Jesus der Christ – C. F. W. Held

Verehrte Versammlung! Zum vierten Male habe ich es gewagt, zu Vorträgen einzuladen, welche Dinge angehen, an denen jeder beteiligt ist, der ein menschenwürdiges Dasein leben will. Die Besprechungen in den drei vergangenen Wintern: des ersten über das Leben Jesu, des zweiten über die Entstehungsgeschichte des Neuen Testamentes, des dritten über die Geschichte des Reiches Gottes im Alten Testament sind Einleitung und Vorbereitung der diesjährigen Vorträge gewesen. Die Grundlehren des Christentums, nach ihrer geschichtlichen Entwicklung und in ihrer bleibenden Bedeutung, mit Rücksicht aus den Rationalismus und Skeptizismus der Gegenwart das ist das große Thema dieses Winters. Welches sind diese Grundlehren? Lassen sie sich in eine bestimmte Zahl und in eine feste Form bringen? Das ist ja sofort gewiss: wenn das Christentum die schlechthin vollendete Religion sein will, welche allen andern die Vergänglichkeit und sich selbst die Unsterblichkeit weissagt, so muss es auch dem menschlichen Erkenntnisbedürfnisse volles Genüge zu bieten haben. Es muss sich als die Wahrheit ausweisen. Einen leichten, sehr bequemen und oft betretenen Weg gibt es, die Allgemeingültigkeit des Christentums nachzuweisen und jeden Zweifel und Widerspruch, der sich erheben kann, zu beseitigen: es ist die Unterscheidung eines Vergänglichen und eines Bleibenden am Christentume, einer historischen Schale und eines ewigen Kernes, die Behauptung dass das Christentum nichts Absonderliches und Apartes, sondern das Menschliche und Natürliche selbst ist. Der englische Deismus hat diesen Weg zuerst gebahnt. Nirgend hatte die Reformation so heftige Schwankungen und Kämpfe in ihrem Gefolge gehabt, als in England. Die Willkür Heinrichs VIII. hatte dem Volke ein Kirchensystem aufgenötigt, gegen welches es sich aus innerstem, religiösem Triebe empörte. In diesem Kampfe aber zersetzte sich das Volk selbst in eine Menge miteinander hadernder Parteien, deren jede die Eine volle Wahrheit zu haben glaubte und alle andern verdammte. Als die Kampfeshitze verglüht war, wurde das Bedürfnis lebhaft gefühlt, die getrennten und auseinandergerissenen Glieder wieder zur Einheit eines Volksganzen, eines Leibes zu verbinden. Sich unter das Bekenntnis einer Partei zu sammeln, ließ sich da den andern nicht zumuten. Es musste eine Grundlage gefunden werden, breit genug, alle Parteien zu tragen; es mussten Sätze aufgestellt werden, zu welchen alle stimmen konnten; das Besondere und Eigentümliche musste die Kraft der Scheidung und Trennung verlieren und wenn es doch fortdauern wollte, sich begnügen, Stimmung und Liebhaberei eines engern Kreises zu werden. So entstand der Grundsatz der Toleranz, gestützt auf die Behauptung, dass das Christentum so alt als die Welt und nichts anderes sei als die natürliche Religion, welche der Wahrheitsgehalt und ewige Kern aller geschichtlichen und wirklichen Religionen sei.

In fünf kurzen Sätzen fasste der Lord Herbert von Cherbury die Aussagen dieser natürlichen Religion zusammen: die Anerkennung eines persönlichen Gottes, die Pflicht, ihn durch ein tugendhaftes Leben zu verehren, die Genugsamkeit der Reue und Besserung zur Sündenvergebung und Versöhnung mit Gott, der Glaube an Unsterblichkeit und an ein Vergeltungsgericht – das war nach ihm das Christliche im Christentum und der Gehalt aller Religionen. Menschlicher Unverstand und Schwärmerei, Herrschsucht der Könige und Priester habe nun um diese fünf Säulen der Wahrheit ein Labyrinth von Satzungen, Dogmen, Mysterien und heiligen Gebräuchen gebaut, das seinem verdienten Verfalle überlassen werden müsse. Denselben Weg verfolgten eine Reihe von Geistern, die den Namen Deisten tragen, weil sie in der Anerkennung eines persönlichen, selbstbewussten Gottes noch ziemlich einstimmig sind. Unter ihnen gibt es ernsthafte Gelehrte, wie J. Toland, Collins, Woolston, Tindal, Morgan, die in weitläuftigen Werken sich aussprachen und geistreiche Weltmänner, wie Graf Shaftesbury und Lord Bolingbroke, die in kurzen Aufsätzen, witzigen Briefen und pikanten Bemerkungen mehr noch zur Verbreitung jener Missachtung der Geschichte wirkten, als die Gelehrten. Klarheit ist das Maß der Wahrheit, wurde der feststehende Satz. Der common sense, der sogenannte gesunde Menschenverstand ist, ohne besondere Erziehung und Erfahrung durchgemacht zu haben, der höchste Richter in allen Fragen. Noch weniger als in England war in Frankreich die Reformation zum Ziele und zum Austrage gekommen. Die römische Kirche verlor ihre Autorität, die evangelische aber kam unter den furchtbaren Verfolgungen nur zu einem gedrückten Dasein. Als die Geister sich erschöpft hatten in den ernsten Kämpfen mit dem Schwerte und mit der Feder, nahm von der Trümmerstätte eine Frivolität Besitz, die an den alten Heiligtümern der Menschheit ihren Witz übte.

Dieser Geist, der die Mode und den Geschmack einer sittlich ruinierten Gesellschaft zum Richtmaß nahm und die Dinge verstanden und beurteilt zu haben meint, wenn er sie lächerlich machen konnte, gewann Fleisch und Blut und eine beredte Zunge in Voltaire. Er will nicht Atheist sein. Er redet oft mit besonderer Selbstgefälligkeit von seiner Anerkennung Gottes. Aber dieser Gott ist nicht mehr eine Macht, vor welcher er sich in Ehrfurcht beugt, sondern eine plausible Hypothese, zu welcher sich sein Verstand herbeilässt. Ein ganz anderer und edlerer Geist ist Rousseau. Er hat das tiefste Gefühl der Unnatürlichkeit und Verkehrtheit, in welche die gebildete Gesellschaft seiner Zeit geraten ist. Er hat ein Heimweh nach Natürlichkeit und Einfachheit, nach einem Paradiese, das nirgend gewesen ist und für die Menschheit auch verloren bleibt. Atheismus und Materialismus, Revolution mit dem vorüberrauschenden Taumel eines theophilantropischen Reiches, in welchem alle Unterschiede ausgelöscht wären in reiner Gottes- und Menschenliebe und endlich das Cäsarentum Napoleon I. bilden eine Kette, welche die göttliche Nemesis geschmiedet hat. Auch in Deutschland blieb die Reformation nicht, was sie zu Anfang gewesen war: ein reicher Strom, der das ganze Lebensgebiet nach allen Richtungen bewässerte und befruchtete.

Die Glaubensfreudigkeit, welche in Luther gewohnt hatte, mit der vollen Gewissheit, alles Menschliche durchdringen und verklären zu können, wurde im Kampf mit dem Katholizismus und den mannigfachen Sekten mehr und mehr zu dem sorglichen Streben, die reine Lehre nach allen Seiten hin auszubauen und festzustellen. An diesen Streitigkeiten, welche sich· über Fragen verbreiteten, die nur den Gelehrten wichtig und verständlich waren, ernstlich Teil zu nehmen, verging dem Volke umso mehr die Luft, je mehr sich ihm durch eine Reihe folgenreicher Entdeckungen und Erfindungen die wirkliche Welt erschloss und zu neuen Arbeiten und Genüssen einlud. Auch der Spener’sche Pietismus, welcher auf eine Neubelebung des Volksganzen hinarbeitete, hatte die unbeabsichtigte Nachwirkung, gegen das kirchliche Lehrsystem zu verstimmen. Englische Bücher kamen zu den Gelehrten, französische zu den Gebildeten, und so ward die deutsche Aufklärung für alle Gebiete und der Rationalismus für die Theologie und Religion zur herrschenden Macht des vorigen Jahrhunderts. Nur das Gemeinverständliche und Gemeinnützliche wollte die Aufklärung bestehen lassen; der Rationalismus aber versuchte zuerst den Nachweis, dass die Kirchenlehre nicht einerlei mit der Schriftlehre, ging dann aber weiter zu der Behauptung, dass auch in der Schrift das meiste nur vorübergehende Bedeutung habe. Ein ungeheurer Missbrauch wurde mit der sogen. orientalischen Redeweise der Schrift, den jüdischen Vorstellungen und lokalen Ideen, von welchen sie voll sei, getrieben. Was übrig blieb, war das dürre Gerippe einer Vernunftreligion und hausbackenen Moral. Dass aber Deutschland nicht unterging, weder in dem Sande des englischen Deismus, noch in dem Sumpfe der französischen Frivolität, dazu wirkten drei verschiedene Mächte zusammen. Einmal leistete die deutsche Poesie und Kunst in einer Fülle herrlicher, die ganze Nation mit Freude und Stolz erfüllender Schöpfungen den mächtigen Tatbeweis, dass zum Menschenleben noch mehr gehört, als die Fähigkeit, logisch richtige Schlüsse bilden und aneinander reihen zu können.

Phantasie und Gemüt, Freundschaft und Vaterland, das Geheimnis der Liebe und die Sehnsucht nach Idealen, welche ja doch nur nach dem unbekannten Gotte fragt, alles Höchste und Tiefste, was der Mensch besitzt und erlebt, wurde von den Dichtern wie aus langem Schlafe geweckt und mit goldenen Worten und Weisen begabt. Der Aufklärungsdespotismus, der mit seinem ledernen Regiment alles Geniale, Geheimnisvolle, Wunderbare in Acht und Bann getan und unbarmherzig verfolgt hatte, wurde von den jungen Dichtern und ihren Gesellen mit Scherz und Spott vom Throne gestoßen. Die zweite Macht, welche zum Sturze der Aufklärung gewaltig mithalf, war die deutsche Philosophie. Sie wies die ganze Richtigkeit einer Sittlichkeit nach, welche die Nützlichkeit und Glückseligkeit zum bestimmenden Prinzip gemacht und dem gemeinen Menschenverstand, der das Schiedsrichteramt in den schwierigsten Angelegenheiten der Menschheit sich angemaßt hatte, deckte sie alle seine Widersprüche, Willkürlichkeiten und Einseitigkeiten auf. Mehr aber als diese beiden idealen Mächte, tat die dritte sehr reale Macht: die Not des deutschen Volkes unter der Franzosenherrschaft. Die Verständigen, welche nach dem urteilten, was vor Augen war, mussten da alles verloren geben; der Glaube aber lernte hoffen, wo nichts mehr zu hoffen war.

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