Nachfolge Christi – Thomas von Kempen

Wer mir nachfolgt, der wandelt nicht in Finsternis, spricht der Herr. Dies sind Worte aus dem Munde Christi, die uns Mut einsprechen, seinem Leben treu nachzuleben, wenn wir wahrhaft erleuchtet und von aller Blindheit des Herzens geheilt werden wollen. Wir sollen also unser erstes Streben daraus machen, in dem Leben Jesu Christi zu forschen. Die Lehre Christi übertrifft ohne Ausnahme alles, was die Heiligen gelehrt haben; und wer den Geist Christi hätte, der müßte in ihr ein verborgenes Himmelsbrot finden. Da geschieht es aber, daß viele das Evangelium oft hören und dabei fast ohne alle Rührung des Herzens bleiben, weil ihnen der Geist Christi fehlt. Wer die Lehre Christi in ihrer Fülle kennenlernen will, der muß mit allem Ernst darauf dringen, daß sein ganzes Leben gleichsam ein zweites Leben Jesu werde. Was nützt es dir doch, über die Dreieinigkeit hochgelehrt streiten zu können, wenn du die Demut nicht hast, ohne die du der Dreieinigkeit nie angenehm werden kannst? Wahrhaftig, hohe Worte machen den Menschen nicht heilig und gerecht, sondern ein Leben voll Tugend, das macht bei Gott uns angenehm. Es ist mir ungleich lieber, Reue und Leid im zerschlagenen Herzen zu empfinden, als aus dem Kopfe eine schulgerechte Erklärung geben zu können, was Reue sei. Hättest du die ganze Bibel und die Sprüche aller Weisen im Gedächtnis, hättest aber dabei nicht die Liebe Gottes, seine Gnade nicht im Herzen: wozu hülfe dir all jenes ohne dieses Einzige? O Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist Eitelkeit, außer Gott lieben und ihm allein dienen. Das ist die höchste Weisheit: Durch Verschmähung der Welt zum himmlischen Reich hindurchdringen. Also ist es Eitelkeit, vergängliche Reichtümer zu sammeln und darauf seine Hoffnungen zu bauen. Also ist es Eitelkeit, nach hohen Ehrenstellen zu trachten und gern sich obenan zu setzen. Also ist es Eitelkeit, den Lüsten des Fleisches sich zu überlassen und Freuden nachzujagen, die uns einst die empfindlichsten Strafen zuziehen werden. Also ist es Eitelkeit, nur immer zu wünschen, daß man lange lebe, und wenig darum sich zu bekümmern, daß man fromm lebe. Also ist es Eitelkeit, das Auge hinzuheften auf das gegenwärtige und nie hinauszublicken auf das kommende Leben.

Also ist es Eitelkeit, sein Herz an das zu hängen, was so schnell vorübergeht, und nicht dorthin zu eilen, wo ewige Freude wohnt. Erinnere dich doch oft an den Spruch des Weisen: Das Auge kann nicht satt sich sehen, nicht satt sich hören das Ohr. Reiß also dein Herz los von den sichtbaren Gütern und erhebe es zu den unsichtbaren. Denn, die ihrer Sinnlichkeit blind folgen, beflecken ihr Gewissen und verlieren die Gnade Gottes. Zweites Kapitel Sei gering in deinen Augen! Es ist dem Menschen natürlich, viel wissen zu wollen; aber noch so viel wissen und dabei den Herrn nicht fürchten – wozu nützt es doch! Wahrhaftig, besser ein demütiger Landmann, der seinem Gott dient, als ein stolzer Weltweiser, der sich außer acht läßt und dafür die Laufbahnen der Sterne mißt. Wer sich nach der Wahrheit kennt, der findet sich wohl gering und schlecht in seinemAuge und kann keine Freude daran haben, daß ihn die Menschen loben. Hätte ich die Wissenschaft aller Dinge in der Welt und fehlte mir nur das eine, die Liebe: was nützte mir all dies Wissen vor Gott, der mich nach meinem Tun richten wird? Laß ab von der überspannten Wißbegier; denn es ist viel Zerstreuung und viel Trug dabei. Die viel wissen, wollen auch den Schein haben, daß sie viel wissen, und hören es gern, wenn man von ihnen sagt: Sieh, das sind weise Männer! Es gibt so viele Dinge in der Welt, deren Erkenntnis der Seele wenig oder nichts einträgt. Und auf etwas anderes sinnen, als was das Heil der Seele fördern hilft, dazu gehört wahrhaftig ein großes Maß von Torheit. Viel Worte machen, das stillet den Hunger der Seele nicht.

Aber gut sein und recht tun, das ist das rechte Labsal für unser Gemüt; und ein reines Gewissen schafft uns große Zuversicht vor Gott. Je mehr du weißt und je besser du es einsiehst, desto strenger wirst du gerichtet werden, wenn dein Leben nicht gerade um so viel heiliger sein wird, als deine Einsicht besser war. Darum trage den Kopf nicht höher, weil du diese Kunst oder jene Wissenschaft besitzest. Eben dies, daß dir so viel Erkenntnis gegeben ist, soll dich mehr furchtsam als stolz machen. Wenn es dir in den Kopf steigen will, daß du so viele Dinge weißt und so gründlich verstehst, so denke dabei, daß es doch ungleich mehr Dinge gibt, von denen du nichts weißt und nichts verstehst. Und wenn du dich in den hohen Einbildungen von deiner Weisheit verstiegen haben solltest, so steige eilig wieder herunter und bekenne lieber deine Unwissenheit. Wie magst du dich auch nur über einen einzigen Menschen erheben: Wozu dies? Es werden doch noch viele in der Welt sein, die gelehrter sind und das Gesetz besser verstehen als du. Willst du etwas Rechtes lernen und wissen, so lerne die große Kunst, gern unbekannt zu sein und dich für nichts halten zu lassen. Sich selbst nach der Wahrheit erkennen und nach Verdienst verachten zu können, das ist die erhabenste Wissenschaft, das ist die heilsamste Lehre für mich und dich und uns alle. Aus sich nichts machen und andere gern für besser und höher achten, das ist große Weisheit und Vollkommenheit.

Und sähest du einen andern öffentlich sündigen oder einen schweren Fall tun, so halte dich deshalb nicht für besser als ihn. Denn sieh, du weißt ja nicht, wie lange du selbst noch im Guten feststehen wirst. Gebrechlich sind wir alle, aber gebrechlicher als du selbst sei in deinem Auge keiner. Drittes Kapitel Von der Lehre der Wahrheit. Selig, den die Wahrheit durch sich selbst unterweist, nicht durch Bilder, die verschwinden, nicht durch Worte, die verhallen! Selig, dem sie sich offenbart, wie sie ist! Denn unser Meinen trügt uns oft, und unser Sinn reicht nicht weit. Was nützt es uns denn, daß wir uns den Kopf zerbrechen über Dinge, die verborgen und dunkel sind und uns verborgen und dunkel bleiben dürfen, ohne daß wir deshalb am Tage des Gerichts zur Strafe können gezogen werden? Es ist eine große Torheit, daß wir Dinge, deren Erkenntnis uns nützlich oder gar notwendig ist, außer acht lassen und dafür Dinge, die bloß unsere Neugier reizen und dabei noch uns schaden können, so mühsam erforschen. Da heißt es recht: Augen haben und doch nicht sehen! Und was liegt uns denn am Ende daran, daß wir all das wissen, was die Schulen von den Gattungen und Geschlechtern der Begriffe zu sagen wissen? Wem das ewige Wort zu Herzen redet, der macht von vielerlei Meinungen sich los. Es kommt doch alles von einem Wort her, und alle Dinge zeugen im Grunde nur von einem Worte, und dies eine Wort ist dasselbe Wort, das imAnfang war und jetzt auch zu uns redet. Ohne dieses Wort findest du keinen gesunden Verstand und kein wahres Urteil. Wer das Eine in allem finden, wer alles auf das Eine zurückführen, wer in Einem alles sehen kann, der mag ruhigen, festen Sinn behalten und den schönen Frieden in Gott nie verlieren.

O Wahrheit! Gott! mache mich eins mit dir in ewiger Liebe! Wie oft ekelt mich, so mancherlei zu lesen und zu hören? Denn alles, wonach mein Herz verlangt, ist in dir allein. Schweigen sollen alle Lehrer, stille sein alle Geschöpfe vor deinem Angesichte: rede du allein zu mir! Je mehr ein Mensch eins mit sich und einfältig in seinem Innersten geworden ist, desto mehr und höhere Dinge lernt er ohne sonderliche Mühe verstehen; denn das Licht des Verstandes kommt alsdann von oben zu ihm. Ein Geist, der rein, einfältig und feststehend in seinem Innersten geworden ist, wird auch durch die mancherlei Geschäfte des Lebens nicht zerstreut; denn er tut alles zur Ehre seines Gottes und arbeitet in sich, all den geheimen Neigungen der Eigenliebe auf immer zu entsagen. Was hindert und plagt dich doch mehr als die Neigung deines Herzens, die noch ihr volles, ungetötetes Leben hat? Der gute Mann, der sich seinem Gott ganz geweiht hat, ordnet zuerst in seinem Inwendigen alles, was er hernach äußerlich zustande bringen soll. Nicht ihn zieht das, was er tut, dahin, wohin ihn die sündhaften Neigungen haben wollen, sondern er zieht und lenkt die Neigungen dahin, wohin sie das Gesetz der gesunden Vernunft haben will. Wer hat wohl einen heißeren Kampf zu kämpfen als der, welcher mit sich selbst im Streite liegt, um sich zu besiegen? Und dies sollte unser eigentliches Geschäft auf Erden sein: sich selbst überwinden und täglich mehr Stärke über sich gewinnen und so täglich im Guten vorwärts schreiten. Alle Vollkommenheit dieses Lebens hat ihr Unvollkommenes, und all unser noch so lichthelles Forschen hat sein Dunkel. Demütiges Erkennen deiner selbst führt dich sicherer zu Gott als tiefes Graben nach Wissenschaft. Zwar muß man weder das gelehrte Wissen noch das einfache Erkennen einer Sache lästern. Denn es ist ein gutes Ding um das Wissen und Erkennen, und es gehört in Gottes große Haushaltung hinein.

Aber ein Gewissen ohne Makel und ein Leben voll Tugend sind unvergleichlich mehr wert als alles Wissen und Erkennen. Und gerade deshalb, weil den meisten Menschen das Vielwissen mehr am Herzen liegt als das Rechtleben, deshalb geraten sie auf so viele Irrwege und schaffen mit all ihrem Wissen und Wissenwollen keine oder nur geringe Frucht. O wenn sie so rastlos daran arbeiten wollten, hier Laster auszurotten, dort Tugenden zu pflanzen, wie sie sich müde studieren, um ihresgleichen ein neues Rätsel aufgeben zu können: ich denke, es würde nicht so viel Unrecht auf Erden, nicht so viel Ärgernis unter dem Volke, nicht so viel Zuchtlosigkeit in den Klöstern sein! So viel ist gewiß: am Tage des Gerichts wird man uns nicht fragen, was wir gelesen, sondern was wir getan haben; nicht fragen, wie schön wir gesprochen, sondern wie fromm wir gelebt haben. Sage mir doch, wo sind jetzt alle jene Herren und Meister, die du ehemals als große Gelehrte und gewaltige Lehrer auf ihren Kanzeln oder in ihren Schriften gekannt hast? Auf ihren Pfründen sitzen nun andere; und ich weiß nicht, ob diese an ihre Vorgänger noch denken mögen. So lange sie lebten, meinte man wohl, sie wären etwas Großes, aber nun liegen sie in tiefer Vergessenheit. O wie schnell ist die Herrlichkeit der Welt dahin! Hätten sie ihr Leben mit ihrer bessern Erkenntnis in Übereinstimmung gebracht, o dann hätten sie recht studiert und recht gelesen. Wie viele stürzt doch ihr eitles Wissen, das sie in aller Welt umhertreibt, in das Verderben, weil sie es so wenig sich angelegen sein lassen, Gottes Willen zu tun? Und weil sie lieber groß als demütig sein wollen, so werden sie in ihren Gedanken vollends eitel, lauter Nichts. Es ist doch nur der wahrhaft groß, der Liebe hat. Es ist nur der wahrhaft groß, der in seinen Augen klein ist und alle Gipfel der Weltlehre für nichts halten kann. Es ist nur der wahrhaft weise, der alles Irdische für Unrat hält, um Christum zu gewinnen.

Es ist nur der wahrhaft gelehrt, der seinen eigenen Willen verleugnet und Gottes Willen vollbringt.

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