Skepsis und Mystik – Gustav Landauer

Alles Gegenwärtige ist mir nur der Stiel, an dem ich Vorzeit und Zukunft anfasse. Die unendlich tiefen, vollen und unsichtbaren Gefäße … Glücklich bin ich nicht, das ist Menschenwerk, unglücklich bin ich nicht, das ist auch Menschenwerk; ich bin alles, das ist Gotteswerk. Nichts ist einsam in der Welt, und alles kommt sich entgegen. Das Wahre bis zum Heiligen ist wie ein Lichtstrom, den jeder trinken muß, der die Augen öffnet; ja ich glaube, daß das Sehen und Gesehenwerden in höherem Sinne eines und zugleich ist. Clemens Brentano. Wir sollen allen Dingen Geist sein, und alle Dinge sollen uns Geist sein im Geiste. Wir sollen alle Dinge erkennen und uns mit allen Dingen gotten. … Darum bitte ich Gott, daß er mich Gottes quitt mache, denn unwesenhaftes Wesen ist über [2] Gott und über Unterschiedenheit; da war ich selbst, da wollte ich mich selbst und erkannte mich selbst diesen Menschen machend, und darum bin ich Ursache meiner selbst nach meinem Wesen, das ewig ist, und nach meinem Wesen, das zeitlich ist. Und darum bin ich geboren und kann nach der Weise meiner Geburt, die ewig ist, niemals ersterben. Nach der Weise meiner ewigen Geburt bin ich ewiglich gewesen und bin jetzt und soll ewiglich bleiben. Was ich nach der Zeit bin, das sollsterben und soll zu nichte werden, denn es ist des Tages; darum muß es mit der Zelt verderben. In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren, und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge, und wollte ich, so wäre ich nicht noch alle Dinge, und wäre ich nicht, so wäre Gott nicht. Es ist nicht nötig, dies zu verstehen. Meister Eckhart. Die Seele ist nicht in der Welt — aber die Welt in der Seele.

Plotinos. Alle meine Seelen schliefen. Da hob sich strahlend die Sonne aus den Tiefen. * * * * * * * * * * Ich liege:stiller Mann im Stillen. Mich überrollt der Luftgeister Gespann, Es fängt ein neues weites Leben an. Die Krone, die um deine Schläfen blitzt und dämmert, Hab’ ich vor tausend Jahren zurechtgehämmert. [3] Die Welt ist voll dunkler Fragen, Drum muß man die Harfe schlagen. Alfred Mombert. Ein Mann ging im Traum seines Wegs und wußte nicht, daß er träumte. Da kam er an ein hohes, starkes, ehernes Gebirge, das ihm den Weg versperrte und so metallisch glänzte, daß er sich darin spiegeln konnte.

Er spiegelte sich in dem schwarzen Schimmer und sagte erschüttert: »Das ist ein Spiegel. Ich sehe nichts; ich sehe mich selbst — nichts.« Und eine Stimme rief: »Hast du die Welt hinter dir gelassen?« »Ja,« flüsterte der Mann, »sie ist abgetan.« »So blicke in mich; hinter deinem eigenen Spiegelbild wirst du die Welt gewahren.« Der Mann starrte in den dunklen Schein und sprach dann langsam: »Ich sehe die Welt; ich sehe nichts.« Und er versank in ein düsteres Sinnen über sich selbst und die Welt. Da kamen schwarze Schlangen aus dem Gebirge, das waren Ketten; und sie umspannten mit fürchterlicher Gewalt den Mann von den Füßen bis zum Kopf. Dazu klirrten sie ihm ins Ohr: Weil du noch sinnst — weil du noch denkst — weil du noch Antwort gibst. [4] — — Der Mann aber hob sich jetzt in die Lüfte — höher und immer schneller — und die Ketten streiften endlos hinter ihm her, und schließlich löste sich das ganze schwarze Gebirge in Ketten und flog mit ihm hinauf und hinaus. Und der Mann schrie beglückt: »Ich fliege in Ketten — ich fliege — ich träume.

« Er wußte jetzt, daß er träumte, und er flog in Ketten, so weit er fliegen konnte. * * * Der Mann, den die Sprachkritik, wie sie von Fritz Mauthner begründet ist, gefesselt und befreit hat, weiß, daß er träumt, wenn er versucht, die Welt zu einem Bild zu gestalten. Und weiß nicht jeder, der je versucht hat, von seinem Geträume in Worten zu berichten, daß das Beste unter den Händen zerschmilzt und zerrinnt, während man es zur Sprache ballen will? Aber doch! was wäre die große Tat wert, die alles Absolute getötet hat und jede Wahrheit vernichtet — wenn dieser Nihilismus und diese Ironie nicht der Weg wäre zum Spiele des Lebens, zur Heiterkeit und zur ungeglaubten Illusion? Illusion — eine geglaubte Idee, ein [5] heiliges Ziel — das war bisher der Bann der Völker, der alle Kultur geschaffen hat. Da nun dieser Bann von uns genommen ist — da wir keine Religiosi mehr sind — wollen wir nicht Träumer sein? Fliegende? Künstler? Freie? Wohlauf denn: Ihr alle, die ihr euch um die Erkenntnis eures Wesens und der Welt bemüht, ihr Theoretiker, die ihr Begriffe spinnt, und auch ihr Praktiker, die ihr in die Welt hinein pfuschen oder bauen wollt, ihr Künstler, die ihr Träume baut, laßt eine Weile alles andere bei Seite und lest erst dieses Buch, die Sprachkritik, ich habe die Hoffnung — denn da der Mensch durch nichts, was vom Menschen kommt, umzubringen ist, wächst aus jeder größten Verzweiflung am Ende neue, größere Hoffnung auf —, daß ihr Theoretiker zusammen mit den Künstlern dann erst recht träumen und phantasieren werdet; daß ihr Baumeister erst recht kühn und mit vorher unerhörter Tiefe und Tapferkeit einreißen und aufrichten werdet. Denn wo nichts mehr feststeht und kein Grund mehr ist, da gerade werden wir unsere Pfähle einrammen. Das, scheint mir, ist die Art neuer Menschen. Kants »Kritik der reinen Vernunft« steht für mich in ursächlichem [6] Zusammenhang nicht nur mit der Romantik, sondern eben so mit den revolutionären Umgestaltungen von 1830 und 1848; so ist für mich das große Werk der Skepsis und der radikalsten Negation, das Mauthner verübt hat, der Wegbereiter für neue Mystik und für neue starke Aktion. Denn wenn das Wort getötet ist: was soll dann noch stehen bleiben? Und was hinwiederum soll dann nicht versucht werden? Es wäre vielleicht ein fruchtbarer Versuch, in einer Geschichte der Philosophie zu zeigen, wie immer den großen Zerstörern die großen Phantasten und die Schöpfer neuer Weltanschauungen auf dem Fuße gefolgt sind, wie Plato auf Sokrates folgte, wie die deutsche Mystik auf dem Grunde großer scholastischer Skepsis erwuchs, wie auf Kant Schelling, Hegel und Schopenhauer folgten. Und was uns an Friedrich Nietzsche so wundersam anzieht, ist ja nichts anderes als dieser vor unseren Augen sich abspielende Kampf innerhalb eines Individuums zwischen dem Skeptiker und dem erbaulich Erbauenden. Um dieses Kampfes willen, der zwischen dem Ruhebedürfnis und der rastlosen Ehrlichkeit des [7] Menschen hin und her geht, ist es immer wieder nötig gewesen, alte Skepsis, die sich nicht als genügenden Wall gegen menschliche Verstiegenheiten bewährt hat, durch neue zu ersetzen.

So war es auch nötig, an die Stelle von Kants Kritik der reinen Vernunft die Kritik der Vernunft überhaupt zu setzen. Mauthner hat dazu ausgeholt, und seine wuchtigste Kritik liegt schon darin, daß er statt Vernunft Sprache sagt. Kant war von der Verachtung der Erfahrung ausgegangen, aber von einer Verachtung, die er nicht auf Grund eigener Prüfung erworben, sondern traditionell von der dogmatischen Philosophie übernommen hatte. Für ihn gab es über den Urteilen, die auf Grund gehäufter Erfahrungen von unserer Vernunft gefällt werden, noch Urteile der reinen Vernunft, sogenannte synthetische Sätze a priori, die allein Allgemeingültigkeit und objektive Notwendigkeit in sich bergen sollten, Urteile, deren Bestandteile schon vor Beginn irgend einer Erfahrung in unserem Intellekt vorhanden sein sollten. Diese Formen und Prinzipien, die der Natur unserer Erkenntnis angehören, die also von vorn herein, a priori, in uns sind, schaffen erst die Welt, so wie wir [8] sie gewahren: die Welt ist körperhaft und in fortwährender Bewegung, Veränderung und Wirksamkeit, weil wir die Formen und Prinzipien, die diese Welt erst schaffen, in uns tragen: Raum, Zeit, Größe, Gradunterschiede, Kausalität sind eben so nicht der Welt, sondern uns selbst, den Betrachtern, angehörig wie die Tönungen unserer spezifischen Sinnesenergien. So ist also die Welt nur unsere Erscheinung in der subjektiven Form des Raumes.

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