelchen noch aneinanderpaßte, die sich, sobald der Morgen graute, in zierliche Handschuhe verwandeln sollten. Sie seufzte, wenn sie von Zeit zu Zeit einen schüchternen Blick auf das schwächliche Wesen fallen ließ, das seit drei Tagen, fast ohne zu erwachen, an ihrer Seite kaum merkbar atmete. Noch weit unbehaglicher indessen schien dem jungen Invaliden dieser häusliche Zustand vorzukommen.

Er schritt in der halbdunklen, niedrigen Kammer auf und ab gleich einem eingefangenen Hirsch, der sich das Geweih abzustoßen fürchtet, riß dann, schwer atmend, das Fensterschößchen auf und schlug es unwirsch wieder zu, als er die Frau ängstlich das Kind gegen den Luftzug bedecken sah. Endlich aber rannte er, ein Donnerwetter brummend, aus der Tür, durch welche wir ihn nach einer Weile, eine Weinflasche in der Hand und in gemütlicherer Laune, zurückkehren sehen. »Leg das Zeug beiseite und tu einen Zug, Lisette!« rief er der Wöchnerin entgegen. »Du bists gewöhnt, und es tut dir not, armes Weib.« Frau Lisette schüttelte bedenklich den Kopf, seufzte und fragte mit tiefer, zurzeit merkbar angegriffener Stimme: »Und die Zahlung, August? Wieder geknöchelt gestern nacht? Wieder gekärtelt? Mann, Mann!« »Ei! seit wann hältst du denn Knöcheln und Kärteln für eine Sünde, altes Haus!« entgegnete lachend der Invalide. »Trink und schneide kein Gesicht! Kann ich Holz hacken mit meinem Stumpf? Soll ich die Orgel umhängen und vor den Türen dudeln, he? Schmählich genug, daß eine, die so tapfer dem Kalbsfell gefolgt ist, elende Ziegenfellchen zusammenstoppeln muß. Aber laß das Gestöhn! Greinen, wenn man unterm Kanonendonner gelacht! Einen Schluck und herzhaft dreingeschaut wie sonst. Es kann ja nicht ewig Frieden bleiben. Wie lange wirds dauern, ist der Napoleon retour, und dann — —« Er verstand den kläglichen Blick, mit welchem die Marketenderin seine Rede unterbrach, fuhr aber nach kurzem Besinnen in munterster Laune also fort: »Man braucht nur einen Arm, um dreinzuhaun, Lisette. Ich habe ihrer mit der Linken losfeuern sehen, und mir ist die Rechte geblieben, die Mannesfaust.

Nur erst den Napoleon retour, das Zelt aufgeschlagen, ein Pferd unter den Leib, und Stumpf und Kindsbett — bah! wer denkt noch an die? Pack die Lappalien zusammen und laß uns eins schwatzen. Sei wieder meine alte, brave, lustige Schwarze!« »Du hast recht, August; laß uns eins schwatzen,« versetzte die Frau nach einer Pause mit einem herzhaften Entschluß, indem sie erst ihr Nähzeug sorgsam verpackte, dann die Flasche entkorkte, einschenkte und nach einem kräftigen Zug das Glas dem Invaliden reichte. — »Bleib einmal heut abend bei mir zu Hause, Mann. Wir wollen uns Geschichten erzählen, wie sonst im Zelt. Aber keine von den alten, keine, die wir an den Fingern ableiern können, du wie ich.« Der Invalid lachte. »Kurios, just von den Schnurren, die einer an den Fingern ableiern kann, hört und schwatzt er am liebsten,« meinte er. »Nun freilich, freilich, August, so für alle Tage. Nur heut einmal zum Spaß ein Extrastück. Ein noch älteres, Mann.

Etwas von vor unserer Fahnenzeit. Ich meine, etwas von der Heimat und den Angehörigen, die wir —« Sie machte eine Pause, in der sie einen ihrer Kehle fremdartigen Ton hinunterpreßte. Dann, nach einem Blick auf das Kind, der etwa wie »armer, verlassener Wurm!« auszulegen war, fuhr sie fort: »Freilich, bei mir ists eine Weile her. Die Eltern waren tot, Geschwister hatte ich keine, und die Gevattern und Muhmen, wenn sie allenfalls noch lebten, ich würde sie schwerlich wiedererkennen, oder richtiger ausgedrückt, sie würden die Lisette nicht wiedererkennen wollen, die — — Aber du, August, du bist ein junges Blut gegen mich. Wie lange ist es denn her? Keine zehn Jahre.« »Anno neun, Lisette. Netto acht Jahre. Es war, wie der Herzog —« »Ich weiß das vom Herzog, Freund. Acht Jahre! In der Zeit wird ein Mensch nicht vergessen, und ein Mann wird nur mit Ehren darauf angesehen. Kehrtest du heute heim, deine Leute würden dich mit Vergnügen aufnehmen, August.

« Freund August lachte aus vollem Halse. »Meine Leute?« fragte er, »der Förster etwa, dem ich aus dem Garne gelaufen bin?« »Nun, wenn der Förster just auch nicht, so doch die, welche dich vor ihm in Versorgung hatten.« »Der Waisenvater, meinst du? Der gute Mann war alt; er wird lange tot sein, Lisette.« »Aber dein leiblicher Vater, Mann!« »Ei, wie dumm, kluge Lisette! Nachdem ich eben erst des Waisenvaters erwähnt. Einen leiblichen habe ich nicht gekannt.« »Oder deine Mutter — —« »Ich weiß von keiner Mutter, Frau.« »Von keiner Mutter? Aber eine Waisenanstalt ist doch kein Findelhaus. Du hattest deine Jahre, mußt dich auf etwas vorher besinnen können.« »Vorher? Nun ja, auf die alte Muhme im Walde.« »Eine Muhme! Wie hieß sie, Mann?« »Sie hieß Justine!« »Und weiter?« »Weiter weiß ichs nicht.

« »Aber du mußt doch einen Vater gehabt haben. Was war er, wo lebte er, August?« »Weiß ich alles nicht, altes Fragezeichen.« Die Frau ließ sich durch diesen Ehrentitel nicht irremachen. »Besitzest du denn gar nichts Schriftliches?« forschte sie nach einigem Besinnen weiter. »Nicht deinen Taufschein, den Totenschein der Eltern und dergleichen?« »Hast du deine Kirchenzeugnisse eingeholt, als du bei Nacht und Nebel deiner Dienstherrschaft von dannen ranntest?« gegenfragte spottend der Mann, setzte aber, da er wieder einen Seufzer zu hören glaubte, gutmütig hinzu: »Na, nimms nicht übel, Lisette. Etwas Schriftliches möchtest du? Ja, da wäre allenfalls der Schein, mit dem mich der Propst aus dem Kloster entlassen hat.« »Auch im Kloster bist du gewesen? Unter Mönchen, August? Wohl gar ein Katholischer?« »Lieber gar, altes Haus! Die sind nicht Mode im Leipziger Kreis. Die Anstalt hieß nur das Kloster und der Direktor der Propst von päpstlichen Zeiten her. Der alte Zettel hat sich erhalten, weiß selber kaum wie. Sooft ich ihn wegwerfen wollte, sah ich den guten, blassen Mann und seine Tränen, als er mir ihn gab.

Wir hatten ihn Vater genannt, und er war uns wie ein Vater gewesen. Da steckt ich den Wisch denn immer wieder ein.« »Zeige mir den Schein, August,« bat die Frau, indem sie sich hastig daran machte, Feuer zu schlagen und die Lampe auf dem Tisch vor ihrem Bette anzuzünden. Als sie damit zustande gekommen, entfaltete sie das Papier, das der Invalid aus seiner Brusttasche hervorgesucht hatte und dessen pulvergeschwärzte, blutige Spuren ein beredtes Zeugnis seiner Jünglingsjahre waren. »Psalm 146, Vers neun.« »Der Herr behütet die Fremdlinge und Waisen.« August Müller. Eingesegnet und unserer Pflegestätte entlassen am 4. April 1807. Kloster Laurentii, Ludwig Nordheim.

Kreis Leipzig. Propst und Direktor. Frau Lisette hatte diesen knappen Inhalt kopfschüttelnd vor sich hingemurmelt. »Kein Geburtsdatum,« sagte sie nach einer nachdenklichen Pause; »nicht Name, Stand und Wohnort der Eltern! War das Kloster eines für eheliche Kinder, August?« »Für Soldatenwaisen,« antwortete stolz der Mann. »Nur als Lückenbüßer dann und wann ein Bürgerjunge.« »Und du erinnerst dich auch entfernt keines Pflegers oder Vormunds, keiner Ortsbehörde, die dich in die Anstalt gebracht hätte?« »Hingebracht? Ei freilich, hingebracht hat mich Fräulein Hardine.« Die Marketenderin zuckte neubelebt auf. »Fräulein Hardine!« rief sie. »Mann, wer war Fräulein Hardine.« »Ein Frauenzimmer, groß und schwarz wie du, Lisette,« versetzte, von dem Eifer seiner Frau belustigt, der Invalid.

»Wenn die alte Beckern recht hat, meine Frau oder Fräulein Mama.« »Und die alte Beckern, wer war die?« »Die Waschfrau der Anstalt und eine Klatsche.« »Fräulein Hardine! Ein Fräulein, keine Mamsell! Eine Adlige sonach.« »Kann sein. Ihr Vater war ein kurfürstlicher Major.« »Sein Name —?« »Hab ihn niemals nennen hören; vielleicht auch vergessen. Die Tochter hieß bei allen schlechtweg Fräulein Hardine.« Frau Lisette saß eine Weile in stillen Gedanken, dann rückte sie hervor mit einem kriegslistigen Plan. »Gib mir die Pfeife, daß ich sie dir stopfe, Gustel,« sagte sie munter; »und da noch ein Glas, das den Kopf aufräumt. Nun aber erzähle mir einmal hübsch im Zusammenhange alles, was du aus deinen Kinderjahren behalten hast.

So wenig es sein mag — man kann immer nicht wissen — — und von etwas muß doch einmal geplaudert sein, gelt?« Ein trockner Text für den Liebhaber der Lagergeschichten, trotz Pfeife und Flasche, die ihn mundrecht machen sollten Indessen er hatte gehört, daß man einem Weibe im Kindbett zu Willen reden müsse, und er war im Grunde ein gutmütiger Gesell. So legte er denn die Hand übers Herz, und während die Frau ihre Ziegenfellchen wieder aufnahm, erzählte er, indem er paffend den engen Raum auf und nieder schritt — mit Auslassung etwelcher Kraftausdrücke, die einer zarten Leserin erspart werden mögen —, wörtlich wie folgt: »Wie gesagt: wann, wo, von wem ich geboren worden, weiß ich nicht. Soweit ich zurückzuschauen vermag, sehe ich eine alte Frau, die ich ›Muhme‹ nannte und die mich keine Not leiden ließ. In einer Stadt oder in einem Dorfe war es nicht, denn ich habe keine Häuser weiter bemerkt, mit Ausnahme des kleinen, darin die Muhme wohnte. Spielkameraden hatte ich auch nicht, abgerechnet die Karnickel und Eichkatzen im Walde, der hinter dem Hause lag. Mit denen aber bin ich um die Wette gehetzt und geklettert den lieben langen Tag. Und das war mir recht. Die Muhme würde ich vielleicht wiedererkennen, vielleicht auch nicht. Das Haus aber könnte ich noch malen. Es sprang aus einem Dickicht hervor; Tannen, so hoch, wie ich keine wieder gesehen, und am Giebel war aus Stein ein Hundekopf angebracht und darüber eine Krone von Gold.

Die Muhme hieß Justine. So nannte sie wenigstens das Frauenzimmer, das sie wohl Tag für Tag besuchte ›Vom Schlosse her‹, wie die Muhme sagte: ich habe aber niemals ein Schloß gesehen. Dieses Frauenzimmer war Fräulein Hardine. Ob sie jung oder alt gewesen ist, kann ich so eigentlich nicht sagen, auch nicht, ob sie es gut oder böse mit mir gemeint. Ich glaube aber, gut zu jener Zeit. Gemacht habe ich mir niemals etwas aus ihr. Gemerkt aber, zum Wiedererkennen gemerkt hätte ich sie mir, glaub ich, nach schon jener Zeit. Es war etwas an ihr, das sich nicht vergißt. Was, das kann ich wieder einmal nicht sagen. Eines Tages saß ich eingesperrt mit Fräulein Hardine in einem engen Kasten, der sich fortbewegte.

Item in einer Kutsche. Von Anfang machte ich große Augen, da ich die Bäume am Wege so hurtig an mir vorüberrennen sah. Ich sehe sie noch rennen, Lisette. Bald aber kriegte ich das Ding satt, tobte, schrie und würde über den Kutschenschlag gesprungen und in meinen Wald zurückgelaufen sein, wenn Fräulein Hardine mich nicht an den Ohrlappen festgehalten und so lange dareingekniffen hätte, bis ich endlich vom Heulen müde ward, mich auf die Bank streckte und in Schlaf verfiel. Ich wachte wohl wieder auf und erhob den vorigen Rumor. Fräulein Hardine kriegte mich aber immer wieder bei den Ohren, ich schlief immer wieder ein und kann daher nicht sagen, ob die Fahrt stunden-, tage-, wochenlang gedauert hat, oder wie ich im übrigen an mein Ziel gekommen bin.

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