Übers Erkennen und Empfinden – Johann Gottfried Herder

Erkennen und Empfinden scheinet für uns vermischte, zusammengesetzte Wesen in der Entfernung zweierlei; forschen wir aber näher, so läßt sich in unserm Zustande die Natur des einen ohne die Natur des andern nicht völlig begreifen. Sie müssen also vieles gemein haben oder am Ende gar einerlei sein. 1. Kein Erkennen ist ohne Empfindung, d.i. ohne Gefühl des Guten und Bösen, der Bejahung und Verneinung, des Vergnügens und Schmerzes: sonst könnte die Neugierde, erkennen, sehen zu wollen, weder dasein noch reizen. Die Seele muß fühlen, daß, indem sie erkennet, sie Wahrheit sehe, mithin sich genieße, ihre Kräfte des Erkennens wohl angewandt, sich also fortstrebend, sich vollkommner wisse: je inniger und unaufgehalten sie das gewahr wird, desto inniger empfindet sie Wohllust. Setzt, die Seele erkenne nicht (ein Zustand, den wir zum Teil nur aus der Ohnmacht kennen), so ist Tod da: Lähmung. Die Seele hat ihr Dasein gleichsam, d.i. ihren Genuß an sich und der Welt, verloren. Setzt, die Seele betrachte etwas, was Unding ist, als Wahrheit; so kann sie’s nur so lange, als die dunkle Vermischung unvollständiger Ideen ihr noch den Schatten als Wahrheit vorhält. Sie kommt aber zu sich: die Ideen werden weniger, heller, tiefer: sie findet kein Vergnügen mehr am Wahne, weil sie inne wird, daß sie bei ihm nichts gedacht habe. Sie wirft ihn weg und wählt Wahrheit.[399] Setzt endlich, die Seele erkenne, schreite fort; aber unsanft, ohne Maß dessen, was sie fassen soll zum Gebrauch ihrer Kräfte: die Arbeit wird ihr sauer, sie fühlt sich unwillig, bis sie zuletzt, wenn sie nicht durchbrechen kann, am Orte der größten Dunkelheit zu rückkehret.

Sie hört über den Gegenstand zu denken auf, unter dem sie zu erliegen schien, der sie mit Schwarz umhüllte: sie hat ihre Lust zu erkennen an ihm gebüßet und wandert anderswohin aus! Das Erkennen der Seele läßt sich also nicht ohne Gefühl des Wohl- und Übelseins, ohne die innigste geistige Empfindung der Wahrheit und Güte denken. Das Wort Neugierde, Verlangen nach neuen Erkenntnissen, sie auf die leichteste, beste Weise zu sehen, sagt’s. 2. So läßt sich keine Empfindung ganz ohne Erkennung, d.i. wenigstens ohne dunkle Vorstellung der Vollkommenheit, und zwar fortrückender Volkommenheit, denken: selbst das Wort Empfindung sagt’s. Man muß mit sich und seinem Zustande beschäftigt sein, sich also und seinen Zustand fühlen, im Wohlstande und in der Fortdauer oder im Gegenteil fühlen, d.i. dunkel erkennen, in der sanften Fortdauer eine Art Wachstum, Zunahme, Genuß mehrerer, längerer Vollkommenheit ahnden, d.i.

dunkel voraussehn, oder es ist kein Zustand der Empfindung. Selbst wenn wir uns eine Pflanze empfindend denken: so ist’s, wie der tiefste Grad von Empfindung, so auch der dunkelste Zustand der Selbsterkenntnis und dessen, was in dies Selbst einfließt. Wir können nach dem gemeinen Begriffe nicht umhin, selbst in Gott, in dem Wesen, was weder durchs Erkennen noch Empfinden wachsen kann, beide Zustände nach unsrer Analogie zu setzen, weil wir sonst keinen innern Zustand eines Wesens kennen. Ja wenn bei der Empfindung Tätigkeit sein soll, unsern Zustand zu ändern oder darin zu beharren, wie die Aufgabe mit Recht zum Grunde setzt, so ist beides nicht ohne Erkenntnis, und zwar einen sehr vorzüglichen Grad derselben, möglich. Erkennen ist also nicht ohne Empfindung: Empfindung nicht ohne ein gewisses Erkennen. Laßt uns beide Fähigkeiten nun genauer bestimmen und in ihren Grundgesetzen entwickeln. Vom Gefühl der Pflanze wissen wir nichts, und vom Phänomenon des Triebes der Bewegung im Steine noch minder; laßt uns also vom untersten Grad unsrer tierischen Empfindung anfangen: wir fahlen uns in einem sehr vielartigen und zu einem[400] Zwecke äußerst fein organisierten Körper lebend. Körperlich zu reden, fühlt sich die Seele, d.i. unsre Kraft, zu erkennen und zu wollen, selbst in ihren abgezogensten Verrichtungen mit dieser Masse, wenigstens mit Teilen derselben, verbunden, daß sie diesen Ort im Universum nicht verlassen kann, wohin sie sich von einer fremden Macht gesetzt siehet.

Sie fühlt weiter ihre selbstgedachte und abgezogenste Kenntnisse als Resultate ihrer Verbindung mit dem Körper und (noch immer körperlich zu reden) als ein Werkzeug, oder vielmehr als ein Aggregat unzählbarer Werkzeuge, ihr Kenntnisse zu gewähren. Sie fühlt endlich, im weitesten Verstande, sich als Inwohnerin gleichsam in diesen Körper ausgegossen, daß sie mit allen Werkzeugen desselben empfinde, desselben körperliche und organische Kräfte brauche, dadurch immer eine Kraft von sich anwende, sich also im Gebrauch dieser Kraft fühle, wohlseind, daurend in sanftem Maß fortstrebend fahle – sich also in diesem Körper wie in einem Spiegel ihr[er] selbst erkenne. Dies ist unser Zustand, und daher kommt die innige Vereinigung der Kraft, zu erkennen und zu genießen, zu sehn und zu empfinden. Diesen Zustand nun bis auf den tiefsten Abgrund uns innigst und doch deutlich vorzustellen ist nicht möglich, weil wir weder die Natur der Gedenkkraft noch der Empfindungs- und Körperteile aus dem Universum und aufs Universum hin erklären und beziehen können. Und schon aus dem Grunde sind alle Systeme über die Verbindung der Seele und des Körpers nichtig. Wir sind in eine Welt unendlicher Ideen und Würkungen gesetzt, an denen wir, aber nur als einzelne Wesen, teilnehmen, und wissen selbst nicht, wohin oder woher jede unsrer Ideen würke. Wie sollten wir nun wissen, auf welche Art wir einzelne Wesen wurden? wie sich aus der allgemeinen Natur der Dinge die Kraft zu erkennen mit der Masse Organisation zu Empfindungen gattete, daß sie, wenigstens dem Scheine nach, zusammen und ineinander würken? Wer begreift, wie in der raum- und zeitlosen Unendlichkeit Raum, Zeit und einzelne Dinge wurden? Niemand! Die Untereinanderordnung deutlicher klarer und dunkler, aber lebhafter und würksamer Ideen ist das Meisterstück der göttlichen Kraft und Weisheit, die in jedem einzelnen Punkt nicht anders als aus der Zusammenordnung des Ganzen eingesehen werden müßte.

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